Der Blick von oben aus dem Bürofenster des Chefs ist unspektakulär. Doch er verrät eine Menge. Alles ist übersichtlich auf der Kompostieranlage Grüneberg und überraschend sauber. Und das, obwohl hier tonnenweise Bioabfälle aus Oberhavel und Berlin landen. Die Außenwirkung ist Geschäftsführer Marcus Gennerich wichtig. Auch wenn seine Umwelt,- Recycling und Dienstleistungsgesellschaft (URD) fernab der Ortsmitte und der Blicke liegt, soll alles korrekt aussehen.

Zwei ungleiche Feinde machen Ärger auf der Deponie

Doch er hat zwei ungleiche Feinde: Wind und Raben. Weil beide nicht von der 4,2 Hektar großen Fläche zu vertreiben sind, kümmern sich drei Hausmeister darum, Verschlepptes und Verwehtes rund um die Anlage wieder einzusammeln, dass nicht doch irgendwann einmal unappetitliche Folienreste in gepflegten Grüneberger Vorgärten landen.
Seit diesem Jahr ist der Bioabfall-Bereich von den privaten und gewerblichen Kunden getrennt. Noch mehr Übersicht. Große graue Steine, die mit ihren Noppen aussehen wie von Lego, teilen das vordere Gelände der Anlage in schmale Abteilungen ein.

Corona brachte ein Umsatzplus, weil die Menschen Zeit für ihre Gärten hatten

Hier gibt es allerlei Brauchbares für den ambitionierten Hobbygärtner sowie den Garten- und Landschaftsbauer: Kompost, Erde, Rindenmulch zum Beispiel, neuerdings auch Steine, Sand und Kies. Die mit einem Hänger hinterm Auto sind im Vorteil. Wer will, kann hier auch seinen Grünabschnitt und Erdaushub loswerden und sich auf dem Rückweg neues Material, geschreddert, gesiebt und sortiert, aufladen lassen. 14 Mitarbeiter, Bagger und Frontlader kümmern sich darum. „Corona hat uns geholfen“, gesteht Marcus Gennerich. Ähnlich wie auf den Recyclinghöfen der AWU herrschte zu Beginn der Pandemie Hochbetrieb bei URD. Nicht nur die Keller und der Dachboden wurden aufgeräumt, auch viele Gärten wurden gemacht. Gennerich: „Sie haben uns die Bude eingerannt.“

30.000 Biotonnen wurden in Oberhavel ausgeliefert

URD macht ihr Geld mit der Annahme von Müll und mit dem Vermeiden, doch dazu später. Gerade ist eine Einnahmequelle dazu gekommen. Seit 1. Juli wird sämtlicher Bioabfall aus Oberhavel in Grüneberg verwertet. Der Landkreis hatte – nach einem schleppend anlaufenden Biotonnen-Pilotprojekt – die Biotonne schließlich für den ganzen Landkreis eingeführt und war selbst überrascht von der guten Resonanz. Rund 30.000 Behälter (120 Liter und 240 Liter) wurden an die Oberhaveler geliefert. „In den ersten sechs, sieben Wochen kamen schon 1.000 Tonnen zusammen, nicht Biotonnen, sondern Gewicht“, sagt Marcus Gennerich.

Erfolg auch auf dem Land

Selbst auf dem Land kommt die Biotonne an. Gennerich, der seit 2010 in Grüneberg wohnt, hat auch eine. Den Erfolg erklärt er sich vor allem mit den Grundstücksgrößen. Nicht jeder hat einen großen Garten oder Bauernhof. „In Neubaugebieten, mit 500 Quadratmetern pro Grundstück, ist zu wenig Platz. Die meisten wollen sich keine Komposthaufen anlegen, der die Nachbarn belästigt und vielleicht Ungeziefer anlockt“, so Marcus Gennerich. Außerdem sei der gewonnene Kompost letztlich nicht „hygienisiert, das schaffen nur wir“. Durch große Hitze wird hygienisiert, so dass Salmonellen und unliebsame Unkrautsamen abgetötet werden. Vor allem Landwirte wollen keine Samen im Kompost, sondern nahezu reine Erde, damit der Ernteertrag stimmt. 90 Prozent der gewonnenen und veredelten Komposterde aus Grüneberg landet auf landwirtschaftlichen Flächen in der Umgebung.

