Wie ist das für Sie, dass Sie aktuell plötzlich nicht mehr auftreten dürfen?
Ja, da fehlt etwas. Ganz klar. Es ist merkwürdig, letztendlich, weil dadurch von heute auf morgen natürlich auch etwas weggenommen worden ist, das sich so nicht angedeutet hat. Es gibt ja Berufe, die es aufgrund von technischen Entwicklungen nicht mehr gibt, so wie zum Beispiel der Kutschfahrer, der vom Autofahrer abgelöst worden ist, oder andere Dinge wie Kameras mit Film, die dann plötzlich nicht mehr da waren. Das waren aber alles Entwicklungen, die ließen sich vorhersehen. Die Coronakrise kam jetzt vollkommen unvorhergesehen.
Ja, das war wirklich ziemlich unvorhergesehen.
Wobei ich das schon ein bisschen kommen sah, weil ich just in der ersten Februarwoche in China auftreten sollte. Im Januar hörte ich, schon mit Visum und Flug in der Tasche, nee wir können das nicht machen, weil dort dieser Virus grassiert. Da hatten ich und andere noch gehofft, das das Virus nicht bis Deutschland vordringt. Aber in diesem Fall haben wir uns ja getäuscht.
Wie sieht ihr Alltag zu Hause in Fürstenberg/Havel aktuell aus?
Naja, ich habe natürlich das Glück, hier in Brandenburg mit Haus und kleinem Garten mehr Platz zu haben und nicht in einer Zweizimmerwohnung in Berlin zu hocken. Das ist schon bedeutend schöner. Außerdem mache ich viel Musik. Und ich schreibe zum Beispiel für das deutsche Musiker-Webmagazin www.bonedo.de über Musikinstrumente. In meinem Studio habe ich gerade zwei Instrumente, die ich derzeit teste, und anschließend darüber schreibe. Ansonsten verbringe ich viel Zeit mit meiner Familie.
Also langweilen Sie sich nicht.
Auf keinen Fall. Ich drehe wirklich nicht am Däumchen. Aber wenn ich jetzt alleine in meiner Wohnung sitzen müsste, dann sähe die Sache sicher anders aus.
Stellen Partys im Internet eine gute Alternative dar?
Es ist sicher keine Alternative auf Dauer. Aber dadurch, dass es was Neues ist, ist dies auf jeden Fall etwas Interessantes. Streaming gibt es ja bereits schon länger, aber es war bislang eine Nische, eine Geschichte, die nicht wirklich ernst genommen worden ist. Jetzt, wo es überhaupt keine Clubs gibt, die man besuchen könnte und alle DJs zu Hause hocken, da ist das dann plötzlich das große Thema geworden. Und ich habe auch von Leuten gehört, die sich tatsächlich die ganze Zeit diese Streams angucken, während sie andere Dinge machen. Das ist so eine Art Radioersatz für sie geworden. Und sie haben, wie sie sagen, dabei schon eine Menge interessanter DJs kennengelernt, auf die sie sonst niemals gekommen wären.
Produzieren sie auch selbst solche Streams?
Ich selbst habe Streams auf meine Website hochgeladen. Außerdem bin an diesem Sonnabend bei Dr. Motte in Berlin eingeladen. Der macht ja immer diese Instant Raves, die gestreamt werden. Bei ein paar selektiven Sachen bin ich als schon dabei. Aber gerne lieber bei Streams, die auch von einer größeren Community organisiert werden.
Wie ist die Resonanz?
Also bei meinem jüngstem Stream war das ganz schön. Ich habe dann auch mit den Leuten gechattet. Es war schon echt toll, mit den Leuten auf so eine andere Art zu kommunizieren. Wenn ich in einem Club spiele, dann ist das eine andere Art von Kommunikation. Das ist meistens nonverbal, manchmal kommt man auch ins Gespräch. Aber das sind natürlich immer aufgrund der Lautstärke sehr knappe Gespräche. Beim Chat sind es schon wegen des Formats auch keine langwierigen Diskussionen. Aber es gibt so auch schon eine gewisse Nähe zum Publikum, die man sonst nicht so häufig hat.
Worüber kommunizieren Sie denn so mit den Leuten?
Darüber, was den Leuten gefällt, welches Stück im Set zum Beispiel oder bei welchen Veranstaltungen sie dabei waren, was sie beeindruckt hat. Das ist schon sehr wertvoller Input.
Geht Ihrer Meinung alles so weiter wie vorher, wenn die Krise vorbei sein wird, was allerdings derzeit ja noch nicht absehbar ist?
Also ich glaube, es wird sich eine ganze Menge überall ändern. Die Frage ist ja, ob wir zurück in das alte Leben wollen oder in ein besseres neues. Ich schaue ja immer nach vorn, denn ein Grundgedanke von Techno war es ja immer, nach vorn zu schauen und Zukunft zu haben – und nicht das Alte weiterhin zu wollen. Ich habe die Hoffnung, dass wir mit der gesamten Gesellschaft in eine bessere Zukunft kommen.
