Rückkehr: Ein Leben zwischen Island, Antarktis und Zehdenick

Nach 50 Jahren in Hamburg ist Dr. Gerd Becker nach Zehdenick zurückgekehrt: In der Hansestadt studierte er Ozeanografie und forschte zum Klimawandel. Am Donnerstag hielt er auf Einladung der Kultur- und Heimatfreunde einen Vortrag.
Martin RiskenVon seiner abenteuerlichen Flucht im Sommer 1961, die beinahe im Nebel der Ostsee gescheitert wäre, berichtete er am Donnerstag den Heimatfreunden Zehdenick im AWO-Seniorenzentrum. Von Ahrenshoop aus, wo die Familie viele Jahre lang ihren Urlaub verbrachte, hatte sich der gebürtige Zehdenicker auf die waghalsige Reise nach Gedser in Dänemark gemacht. Von Fischern in Ahrenshoop hatte er erfahren, dass diese des Öfteren nach Dänemark fahren, um dort einzukaufen. Das müsste doch zu schaffen sein, dachte sich Gerd Becker, Jahrgang 1941. Sein Entschluss, die DDR zu verlassen, reifte erst an der Universität in Leipzig.
Nach dem Abitur in Zehdenick wollte er in Leipzig Geophysik studieren. Doch zuvor musste er sich ein Jahr lang in der Produktion bewähren und landete beim VEB Geophysik. Von September 1960 bis August 1961 kam er als Hilfsvermesser viel herum in der DDR und führte ein Leben aus dem Koffer. Im August 1961, wenige Tage nach Mauerbau, kehrte er zurück zur Uni. Als im Hörsaal klar wurde, dass die angehenden Studenten erst einmal ihren Wehrdienst an der Grenze zu absolvieren hatten, stand für Gerd Becker fest: Da macht er nicht mit. „Da stand mein Entschluss fest, die DDR zu verlassen.“ So wagte er die abenteuerliche Flucht quer über die Ostsee, landete erst in Dänemark und reiste weiter in BRD. Von Lübeck ging es nach Uelzen und von dort aus zum Auffanglager Friedland. Mit gerade mal 20 Jahren galt er im Westen noch als minderjährig. Nicht einmal sein DDR-Abitur wurde im Westen anerkannt. Doch Gerd Becker wollte auf jeden Fall studieren. Also holte er es Wuppertal nach und ging später zum Studieren nach Hamburg. Mittlerweile stand für ihn fest, dass Geophysik vielleicht doch nicht das richtige Fach sei. So entschied er sich für die Ozeanografie. Eine richtige Entscheidung, wie sich schon im Laufe seines Studiums herausstellen sollte, wo er durch einen strengen Professor mit sozialer Ader gefördert wurde.
1968 absolvierte Gerd Becker sein Examen, erst Ende der 1970er-Jahre promovierte er zum Thema „Wärmebilanz der Nordsee“. Gleich nach dem Studium fand er 1969 seine erste Anstellung am Deutschen Hydrografischen Institut, wurde später Mitglied der Deutschen Wissenschaftlichen Kommission für Meeresforschung und behielt über Jahrzehnte die Oberflächen-Temperatur der Nordsee im Auge. Anhand seiner Daten konnte er einen signifikanten Anstieg der Wassertemperatur über Jahrzehnte nachweisen und war als Experte bei Wissenschaftler gefragt. Denn durch seine Arbeit konnte ein weiterer Beleg für den globalen Klimawandel erbracht werden. Der Klimawandel habe Einfluss auf den Fischbestand in der Nordsee.
Sieben Jahre seines Leben verbrachte er auf verschiedenen Forschungsmissionen, die ihn bis in die Antarktis führten. Nach 50 Jahren Leben in Hamburg ist er jetzt wieder Zehdenick.
Klimafolgen
■ Belege für die globalen Klimawandel sammelte Dr. Gerd Becker zeitlebens.
■ 2006 führte Becker als wissenschaftlicher Leiter das Forschungsschiff „Gauss“ in einer vierwöchigen Nordsee-Expedition.
■ Schon damals ging es um die Frage, welche Folgen eine warme Nordsee hat.⇥(ris)
