Herzaktion: Trostbotschaften an der Grüneberger Litfaßsäule

Kantor Jens Seidenfad macht nicht nur die Litfaßsäule bunter: Er bringt als Trost Bilder von Umarmungen an.
Burkhard KeeveEs sind Werke von Künstlern verschiedener Epochen von Egon Schiele über Käthe Kollwitz bis hin zu Henri de Toulouse–Lautrec. „Es war ein Impuls, bildlich zu zeigen, was uns gerade so fehlt“, sagt Jens Seidenfad aus Grüneberg. Der Kantor aus dem Löwenberger Land hat dazu im Internet gestöbert und nach Umarmungen in der Kunst recherchiert. Dann wurde der Farbdrucker strapaziert. Neun Bilder hat er an die Säule geklebt, einfach so, „auch als Zeichen der Hoffnung, dass wieder bessere Zeiten kommen, in denen es keine Beschränkungen mehr gibt.“
Es ist nicht nur ein frommer Wunsch nach einem Ende der Kontaktverbote und Erlasse, Umarmungen sind so viel mehr. Sie tun uns gut, in mehrerlei Hinsicht. Daher vermissen wir sie auch so. Denn bei einer Umarmung wird das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet, das den Stresslevel senkt und Schmerzen und Ängste verringert. Regelmäßige Drücken und Umarmen stärkt das Immunsystem und kann sogar den Blutdruck senken. Sie wirken sich also positiv auf die eigene Gesundheit aus.
Auch ohne wissenschaftliche Erkenntnisse hat das wohl jeder irgendwie gewusst, nicht umsonst vermisst man diese Berührungen so. Die Haut ist schließlich das größte Organ. Kein Wunder, dass man so sensibel darauf reagiert, wenn der Kontakt unterdrückt werden muss.
Eine Umarmung kann so vieles geben: Gemeinschaft und Sympathie, Nähe, Wärme, aber auch Liebe und Zuneigung. Die „Mutter der Familientherapie“ wie die berühmte US–amerikanische Psychotherapeutin Virginia Satir (1916 bis 1988) gern bezeichnet wird, soll einmal gesagt haben: „Wir brauchen vier pro Tag zum Überleben, acht Umarmungen pro Tag, um uns gut zu fühlen, und zwölf Umarmungen pro Tag zum innerlichen Wachsen.“
Für den Grüneberger Kantor Jens Seidenfad sind seine Bilder an der unscheinbaren Litfaßsäule deshalb auch „Trostbotschaften“, verbunden mit viel Hoffnung, dass sie bald nicht mehr notwendig sind.