Und wie sieht es insbesondere im Bereich Clubmusik aus?
Für den Bereich Clubmusik erwarte ich, dass es sehr viel Nachholbedarf bei den meisten gibt, dass sich viele sehr freuen, wieder direkten Kontakt zu anderen zu haben, Musik laut zu erleben. Für manche Leute sind die Clubs auch wie ein zweites Wohnzimmer. Das fehlt sicher schon vielen Leuten. Aber wie es dann nach dem ersten Aufatmen weitergeht, das wird man dann sehen. Ich habe auch schon mit Leuten geredet, die vermuten, dass Leute zunächst nur mit Abstand in die Clubs gelassen werden. Meine Meinung dazu ist, raven mit Abstand, das geht nicht. Das braucht kein Mensch. Partys und Clubs, das sind wirklich identitäts- und gemeinschaftsstiftende Orte, wo Abstandsregeln nur contraproduktiv dem eigentlichen Ziel der Clubs gegenüberstehen. Ich habe da hoffentlich auch einen Atem, der lang genug ist, um zu warten, dass wir dann endlich wieder richtig starten können.
Kleinere Partys, zum Beispiel im Fürstenberger Verstehbahnhof, sind dann also ihrer Meinung nach keine gute Option?
Es war ja eine Party im Verstehbahnhof geplant, aber diese konnte ja nicht stattfinden. Genauso, wie wir wahrscheinlich auch die Fête de la Musique am 21. Juni in Fürstenberg in der Form nicht haben werden. Allgemein verstehe ich zwar die Ungeduld der Leute, wieder Gemeinschaft zu erleben. Aber ich habe auch ein bisschen Sorge vor dem Jo-Jo-Effekt. Und so ein Virus ist, wenn es zurückschlägt, sicher viel verheerender. Das sollten wir alle auf jeden Fall vermeiden. Wir haben das bislang doch alle ganz gut hinbekommen. Wenn wir wieder anfangen, dann sollten wir es auf jeden Fall richtig machen.
Was hat Sie eigentlich nach Fürstenberg verschlagen?
Erst einmal natürlich die schönen Landschaften, die schöne Natur, der Wunsch, ein eigenes Haus zu haben. Wenn ich mir jetzt vorstelle, in einer kleinen Wohnung zu sitzen, dann ist das hier doch sehr viel angenehmer. Dann ist natürlich der Bahnhof ganz wichtig. Ich fahre ja häufig nach Berlin oder zum Flughafen. Die strategische Nähe zum Bahnhof, zur Natur aber auch zu Geschäften und auch zur Schule für die Kinder einfach – hier hat man also alles, was man braucht. Wir sind hier einmal irgendwie gelandet und fanden es einfach toll hier.
Sie sind ja sicher auch finanziell sehr erfolgreich. Aber es gibt ja auch Künstlerkollegen, denen geht es nicht so gut. Wird da unter Kollegen nicht der Ruf nach einer Art von gewerkschaftlicher Organisation laut?
Wir sind ja alles Freiberufler. Und in Brandenburg hat man da ja auch nicht viel zu erwarten. In Berlin haben vor einem Monat alle gepostet, dass sie 5 000 Euro mehr auf ihrem Konto haben. Dies wird in Brandenburg so nicht passieren. Erst jetzt in der Krise merkt man ja, dass Dinge, die mit dem reinen Überleben zu tun haben, wichtiger als Kunst und Kultur werden. Zumal es ja in der Musikbranche ja auch ganz verschiedene Interessen gibt, die sich nicht unter einen Hut packen lassen.
Zum Beispiel?
Ja, zum Beispiel Urheberrecht: Ich als DJ spiele ja zumeist die Musik anderer Komponisten und ärgere mich, wenn mein Livestream auf YouTube und anderen Internetkanälen geblockt wird, wünsche mir aber auch gleichzeitig eine ordentliche Vergütung der Nutzung meiner eigenen Werke. Zur Zeit bekommt man das nur schwer unter einen Hut und ich würde mir für die Zukunft eine faire und gerechte Lösung für alle Beteiligten wünschen. Vom Verkauf selbstproduzierter Musik können DJs in Zeiten von Downloads und Spotify kaum noch leben und sind auf die Gagen von Auftritten in Clubs und auf Festivals angewiesen. Die eigene Musik war in den letzten Jahren quasi nur noch Werbung für bezahlte Gigs geworden. Jetzt, wo es plötzlich keine öffentlichen Auftritte mehr geben darf, merken wir, wie wichtig auch eine faire Vergütung von Musik ist.

Livestream am Sonnabend


Mijk van Dijk ist DJ und Produzent von elektronischer Musik.

Er hat an der Freien Universität Berlin Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Germanistik und Nordamerikanistik studiert.

Am heutigen Sonnabend, dem 2. Mai, in der Zeit von 17 bis 18 Uhr, tritt er im Livestream von Dr. Motte "Rave the Planet" auf. Zuvor sind dort Kyoka sowie anschließend Frank Müller aka Beroshima zu erleben.

Link im Internet: www.ravetheplanet.com/events/instant-rave-010    ekö