Geschichte
: „Es gibt kein klares Gut und Böses“

Die Filmemacherin Gerburge Rohde-Dahl spricht über ihr Porträt der SS-Oberaufseherin des KZ Ravensbrück, Johanna Langefeld. Der Film ist eine deutsch-polnische Co-Produktion und hat am 17. Januar in Fürstenberg Deutschland-Premiere.
Von
Thomas Pilz
Fürstenberg
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  • Über eine Täterin: Der Film lief bereits im Ausland, in der Alten Reederei ist die Deutschland-Premiere.

    Über eine Täterin: Der Film lief bereits im Ausland, in der Alten Reederei ist die Deutschland-Premiere.

    Privat
  • Sieben Jahre lang arbeitete Gerburge Rohde-Dahl an dem brisanten Dokumentarfilm.

    Sieben Jahre lang arbeitete Gerburge Rohde-Dahl an dem brisanten Dokumentarfilm.

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Seit etwa sieben Jahren recherchieren wir zu Johanna Langefeld. Zuerst hatten wir die Interviews mit den polnischen Überlebenden gemacht, die ja alle schon über 90 Jahre alt waren. Dann war es sehr schwierig, etwas über die Frauen zu erfahren, die an der Befreiung selbst beteiligt waren. Und in Deutschland war es vor allem schwierig, einen kleinen Film zu verwenden, 13 Sekunden etwa lang, der eine Gruppe von KZ-Häftlingen zeigt, wie sie zum Außenlager Grüneberg gebracht wird. Dort mussten die Häftlingsfrauen in der Munitionsfabrik arbeiten. Das Original konnte ich mir dank der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten anschauen. Aber es bedurfte auch der Rechte, den Film zu verwenden. Und die zu bekommen, war erheblich komplizierter.  Dankenswerterweise hat mir Gerhard Gabriel, der ehemalige Pfarrer in Grüneberg, sehr geholfen.

Wie schwierig war es, Zeitzeugen ausfindig zu machen?

In Fürstenberg wollte ich nach Spuren, Zeugnissen oder Zeitgenossen eines Sohnes der Aufseherin Langefeld suchen. Er war 1931 geboren worden. Drei Jahre lebten er und seine Mutter in Fürstenberg, von 1940 bis 1943. Der Sohn ging auch in Fürstenberg zur Schule. Aber niemand konnte sich oder wollte sich noch an ihn erinnern.

Hinreichend erforscht ist die Biografie der SS-Aufseherin, die einen offenbar widersprüchlichen Lebensweg nahm. Einerseits galt sie als brutale Oberaufseherin in Auschwitz, andererseits soll sie sich in Ravensbrück für Häftlinge eingesetzt haben. Was reizte Sie an der Frau?

Auf sie gestoßen bin ich über den Filmemacher Wladek Jurkow. Er wollte Frauen interviewen, die am Kriegsende der Aufseherin zur Flucht aus dem Gefängnis verholfen haben sollen, weil sie von deren geringen Schuld überzeugt waren. Anlass war eine Zeitungsnotiz über die Memoiren einer dieser Frauen, Alicia Galikowska. Sie erwähnte, dass Langefeld 1946 befreit worden sei. Was lange Zeit geheim gehalten wurde. Wladek Jurkow nahm mit mir Kontakt auf und wir vereinbarten eine Kooperation. Wobei der Film „Die Aufseherin“, dessen Deutschland-Premiere in Fürstenberg am 17. Januar stattfindet, von der in Warschau ansässigen Firma Arkadia-Film produziert wurde. Ich bin die Co-Produzentin.

Dieses schwierige und widersprüchliche Thema bewegte Sie offensichtlich. Welches Leitmotiv sehen Sie in Ihrer Arbeit?

Dass es kein reines Gut/Böse-Schema, kein einfaches Freund/Feind-Bild gibt. Das verstand ich bereits, als ich einen Film über das Holocaust-Denkmal drehte, über dieses große Stelenfeld, das von Besuchern oft nicht sofort als Mahnmal, sondern erst einmal als Attraktion verstanden wird. Wobei dessen Architekt Peter Eisenman schon nach Fertigstellung erklärte, er finde es in Ordnung, wenn die Menschen sich auf ihre Weise dem schrecklichen Thema der Judenvernichtung nähern. Und außerdem verbrachte ich die glücklichsten Tage meiner Kindheit selber im von den Deutschen besetzten Polen, dieser Widerspruch war auch ein wichtiger Impuls für die Kooperation.  Grundsätzlich halte ich es mit Hannah Ahrend, die ja von der Banalität des Bösen schrieb.  Ich denke ebenfalls, es gibt nicht von vornherein Dämonen, sie entstehen vor dem Hintergrund ganz bestimmter gesellschaftlicher Situationen in ganz normalen Menschen. Das ist immer und jederzeit möglich, auch jetzt.

Wie zeigt sich das bei der Aufseherin Johanna Langefeld?

Etwa indem sie im KZ Ravensbrück Repräsentantin eines brutalen Unterdrückungsregimes war, zugleich aber von der Ausstrahlung junger polnischer Häftlingsfrauen beeindruckt schien. Diese hatten um 1940 ihr Abitur gemacht und sich hochmotiviert und sehr patriotisch für Polen eingesetzt, bevor sie in die Fänge der Nazis gerieten und nach Ravensbrück deportiert wurden. Die geistige Ausstrahlung und Würde dieser Polinnen hat Johanna Langefeld offenbar berührt, so dass sie sich für die Häftlinge einsetzte.

Der Film entwirft eine differenzierte Perspektive auf die Zeit des Dritten Reiches und die Nazi-Verbrechen. Wie beurteilen Sie die Erinnerungskultur rund 75 Jahre nach dem Kriegsende und der Befreiung auch der Häftlinge des KZ Ravensbrück?

Es ist von großer Wichtigkeit, dass die Erinnerungskultur unvermindert gepflegt wird, auch in institutionellem Rahmen. Ich finde diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gut und unverzichtbar.

Biografische Details von Gerburg Rohde-Dahl

In Bremen ist die Filmemacherin als Gerburg Rohde im Jahr 1938 geboren. Sie studierte angewandte und freie Grafik an der Werkkunstschule Bremen und an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin.

1959 war sie Teilnehmerin an der documenta 2 in Kassel im Bereich Druckgrafik. 1960 erhielt sie ein Stipendium der Französischen Regierung in Paris. Von 1974 bis 1979 absolvierte sie ein Studium des Lehramts für Deutsch und Geschichte an der Universität Bremen.

Zahlreiche Dokumentarfilme drehte sie, unter anderem zahlreiche Beiträge für die Sendung mit der Maus, den Film "Das Kind gehört mir" (1974), "Ich sterbe und ich lebe" (2001) und "Ein weites Feld" (2009).

Die Filmemacherin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem 1984 den Grimme-Preis und 2010 in Los Angeles den Preis Honorable Mentition beim Los Angeles Reel-Filmfestival, und den Award for best Reportage beim 28. Internationalen Festival "FIFA Montreal".⇥pilz