Klosterscheune
: Aus dem Leben der Christa Wolf berichtet

Die Schauspielerin Ulrike Gronow erinnert in der Klosterscheune Zehdenick an die berühmte Schriftsteller. Alltägliches kommt dabei keineswegs zu kurz.
Von
Wolfgang Gumprich
Zehdenick
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Schnippelte Äpfel in den Topf: Die Schauspielerin Ulrike Gronow gab ihren Zuhörern Einblicke in den Alltag von Schriftstellerin Christa Wolf.

Wolfgang Gumprich

Im Jahr 1960 fordert die Moskauer Tageszeitung „Iswestija“ Schriftsteller auf der ganzen Welt auf, einen ganz gewöhnlichen Tag in ihrem Leben zu dokumentieren, und zwar den 27. September. Die Zeitung griff damit eine Anregung Maxim Gorkis auf, der kurz vor seinem Tod die Schriftsteller in aller Welt aufgefordert hatte, jeder für sich und doch gemeinsam einen durchschnittlichen Tag des Jahres zu schildern. In der DDR folgte auch die damals 31-jährige Christa Wolf dem Aufruf. Für sie soll es zu einer lebenslangen Gewohnheit werden. Daraus entstehen die Bücher „Ein Tag im Jahr“ (2003) und „Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert“ (2013). Die Tagebucheinträge wurden am Sonntag noch einmal lebendig. Die Schauspielerin Ulrike Gronow las daraus in der Klosterscheune.

Auf der kleinen Bühne standen ein Plattenspieler und ein kleiner Herd mit Topf. Legte Christa Wolf – im Text – eine Schallplatte auf, so tönte es entsprechend aus den Lautsprechern der Klosterscheune. Schauspielerin Gronow erhob sich dann, schälte Äpfel, schnitt sie in kleine Stücke, warf sie in den tiefen Topf.

Christa Wolf hatte einen sehr präzisen Blick, sog wie ein Schwamm alles, was sie sah, auf, um es dann literarisch zu verwerten. Kleinste Kleinigkeiten fixierte sie schriftlich. Zum ersten Mal wendete sie diese Technik in ihren „Moskauer Tagebüchern“ an, die sie 1957 mit dem ersten Besuch in der russischen Hauptstadt begann. In ihren Aufzeichnungen zum 27. September steht Banales ("bin aufgestanden") neben dem Wetterbericht, Essen kochen neben dem Zeitung lesen, Arztbesuch mit der jüngsten Tochter – die Alltäglichkeit des Alltags. Die Ausweisung Wolf Biermanns im November 1976 beschrieb sie als „Schock des Jahres“. Im Laufe der Jahre wechseln die Orte, an denen sie ihre Tagebucheinträge für den 27. September fertigte, mal Mecklenburg, mal Brandenburg, dann wieder Berlin. Doch nicht nur die Orte wechseln, auch ihre innere Überzeugung geriet ins Wanken. Sie, die schon als Abiturientin in die SED eingetreten war, verließ diese 1989 vor dem Mauerfall und gehörte zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs „Für unser Land“. Hier setzten sich Schriftsteller und auch Politiker für die Existenz der DDR ein und gegen die Vereinnahmung des Landes durch die BRD. 1990 schrieb Christa Wolf in den Tagebucheinträgen: „Das bislang Unsichtbare löst sich jetzt oben auf.“ Ihre Stasi-Kontakte von 1959 bis 1962 kamen ans Licht, als IM Margarete hatte sie drei Berichte verfasst. Denen stehen 42 Bänder der Opferakte „Doppelzüngler“ gegenüber, die die lückenlose Überwachung des Ehepaars Wolf über 20 Jahre dokumentieren. Sie müsse schreiben, um kenntlich zu bleiben, sagte Christa Wolf einmal. Die Tagebücher geben davon Kenntnis.

Nach einer Stunde beendete Ulrike Gronow ihre Lesung. Und löste ein Geheimnis auf: „Es gibt Apfelmus!“ In der Tat! Der tiefe Topf auf der Bühne der Klosterscheune diente nicht nur der Dekoration.

Die Veranstaltung in Zehdenick wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung finanziell unterstützt.

BedeutendeSchriftstellerin

Christa Wolf war eine deutsche Schriftstellerin. Sie zählte zu den bedeutendsten Schriftstellerpersönlichkeiten der DDR. Sie starb am 1. Dezember 2011 in Berlin.

Die Schriftstellerin erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Unter anderem den Georg-Büchner-Preis.⇥red