In den kontaktarmen Corona-Zeiten trafen sich die Sängerinnen und Sänger bisher nur virtuell in einer WhatsApp-Gruppe, in der Lieder ausgetauscht wurden, die der Chorleiter und Kantor Jens Seidenfad vorgesungen und mit Gitarre eingespielt hatte. Aber es führte eben kein Weg zu einem Chortreffen im Garten, in der Kirche oder einer Scheune. Alles verboten.
Mit Genehmigung
Da kam die Demo-Idee auf, und Chormitglied Antonia Herzog meldete für den 8. Mai eine Veranstaltung für 50 Personen vor der Grüneberger Kirche an. Sie erhielt die Genehmigung dafür.
Der 8. Mai war für Jens Seidenfad dann ausschlaggebend, die Demo unter einen besonderen Stern zu stellen. Am Vortag malte er ein Plakat: "8. Mai, 75 Jahre Frieden, #gemeinsam erinnern, #bewahren, #gestalten". "Das hänge ich jetzt an die Kirchenmauer", sagte Seidenfad. Für ihn sei es wichtig, den Bezug "zu unserer Zeit herzuleiten", so Seidenfad. "Wir leben in einem Land, in dem man gerade merkt, wie fragil unsere Freiheit ist und wie wichtig es ist, sie mitzugestalten." Am ehemaligen Kriegerdenkmal auf dem Gelände vor der Grüneberger Feldsteinkirche, das schon zu DDR-Zeiten zum Friedensdenkmal umgewidmet wurde, kamen wie vor die Kirchentür Zweige herrlich blühender Frühlingssträucher. Bevor am Freitag dann gemeinsam die Stimmen erhoben wurden, spielte Jens Seidenfad noch eine kurze und stimmungsvolle Erinnerung zum Tag der Befreiung von Esther Bejarano, der Vorsitzenden des Auschwitz-Komitees Deutschland, vor. Sie hatte kürzlich in einem offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel gefordert, den 8. Mai zu einem Feiertag in Deutschland zu machen. Jens Seidenfad kann das nur begrüßen. "Wir müssen Farbe bekennen." Zu DDR-Zeiten war ihm "das verordnete Gedenken immer schon zuwider".
Friedvoller Einsatz
Dann lieber eine musikalische Demonstration für den Frieden, mit gemeinsamem Singen für die Zukunft – diese Freiheit nahmen sich mehr als 40 Teilnehmer heraus. Die Polizei, die am Rand das außergewöhnliche Demo-Geschehen in Grüneberg verfolgte, wie es vorgeschrieben ist, hatte jedenfalls schon lange nicht mehr so einen friedlichen Einsatz  – und Gute-Laune-Gesang mit Tiefgang gab es gratis dazu.