Geschichten zu fast jedem Haus
Diese tiefen Eindrücke in das Brandenburger Dorf vermittelte Gerhard Moses Hess am Sonntag bei seinem zweistündigen historischen Rundgang. Der 78-jährige Kindertheaterpädagoge aus Berlin beschäftigt sich seit sieben Jahren mit dem Ort und meint, die Geschichte der Häuser Neuglobsows müsse erst noch geschrieben werden. Zu fast jedem der Häuser wusste er eine Geschichte zu erzählen, so wie die des Schriftstellers Hans Fallada, der als Jugendlicher seine Ferien hier verbrachte, die er in seinem Buch "Damals bei uns daheim" schilderte. Für ihn war Neuglobsow das "Einsamste, Verlassenste, Schönste". Fontane, der den Stechlinsee literarisch verewigte, habe den Ort oft besucht, hier habe er auch den Professor Dr. Hans Gerhard Meyer kennengelernt, der am Berliner Gymnasium am Grauen Kloster unterrichtete. Er hat unter anderem Homer übersetzt. Meyer nahm den Schulchor in die Ferien mit, die jungen Sänger nannten sich in Anlehnung an die bekannte Stechlin-Sage "die roten Hähne". Auf seinen Wunsch wurde Meyer auf dem Waldfriedhof beerdigt.
Staatsbegräbnis mit NS-Größen
Ein kaum sichtbarer Stolperstein vor dem Landhaus Labes (errichtet im Jahr 1905) erinnert an das Schicksal der Berliner Kaufmannsfamilie Moritz und Emma Redlich. Während ihr Mann 1942 eines natürlichen Todes starb, nahm sich Emma, 79-jährig, im Februar 1943 das Leben, als sie in ein Konzentrationslager deportiert werden sollte. Ein weiteres, eher unrühmliches Kapitel schrieb die Familie Litzmann, denen eine Glashütte in Neuglobsow gehörte. Sohn Karl schlug eine militärische Laufbahn ein und gewann im Ersten Weltkrieg mehrere Schlachten, trat 1929 der NSDAP bei. Ihm zu Ehren wurde, so erzählte es Hess bei seinem Rundgang, 1940 die polnische Stadt Lodz in Litzmannstadt umbenannt. Hitler habe Litzmann ein Haus in Neuglobsow geschenkt mit Tiefgarage und Mercedes; das Haus bewohnte sein Chauffeur. Als Litzmann 1936 starb, trat die komplette erste Garde der NS-Größen in Neuglobsow zur Beerdigung an.
Völkermord dokumentiert
Doch in Neuglobsow lebten auch Menschen, die dem NS-Regime Widerstand leisteten. So der Schriftsteller Armin T. Wegner, der nach vielen Mühen die jüdische Schriftstellerin Lola Landau heiraten durfte. Anschließend fuhren sie mit dem Zug nach Rheinsberg und gingen zu Fuß durch die Wälder nach Neuglobsow, dort hatten sie ein Haus, das sie "Haus Sieben Wälder" nannten, weil sie durch sieben Wälder schreiten mussten, um an dessen Schwelle zu kommen. Wegner erlangte weltweite Reputation, weil er als Teilnehmer an einer Sanitätsexpedition im Ersten Weltkrieg in der Türkei den Völkermord an den Armeniern beschrieb und fotografierte. Seine Berichte schickte er an die Kriegsgegner des Deutschen Reiches. 1933 wollen sie vor den Anfeindungen aus Berlin in ihr Haus in Neuglobsow fliehen, doch am Ortseingang empfängt sie ein Schild "Juden kehren um. Sie sind in Neuglobsow sehr unerwünscht". Gekränkt und wütend schreibt er darauf seinen berühmt gewordenen "Brief an Hitler" mit der Quintessenz "Wenn alle schweigen, will ich nicht stumm bleiben". Zu vielen weiteren Häusern wusste Hess viel Wissenswertes zu erzählen. Vor einem Haus kam die Besitzerin auf die Gruppe zu; sie stammt aus Köln, hatte vor fünf Jahren von ihren Vorfahren ein Haus übernommen, von dem sie als "verwunschen" schwärmte. Sie bezeichnete Neuglobsow als "Brennglas der deutschen Geschichte".

Info-Kasten

Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf.

Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf. Und am Ende steht ein Kürzel. kürzel