Fachkräftemangel: Viel mehr als Grabsteine meißeln
In einer großen und modernen Werkhalle befindet sich sein Arbeitsplatz – abgesehen von zahlreichen Baustellen, auf denen sich der 19-Jährige tummelt. Wobei das Fürstenberger Unternehmen Naturstein Borwig, es ist der Arbeitgeber Paul Schülers, über modernste, millimetergenau arbeitende Maschinen verfügt, die in der großen Werkhalle stehen.
Computergesteuert sind sie sowieso, CNC werden sie genannt (Computerized numerical control). Da benötigt man nicht allein geschickte Hände, ebenso ist ein kluges Köpfchen gefragt.
Anspruchsvoll und vielseitig
Paul Schüler verfügt von beidem mehr als genug. Seine Lehre konnte er vergangenes Jahr erfolgreich abschließen. Zur Freude der Handwerkskammer Potsdam. Die kürte ihn im Herbst vergangenen Jahres gleichsam nachträglich zum Azubi des Monats in der Berufsgruppe der Steinmetze.
„Tja, der Beruf hat sich außerordentlich gewandelt, die Anforderungen sind ganz anders heutzutage. Anspruchsvoll und vielseitig sind die meisten Tätigkeiten, die ein Steinmetz zu verrichten hat“, betont Olav Borwig, der Chef, und schmunzelt: „Die meisten denken gleich an Friedhof, wenn der Begriff Steinmetz fällt“, aber das sei Quatsch. Die wenigsten Aufträge würden sich mittlerweile auf die Anfertigung von Grabsteinen beziehen. Sein Unternehmen sei zum Beispiel Zulieferer für Baufirmen, die in Gebäuden besonderes Material einbauen. Etwa Fensterbänke, Treppenstufen oder Platten aus hochwertigem Material für Küchenzeilen.
Restaurierungen wichtig
Sehr gefragt seien mittlerweile auch Großkeramik-Anfertigungen für Bäder etwa in Eigentumswohnungen. „Und wir restaurieren auch viel, so haben wir in Neustrelitz kürzlich an der Restaurierung eines historischen Brunnens mitgewirkt“, erläutert der Firmenchef. Ebenso bei der Sanierung des Jagdschlosses Prillwitz nördlich von Neustrelitz.
In guter Erinnerung ist noch die Arbeit vor mehr als dreieinhalb Jahren in Gransee, als Naturstein-Borwig den Eingangsbereich der neuen Postfiliale Rolff mitgestaltete. Immerhin wurde ein filigranes Relief über dem Eingangsbereich platziert, ebenfalls im Sinne des Erhaltes von historischer Bausubstanz. „Aber das Hauen am Stück, die klassische Arbeit eines Steinmetzes ist mittlerweile doch ziemlich selten“, merkt Paul Schüler an. Neun Mitarbeiter stark ist die Firma Naturstein Borwig, die im Gewerbegebiet an der Lychener Chaussee ihr Domizil hat. Man sei ein vergleichsweise recht junges Team, so zwischen 35 und 40Jahre alt. „Wir bilden außerdem gerne und regelmäßig aus, was bedeutet, ein Auszubildender oder eine Auszubildende lernt bei uns drei Jahre“, erklärt Olav Borwig.
Bildung oft ein Problem
Und wenn der betreffende Lehrling fertig sei mit seiner Ausbildung, werde gut und gerne der nächste unter Vertrag genommen. Allerdings gebe es nicht nur einen zu beklagenden Fachkräftemangel etwa auf dem Bau, auch der Nachwuchsmangel sei wie bei vielen Bau- und Handwerksberufen enorm. Zumal die schulische Bildung bei nicht wenig jungen Leuten aus Sicht vieler Handwerksmeister häufig gar nicht ausreicht. Lesen, Rechnen und Schreiben, das seien schon wichtige Grundvoraussetzungen. „Es gibt mittlerweile bei Handwerksberufen einen gewissen Anspruch an die Fähigkeiten“, betont Olav Borwig. So gebe es bei der Bezeichnung des Handwerksberufes Steinmetz in der Ausbildung einen wichtigen Zusatz: „Steinbildhauer“. Aber genauso wichtig sei: „Wer wirklich will und lernwillig ist, kann was werden bei uns“, merkt der Firmenchef an. Nicht selten sei es zum Beispiel, dass junge Steinmetze, die erfolgreich ausgelernt haben, ein Studium beginnen, um zum Beispiel Architekt zu werden. „Immerhin ist Steinmetz einer der ältesten Berufe auf der Welt, es gab ihn bekanntlich schon in der Antike.“ Seine Tochter Johanna muss Borwig jedenfalls nicht mehr überzeugen. Sie tritt in die Fußstapfen ihres Vaters und erlernt den Beruf des Steinmetzes, oder sagt man Steinmetzerin? Und mit den Fähigkeiten und Leistungen von Paul Schüler, der übrigens ein gebürtiger Granseer ist, zeigt sich der Chef sehr zufrieden. Wie geht es bei Paul aber weiter? Der denkt schon einen Schritt voraus und kann sich vorstellen, eines Tages sich wieder auf die Schulbank zu setzen. „Da geht es dann in Richtung Meister“, merkt der junge Mann an.
Die ganze Vielfalt des Steinmetz-Berufes
Spalten, behauen, schleifen oder polieren: Der Stein kann vom Fachmann nach einem Modell in ein Kunstwerk verwandelt werden. Lehrlinge können sich auf Steinbildhauerei oder Steinmetzarbeiten spezialisieren.
Maschinen nehmen dem Handwerker harte Arbeit ab, zum Beispiel Schleifautomaten für die Oberfläche. Die Einsatzorte sind so vielfältig wie die Steinarten: Werkstätten oder Verkaufsräume der Steinmetzbetriebe, Steinbildhauereien, Bauhütten oder Baustellen.⇥pilz