Die Bodenstruktur bessert sich, Wasser wird länger gehalten

Abnehmer des nach Mutterboden riechenden Endprodukts hat URD genug. Die Bauern schätzen die Erde als Ersatz für mineralischen Dünger. „Zudem verbessert sich damit die Bodenstruktur und erhöht die Wasserhaltefähigkeit“, sagt Marcus Gennerich. Gerade in trockenen Zeiten seien „feuchte Böden Gold wert“. Viel verdient der Recycler nicht mit ehemaligem Bioabfall aus der Tonne, aber zumindest hat er keine Lagerschwierigkeiten. Nicht mehr als vier Monate ist der Kompost alt, wenn die Landwirte ihn verwerten. Ganz anders sieht es bei Kompost aus, den Hobbbygärtner oder Gartenfachleute schätzen. Der ruht mindestens ein Jahr, bis er reif ist.

Im Moment ist nicht jeder Transport wirtschaftlich

25 Tonnen Biomüll aus Oberhaveler Haushalten kommen derzeit täglich in Grüneberg an, gebracht von vier Lkw. Die AWU sammelt alles ein. Doch nicht immer sind die Laster auch ganz gefüllt. Manchmal sind sie nur mit zwei, drei Tonnen beladen. Daher soll in Germendorf bei Grunske der Bioabfall künftig erst gesammelt werden, bis der Müll einen Transporter füllt. Noch ist die Sammelstelle aber nicht genehmigt worden. Während in Grüneberg die Spatzen und Kolkraben auf die nächste frische Fuhre Bioabfall warten, ist auf der Anlage und in den Mieten viel Bewegung.

Messgeräte wie riesige Bratenthermometer

Die verschiedenen Bioberge müssen immer mal wieder versetzt und umgeschichtet werden. So wird vor allem durch Sauerstoff die biologische Zersetzung angekurbelt. Dabei wird die Temperatur mancher Mieten genau beobachtet. Messgeräte, die aussehen wie riesige Bratenthermometer, stecken in einigen Erdhügeln. Andernorts steigt weißer Dunst wie in der heißen Dusche auf, wenn der Baggergreifer zupackt und groben Kompost in den Schredder schiebt. Es geht darum, Verunreinigungen zu minimieren, um möglichst viel verwertbaren Kompost zu erhalten. Gewaltige Siebtrommeln mit unterschiedlich großen Löchern kommen dabei auch zum Einsatz.

URD entstehen hohe Kosten für die Restmüllentsorgung

Doch am Ende bleibt ein Rest, ein teurer Rest, den URD entsorgen muss. Rund 2000 Tonnen im Jahr. 300.000 Euro Kosten jährlich verursacht der Müll aus dem Abfall, sagt Marcus Gennerich. Also versucht er immer wieder, neue Wege beim Schreddern und Sieben zu gehen, um die Störstoffe zu dezimieren und um die Kosten zu drücken. Was übrig bleibt, sind vor allem Plastik und Holzfasern. „Ich würde das Holz gerne noch verwerten“, sagt Gennerich. Doch Folien und Fasern sind am Ende des mechanischen und biologischen Prozesses auf der Anlage so eng miteinander verwoben, dass nur die thermische Verwertung bleibt, sprich das Verbrennen.
Das Biotonnen-Projekt in Oberhavel sieht Gennerich als gelungen an. Er lobt die Einheimischen sogar, weil „erstaunlich wenig Müll im Bioabfall landet“, freut sich der URD-Geschäftsführer. „Hoffentlich bleibt das so.“

Seit 1998 in Grüneberg


Am 8. April 1998 wurde die Umwelt- und Recycling Dienstleistungs GmbH (URD) Grüneberg am Standort Grüneberg/Pappelhof gegründet.

Hauptgeschäftsfeld der URD Grüneberg ist die Aufbereitung biogener und mineralischer Abfälle durch Kompostierung und weiterer Schritte.

Das Unternehmen betreibt im Landkreis Oberhavel an drei Standorten nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz unbefristet genehmigte Kompostierungsanlagen.

Die drei Standorte sind in Grüneberg, in der Gemeinde Stechlin (Kompostierungsanlage Güldenhof) für Grünschnitt und in Zehdenick die Kompostierungsanlage Hammelstall, in der vor allem Abwasserschlammkomposte verarbeitet werden. bu