Das ehemalige KZ-Außenlager Grüneberg birgt noch viele Geheimnisse. Einem sind gerade der Schüler Arne Schöneberg und die Pfarrerin Ruth-Barbara Schlenker auf der Spur. Es geht um die so genannte Entwesungsbaracke. Die soll nach einem Lagerplan der Nationalsozialisten von 1943 in der Nähe der Bahnschienen gestanden haben. Einige Reste könnten davon sogar noch vorhanden sein. „Es wurden Mauerreste, ein Erdloch und ein Tunnel gefunden“, sagt der 13-Jährige aus Gutengermendorf. „Wir haben das Loch immer nicht ernst genommen“, sagt Schlenker. Es sei nicht sehr groß, aber groß genug, um hinein zu leuchten, und mit der Kamera ein paar Bilder aufzunehmen und ein Video zu machen.

Stop-Motion-Technik

Denn alles soll dokumentiert und irgendwann veröffentlicht werden. Um es anschaulicher zu machen, wird die Recherchearbeit von Arne mit einem Lego-Film in Stop-Motion-Technik unterlegt. Dabei wird eine Illusion von Bewegung erzeugt, indem einzelne Bilder von unbewegten Motiven aufgenommen und anschließend aneinandergereiht werden. Dafür hat Arne bereits eine Entwesungsbaracke nachgebaut, die der in Grüneberg ähnelt. Seine Vorlage für den Aufbau der Baracke stammt allerdings aus Auschwitz. Aber warum das Alles? Wieso steht die Entwesungsbaracke plötzlich im Fokus? „Es liegt doch auf der Hand“, sagt Pastorin Ruth-Barbara Schlenker. „Es geht um die Angst vor Ansteckung. Alle sind gerade in Sorge, sich zu infizieren, krank zu werden, zu sterben.“

Furcht vor der Kriegspest

Diese Angst vor Seuchen gibt es schon lange, auch Nazi-Deutschland fürchtete sich zum Beispiel vor Fleckfieber, das auch Kriegspest oder Läusefieber genannt wurde, weil es von Läusen, Zecken und Wanzen übertragen werden konnte. „Daher kamen wir auf dieses Thema“, so Schlenker. In der Grüneberger Entwesungsbaracke der Nazis wurden die eingesperrten und versklavten Frauen gesäubert, die in der Munitionsfabrik arbeiten mussten. Wie der Ablauf dieser „Reinigung“ verlief, versuchen gerade der Schüler und die Pastorin heraus zu bekommen.

Zyklon B als Schädlingsmittel

Der 13-Jährige hat bislang herausgefunden, dass sich die Gefangenen zur Entwesung nackt ausziehen mussten. „Ihre Körperhaare wurden abrasiert, dann mussten sie duschen. Ihre Kleidung wurde getrennt von ihnen mit Zyklon-B behandelt“, so Arne Schöneberg. Das Massenvernichtungsmittel der Nationalsozialisten, Zyklon B, war ursprünglich als Schädlingsbekämpfungsmittel hergestellt worden. Es habe streng getrennte „saubere und schmutzige Bereiche“ innerhalb der Baracke gegeben. „In die schmutzigen Bereiche wollten die Nazis, aus Angst sich Läuse einzufangen, nicht rein“, sagt Ruth-Barbara Schlenker.

Authentische Orte

Die Pastorin im Sprengel Löwenberg-Grüneberg begleitet und fördert das Projekt „überLAGERt Grüneberg“ über das ehemalige Ravensbrücker KZ-Außenlager in Grüneberg schon lange. Seit 2016 forschen Jugendliche und junge Erwachsene zur dunklen Geschichte Grünebergs. Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages stellte die Initiative am 28. Januar ihre Arbeit in einem Video auf Youtube vor. Gemeinsam wird an der Aufarbeitung der KZ-Außenlager-Geschichte Grünebergs gearbeitet, darunter sind etliche Zeitzeugen-Aufzeichnungen von überlebenden Frauen. „Doch jetzt, wo die Zeitzeugen aussterben, werden authentische Orte immer wichtiger“, sagt die Pfarrerin aus Grüneberg ernst. Sie versteht sich als „Hüterin des Geländes“. Für nachfolgende Generationen dürfe „es nicht verbaut werden“.

Geschichte erklären mit dem Lego-Video

Arne Schönberg gehört zu den nachfolgenden Generationen. Der 13-Jährige besucht die achte Klasse des Strittmatter-Gymnasiums in Gransee und hat ein Faible für Geschichte. „Das macht mir Spaß“, sagt er nüchtern. Und seine Lego-Sammlung zu Hause in Gutengermendorf ist groß. Schon einmal hat er einen Stop-Motion-Film zusammen mit Lisa Beelitz produziert. Dabei ging es um das Schicksal einer 16-Jährigen, die zusammen mit ihrer Mutter im KZ Grüneberg eingesperrt war. Jetzt will Arne in einem Lego-Video festhalten, wie der Weg durch so eine Entwesungshalle für die Gefangenen war. „Ich will etwas beitragen“, sagt Arne Schönberg.

Entwesung


Die Entwesung (Desinsektion beziehungsweise Desinfestation) ist laut Wikipedia das Vernichten tierischer Schädlinge.

Sie zielt auf die Beseitigung aller krankheitsübertragenden oder aus anderen Hygienegründen unerwünschten Lebewesen.

Besonderes Augenmerk wird zumeist auf die Beseitigung von Insekten, wie etwa der Kopflaus, und Nagern, etwa Ratten, gerichtet.

Während eine Desinfektion auf die Beseitigung von Mikroorganismen ausgerichtet ist, zielt eine Entwesung auf die Beseitigung von Organismen, die mit dem bloßen Auge erkannt werden können.