Gesprächsrunde
: Fürstenberger erinnern sich an die Wendezeit

Bei einer Gesprächsrunde mit dem früheren Fürstenberger Pastor Eberhard Erdmann teilen die Besucher Erinnerungen an die Wendezeit.
Von
Matthias Henke
Fürstenberg
Jetzt in der App anhören
  • Vor und nach der Gesprächsrunde war Zeit zum Stöbern: Alte Zeitungsartikel, Fotos und Dokumente aus dem Gemeindearchiv konnten in Augenschein genommen werden.

    Vor und nach der Gesprächsrunde war Zeit zum Stöbern: Alte Zeitungsartikel, Fotos und Dokumente aus dem Gemeindearchiv konnten in Augenschein genommen werden.

    Ev.-Luth. KG Fürstenberg
  • Bewegte Zeiten: Alte Zeitungsartikel künden davon.

    Bewegte Zeiten: Alte Zeitungsartikel künden davon.

    Matthias Henke
  • Moderierte den Abend: Pastor i.R. Eberhard Erdmann

    Moderierte den Abend: Pastor i.R. Eberhard Erdmann

    Matthias Henke
1 / 3

Wohl zu deutlich hatten die SED-Oberen Angst, dies könne als Aufforderung zur Ausreise erscheinen, in einer Zeit, als Tausende DDR-Bürger über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen flohen, sagte Pastor i.R. Eberhard Erdmann (Seelsorger in Fürstenberg 1988 bis 1995), der diese Anekdoten am Mittwoch im Pfarrhaus als Einstieg in die Gesprächsrunde über die Wende in Fürstenberg gewählt hatte. „Wenn man dabei gewesen ist, ist es nicht nur Geschichte, sondern ein Lebensabschnitt in einem Ausnahmezustand“, stellt er fest.

Nach Fürstenberg kam der „Wenderummel“ vergleichsweise spät, wie wohl in den meisten Kleinstädten. Das erste Friedensgebet fand am 3. November statt. „Ich hab mich da ein bisschen an die Rampe geschoben gefühlt“, ließ Erdmann durchblicken, dass er nicht unbedingt von vornherein die Initiative ergreifen wollte. Am 16. Oktober nahm er mit seiner Frau zunächst in Leipzig, wo beide studiert hatten, am Friedensgebet teil. Dann ging es auf eine touristische Reise nach Moskau und Leningrad, wo sie Perestroika, aber auch die sozialen Probleme dort kennenlernten. Zurück in Fürstenberg sei er dann von einem Mitarbeiter mit der aktuellen Situation konfrontiert worden. „,Wann geht’s dann bei uns los?’, fragte er mich. ‚Die Leute rennen uns die Bude ein.’“, erzählt Erdmann.

Dass das nicht übertrieben war, zeigte die Teilnehmerzahl des ersten Fürstenberger Friedensgebets: 1 000 Leute, ein Fünftel der Einwohner der Stadt, wurden gezählt. Nicht alle passten in die Kirche. Die DAT-Disco sorgte mit ihrer Technik dafür, dass auch jene draußen alles mitbekamen. „Bei so vielen Teilnehmern blieb es nicht, irgendwann passten alle in die Winterkirche“, so Erdmann weiter. „Aber ich bin froh, dass wir uns haben vor diesen Karren spannen lassen“, blickt der Pastor zurück, getreu einem Zitat Richard von Weizsäckers: „Die Kirche soll nicht Politik machen, sondern sie ermöglichen.“

Kirche ermöglichte Politik

Die Gäste am Mittwoch trugen ebenfalls rege durch ihre Erinnerungen zur Veranstaltung bei: An eine Stadtverordnetensitzung am 9. November mit mehreren Hundert Teilnehmern wurde erinnert, in der ob der tumultartigen Zustände nur ein Teil von der Maueröffnung erfuhr, als die Neuigkeit vom Eingang her jemand in den Saal rief, und an die ersten freien Kommunalwahlen, von denen Sabine Hahn noch einen Wahlzettel aus ihrem Privatarchiv mitgebracht hatte. Peter Fank berichtete davon, wie er das erste Mal mit Rassismus konfrontiert wurde – als er den Umgang russischer Offiziere mit ihren Untergebenen erlebte. „Von je weiter östlich sie herkamen, desto schlechter wurden sie behandelt“, schilderte er. Auch die Motivation jener, die es nicht eilig hatten, nach dem Mauerfall in den Westen zu gelangen oder gar zuvor zu fliehen, kam zur Sprache.

Was aber wurde aus der eingangs erwähnten, zensierten Ausgabe der Kirchenzeitung? Bisweilen erschienen Publikationen dann mit ausgewechselten Passagen oder mit einem weißen Fleck an der monierten Stelle. „Ich habe die Zeitung leider nicht mehr“, sagte Erdmann. Doch auch so lagen genug Archivalia aus jener Zeit bereit, die die Gäste nach der gut zweistündigen Gesprächsrunde auch ausgiebig gerne in Augenschein nahmen.

Zum Weiterlesen

Neben der Kirchenchronik zitierte Erdmann vor allem aus folgendem Buch: Wolfgang Jacobeit/Wolfgang Stegemann (Hrsg.): Fürstenberg/Havel – Ravensbrück Band 2: Im Wechsel­­ der Machtverhältnisse im 20. Jahr-hundert, Verlag Hentrich und Hentrich Berlin 2004

Der Pastor hat dafür einen Beitrag verfasst. Weitere Autoren widmen sich in dem Buch der Wendezeit.

Drei Bände zur Geschichte Fürstenbergs und Ravensbrücks hat Wolfgang Stegemann herausgebracht, ab Band 2 zusammen mit Wolfgang Jacobeit.⇥mhe