Ziemlich auf die Folter gespannt hat Gregor Gysi sein Publikum am Sonntagnachmittag in Menz. Mit 40-minütiger Verspätung traf der „Rechtsanwalt, Bundestagsabgeordnete und Präsident der Europäischen Linken“, so seine offizielle Vorstellung, in der Regionalwerkstatt ein. Dort stellte er seine Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ im Gespräch mit Hans-Jürgen Bartel vom Dorfverein Menz vor.

Berühmte Rede auf dem Alex

Wobei der Moderator eher selten zu Wort kam. Denn als Gysi loslegte, war er kaum noch zu bremsen. Angefangen bei seiner legendären Rede am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz bis hin zu einer möglichen Regierungsbeteiligung nach der Bundestagswahl 2021 reichte das Spektrum seines Vortrages. Im Schweinsgalopp ging es durch 30 Jahre gesamtdeutsche Geschichte. Gysi öffnete dabei seinem Publikum, 55 waren im ausverkauften Saal zugelassen, die Türen zu den Mächtigen der Welt, die Normalsterblichen verschlossen bleiben. Gut gelaunt plauderte er aus dem Nähkästchen.
Bei der Protestkundgebung auf dem Alex am 4. November 1989 konnte Gysi allerdings noch nicht so frei sprechen, wie er es wollte, räumte er ein. Er versuchte es mit Ironie, „schließlich stand die Mauer noch“, war sich der Rechtsanwalt einer gewissen Gefahr bewusst. Aus seiner Feder stammte wenige Tage später das Reisegesetz, das den DDR-Bürgern ab 14 Jahren nicht nur einen Reisepass zubilligen sollte, sondern auch die uneingeschränkte Reisefreiheit ins Ausland. Der Gesetzesentwurf machte ihn praktisch über Nacht zum Star in der DDR. Eine Einladung in das Fernsehen der DDR folgte. Eher unbedacht habe er die Bürger über das Fernsehen aufgefordert, ihm zu schreiben, was sie zu dem Gesetz anzumerken haben. Am ersten Tag trafen 6000 Briefe, am zweiten Tag nochmals 6000 Briefe ein. Sein Anwaltsbüro war praktisch lahmgelegt. Gysi war wohl nicht ganz unbeteiligt, als am 9. November 1989 die Mauer fiel, als das SED-Politikbüromitglied Günter Schabowski die „ständige Ausreise“ allen DDR-Bürgern unverzüglich in Aussicht stellte. Schnell machte Gysi auf sich aufmerksam, es folgten Einladungen nach Frankreich und Moskau. Doch weder im Osten noch im Westen war er beliebt, was sich erst im Laufe der Zeit ändern sollte.
Für die einen war er ein Reformer, für die andere der Drahtzieher und für ein Boulevardblatt sogar ein mutmaßlicher Terrorist, der  in  einem kleinen Kreis über Anschlagspläne gegen Institutionen der BRD informiert haben soll, was sich letztlich als blanke Lüge herausgestellt habe. Auch gegen seine angeblichen Stasi-Verstrickungen setzte sich Gysi erfolgreich zu Wehr.

Der arrogante Westen

Und dann kommt er auch noch auf eines seiner Lieblingsthemen zu sprechen: „Der Westen war schon immer arrogant“, stellt er fest. Hätte die bundesdeutsche Politik nur acht erfolgreiche Dinge aus der DDR übernommen, wären die Ostdeutschen heute zufriedener. Bewährtes wie die Berufsausbildung mit Abitur oder die Krippenbetreuung hätten durchaus weitergeführt werden können. Doch es überlebte quasi nur das Ampelmännchen. Nach einem kurzen Abstecher in die Zeit, als er Senator und Bürgermeister in Berlin war, kam Gysi noch kurz auf seine drei Herzinfarkte zu sprechen. bevor er noch etwas zur aktuellen Flüchtlingspolitik sagte. Das Flüchtlingsproblem werde man nur in den Griff bekommen, wenn man die Ursachen bekämpfe: Armut und Hunger. Und man müsse für  die weltweite Gleichstellung von Mann und Frau sorgen.
Ob es 2021 zu einer linken Bundesregierung kommen wird, hänge maßgeblich von der Stimmung in der Bevölkerung ab. Es müsse eine Aufbruchstimmung geben und den absoluten Willen zu einem Politikwechsel im Land. Viel Vertrauen in SPD und Grüne hat Gysi allerdings nicht.