Leidensschicksale aus dem Zweiten Weltkrieg und bunte Legosteine. Wie passt das zusammen? Die Antwort erfahren Besucher eines besonderen Gottesdienstes am Sonntag, 8. November, um 14 Uhr in der Grüneberger Kirche. Dort wird die mühevolle filmische Handarbeiter zweier 13-Jähriger aus Gutengermendorf vorgestellt. Sie haben Schritt für Schritt, Bewegung für Bewegung, den Leidensweg der 16-jährigen Kveta Hroniková aus Lidice bei Prag 1942 bis 45 nachgezeichnet.

Einzelne Bilder aufgenommen

Lisa und Arne haben dazu das Medium Stop-Motion gewählt, wobei mit Legofiguren bewegte Bilder aufgenommen werden. Stop-Motion ist eine Filmtechnik, bei der eine Illusion von Bewegung erzeugt wird, indem einzelne Bilder von unbewegten Motiven aufgenommen und anschließend aneinandergereiht werden. Sie kommt bei Trickfilmen wie beim bekannten Sandmann, aber auch als Spezialeffekt bei Realfilmen zum Einsatz.

Massaker an einem Dorf

Lisa und Arne haben damit die Zeit in den Herbstferien verbracht und zusammen mit der Grüneberger Pastorin Ruth-Barbara Schlenker die erschreckende Geschichte um die Auslöschung eines ganzen Dorfes erarbeitet. Der Massenmord im tschechischen Dorf Lidice im Juni 1942 gehört zu den bekanntesten Verbrechen des Zweiten Weltkrieges. Neue Forschungen zeigen, dass Ordnungspolizisten die Haupttäter waren. Der Befehl für das Massaker an mehr als 170 Männern kam von Adolf Hitler und Reichsführer-SS Heinrich Himmler. Frauen und Kinder wurden abtransportiert.

Zuarbeit von Gedenkstätten

Der geschichtlichen Hintergrund und eine Zuarbeit für die Jugendlichen aus Gutengermendorf kamen dafür aus den Gedenkstätten Ravensbrück und Lidice sowie ein Bildband, aus dem ein kleines Drehbuch mit einzelnen Szenen entstand, die in Filmszenen umgesetzt wurden. Kveta Hroniková hatte beim Massaker ihren Vater und sieben ihrer Geschwister verloren und wurde zusammen mit ihrer Mutter zunächst nach Ravensbrück, dann nach Grüneberg deportiert. „Hier musste sie Munition in der Fabrik herstellen. Wie neuere archäologische Grabungen ergaben, wurden die Männer in Lidice mit Patronen erschossen, die in Grüneberg hergestellt worden waren“, so Pfarrerin Ruth-Barbara Schlenker.

Frauenschicksale werden vorgestellt

Auch das Schicksal von Maria Winiarska (damals Lasocka), die im Widerstand in Warschau tätig war, konnte aufgearbeitet werden. Es wird am Sonntag ebenso in Bild und Ton dargestellt. Als drittes Schicksal wird das von Janusz Czeladko-Rakowicz vorgestellt, der 1945 im Grüneberger KZ-Lager geboren wurde und Anfang dieses Jahres seinen 75. Geburtstag feierte. Seine Mutter wurde im Zuge der Ausrottung des polnischen Dorfes Tykocin nach Ravensbrück deportiert und in Grüneberg in der Fabrik eingesetzt. Schlenker: „Auch zu seinem Enkel, der in Deutschland studiert, bestehen Kontakte.“

Uraufführung der Hatikva-Suite

Diese Schicksale werden von Jugendlichen des Arbeitskreises „Grüneberg erinnert“ vorgestellt. „Alles unter Beachtung strenger Regeln der Corona-Abwehr wie Mundschutz, Platzanweisung, begrenzte Platzzahl, Liste und Lüftung“, so die Pfarrerin. Zusätzlich kommt am Sonntag die Hatikva-Suite (Hatikva ist das hebräische Wort für Hoffnung) zur Uraufführung. Manfred Schlenker aus Hohen Neuendorf (der Vater von Ruth-Barbara Schlenker) komponierte die Suite für diesen Anlass. Sie schlägt die Brücke zum 9. November, dem Tag, als vor 82 Jahren in Deutschland die Synagogen brannten. Schlenker: „Ein Tag, der niemals vergessen werden darf.“ Das Lied Hatikva ist seit 1948 die Nationalhymne Israels und betont die Hoffnung auf Frieden, Freiheit und Beheimatung. Die Suite endet in einem Gemeindechoral mit Worten des alten Propheten Ezechiel, der allerdings nicht gesungen, sondern vorgetragen wird. Es musizieren Juliette Beauchamp und Maria Winiarski aus Berlin, außerdem Johann Brüning und Jens Seidenfad aus Grüneberg.