Ein einziges Wort stand in dem Fax, das der seit fünfzig Jahren in Deutschland lebende Amerikaner Michael S. Cullen einen Tag nach dem Mauerfall von dem Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude erhielt: „fantastic“. Schon mehr als einmal hat sich der Wahlberliner Michael S. Cullen in der Klosterscheune Zehdenick als Strippenzieher der Reichstagsverhüllung geoutet.

Publizist nicht zum ersten Mal in Zehdenick

Immer, wenn es um das Thema Deutsche Wiedervereinigung geht, ist der Publizist ein gern gesehener  Gast in Zehdenick. Ende April kehrt Michael S. Cullen zurück nach Zehdenick, und zwar zu einer spektakulären Aktion: „Es werden Originalwerke des Künstlerehepaares Christo und Jeanne-Claude versteigert“, kündigt Galerist Jörg Zieprig gleich mit drei Ausrufezeichen an. Allerdings noch ohne Nennung der Exponate, die am Freitag, 23. April, ab 19.30 Uhr versteigert werden sollen, zumal die Aktion auch davon abhängig gemacht wird, ob eine  Veranstaltung in geschlossenen Räumen coronabedingt an diesem Tag überhaupt möglich sein wird. Nur zwischenzeitig hatte die Klosterscheune in diesem Jahr unter strengen Auflagen für Besucher öffnen können. Und auch dann durften  sich nur zwei Personen nach vorheriger Terminvereinbarung gleichzeitig in der Galerie aufhalten.

Geforscht zur Geschichte des Reichstagsgebäudes

Der 1930 in New York City geborene Michael S. Cullen studierte Slawistik, Philosophie, Geschichte und Musik am Brooklyn College und an der Freien Universität Berlin. Mit 25 Jahren kam er als Englischlehrer 1964 in die geteilte Stadt. Später arbeitete er als Dolmetscher, Übersetzer, Rundfunkredakteur und Sprachlehrer. Zahlreiche Publikationen zeugen von seinen Forschungen zur Berliner Stadtgeschichte, insbesondere zur Historie des Reichstagsgebäudes, zu dessen Verhüllung durch das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude er bereits 1971 der Ideengeber war. Für seine Verdienste im Zusammenhang mit der Einladung von Christo erhielt er 1995 den Verdienstorden des Landes Berlin und 2003 das Bundesverdienstkreuz. Cullen ist bis heute ein Zeitgenosse geblieben, der etwas bewirken will. Er hat sich vielfältig in  öffentliche Kontroversen eingemischt, beim Jüdischen Museum etwa oder beim Holocaust-Mahnmal in Berlin. Auch in Zehdenick hielt der Journalist mit seiner Meinung nicht hinterm Berg, als es um die Folgen der Wiedervereinigung ging und welche Auswirkungen diese auf die Menschen in der damaligen DDR haben wird. In den 1990er-Jahren sei es in vielen ostdeutschen Familien zu großen Verwerfungen gekommen. „Dass manche Leute unter die Räder kommen, war historisch nicht anders zu erwarten“, so Cullen 2014 anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls bei einer Podiumsveranstaltung in der Klosterscheune. Viel problematischer sehe er die Entwicklung in den USA: „Ich bin Amerikaner, ich bin Jude, ich kann nur sagen, dass es paradiesisch ist hier, ein besseres Deutschland hat es lange nicht gegeben“, sagte er damals in Zehdenick. Der heute 81-jährige Michael S. Cullen machte das damals noch gar nicht so bekannte Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude mit der Reichstagsverhüllung weltberühmt.

Ein Künstler mit großen Visionen

„Ich bin ein Künstler, der völlig irrational ist, verantwortungslos. Komplett frei“, so beschrieb sich der Christo einmal. Die Freiheit hat der Künstler genutzt, um die Welt durch seine Augen sichtbar zu machen, indem er sie verhüllte. Alle Projekte sah Christo als Expedition, als Ausflug der Sinne. Immer im Duett mit seiner Frau Jeanne-Claude. Ob der in silberne Stoffbahnen verhüllte Reichstag im Jahr 1995 oder die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park. Seine letzte große Aktion waren die schwimmenden gelben Stege auf dem Iseosee in der norditalienischen Lombardei. Christo starb am 31. Mai 2020 in New York, seine Frau bereits am 18. November 2009.

Der Eintritt zur Auktion in der Klosterscheune Zehdenick kostet fünf Euro.