Gedenken: Auf einmal war Toni verschwunden

Zeitgeschichte am Marktplatz: Die Context-Vertreterinnen informierten über jüdische Schicksale.
Jürgen RammeltViele Jahre war die Stadt Fürstenberg, die früher zum Herzogtum Mecklenburg-Strelitz gehörte, ein jüdisches Zentrum in der Region. Im 19. Jahrhundert lebten zeitweise bis zu 300 Jüdinnen und Juden in der Stadt an der Havel. Christliche und jüdische Kinder lernten gemeinsam in der Stadtschule, aber auch eine jüdische Schule gab es.
Noch heute erinnert in der Kirche ein Wandteppich mit einem abgebildeten siebenarmigen Leuchter, eine Menora, an diese Zeit. Doch inzwischen sind viele Orte sowie die Namen der jüdischen Familien, die einst das Leben in der Stadt mitprägten, in Vergessenheit geraten. Etwa die Synagoge, aufwendig restauriert unter Hofbaumeister Friedrich Wilhelm Buttel, der auch die Stadtkirche erbaute.
Anders und Röleke stellten eine 48-seitige Publikation mit dem Titel „Was bleibt“ vor, in der die Spuren jüdischer Geschichte in der Wasserstadt anschaulich dargestellt werden. Die Handreichung erinnert an die Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Fürstenberg zur Zeit des Nationalsozialismus. Während der Novemberpogrome wütete eine aufgebrachte Menschenmenge vor der Villa der Familie Hamburger und zertrümmerte die Fensterscheiben. Der jüdische Friedhof wurde im Nationalsozialismus völlig zerstört.
Von der Kirche aus ging es am Sonnabend zum Haus Markt 4. Hier wohnten einst Emma und Therese Götz, zwei liebenswürdige Jüdinnen, die für jeden Vorbeikommenden ein nettes Wort übrig gehabt hätten. Deren Vater Jacob Götz war Arzt und Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Er setzte sich für den Bau einer Synagoge und für das Schulwesen ein.
Nächste Station war das Fließ am Fürstenberger Schloss. Hier berichteten die Context-Forscherinnen vom Leiter des einstigen Sanatoriums Victor Emil von Gebsattel, der in seiner Einrichtung vorwiegend nervenkranke Menschen behandelte. Dazu gehörte mit Herta Zachmann auch eine Jüdin, die vermutlich später im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde. Aber auch an Oskar Minkowski wurde an dieser Stelle gedacht, den „Großvater des Insulins“. Ein Gedenkstein im Stadtpark erinnert an den Mediziner.
Gleich zwei Erinnerungsorte gab es am Markt um Umfeld des früheren Hotels „Mecklenburger Hof“. Zum einen befand sich dort das Geschäft von Hugo Liebenthal. Wie eine Anzeige aus dem Jahre 1910 berichtet, war sein Geschäft auch die Annahmestelle für eine Wäscherei und chemische Reinigung. Liebenthal war viele Jahre Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, Ehrenmitglied der Feuerwehr und auch seine Frau Martha engagierte sich in der Stadt.
Wenige Meter davon entfernt, in der Baalenseestraße befand sich die Synagoge. Mal konnte Juliane Röleke, mal Katja Anders viel Interessantes zur Geschichte des jüdischen Lebens in Fürstenberg berichten: dass es in der Straße Brauereien und Brennereien gab, deren Kühl- und Malzwasser dafür sorgte, dass oftmals niemand trockenen Fußes das Gebetshaus erreichen konnte. 1788 kam es daher zu einem Neubau, der 1797 beim großen Stadtbrand wiederum zerstört wurde.
Die letzte Jüdin verschwand
Bereits 1731 entstand in Fürstenberg ein jüdischer Friedhof, der sich an der Ecke Berliner Straße/Dammstraße befand. 30 Jahre später war er bereits zu klein und musste erweitert werden. Von 1767 bis 1925 wurden dort jüdische Bürger der Stadt bestattet. Ein winziges Mauerteil ist heute noch zu erkennen. Nach 1914 verfiel der Friedhof zusehends. Es war Otto Potzernheim, ein gebürtiger Fürstenberger, der Geld spendete, um den Friedhof zu restaurieren. 1936 gab es Pläne, die Toten umzubetten. Ob das geschehen ist, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Heute erinnert lediglich ein Gedenkstein, der 2000 aufgestellt wurde, an die einstige Begräbnisstätte.
Erinnert wurde auch an das Schicksal von Toni Richter, die vermutlich letzte Jüdin, die in Fürstenberg wohnte. Sie lebte zuletzt völlig zurückgezogen und in großer Angst vor der Deportation. Sie starb 1942 in Theresienstadt. Aber auch Ruth Hamburger war eine bekannte Jüdin, die mit ihrer Großmutter am Baalensee die Pension „Haus in der Sonne“ betrieb. Sie nahm sich vor der Deportation nach Auschwitz mit 35 Jahren das Leben. An ihr Schicksal erinnert seit 2012 ein Stolperstein.
Erinnerung soll wachgehalten werden
Bürgermeister Robert Philipp (parteilos) verfasste ein Grußwort. "Anhand konkreter Orte und Lebensgeschichten wird die jüdische Geschichte Fürstenbergs wieder sichtbar und unser Wissen über die Vergangenheit der Stadt ein Stück weit vervollständigt."⇥red