Wochenmarkt: Zehdenicker Normalität mitten in der Krise

Hat sich ihren Optimismus bewahrt: Blumenhändlerin Heike Müller aus Zehlendorf kommt seit fünf Jahren donnerstags zum Wochenmarkt nach Zehdenick. Gerade hat sie ihre Winterpause beendet.
Martin RiskenIn Zehdenick ist an diesem tristen Donnerstagmorgen eigentlich fast alles wie immer. Auf dem Marktplatz haben die Händler ihre Stände aufgebaut. Die Auslagen sind reich bestückt. Von warmen Socken bis Käse in allen Varianten wird so ziemlich alles feilgeboten, was das Herz begehrt. Nur der Fischhändler aus der Uckermark fehlt. „Der hat Urlaub“, weiß Standnachbarin Heike Müller, die Blumenhändler aus Zehlendorf bei Oranienburg. Das schlägt sich allerdings auf ihr Geschäft nieder. Der Fischhändler sei eben ein Magnet und belebe den gesamten Wochenmarkt. Auch der polnische Markthändler wird vermisst, wohl wegen der Grenzschließung, vermuten seine Händlerkollegen.
Lediglich am Stand der Landfleischerei Müller aus Mildenberg herrscht so etwas wie Andrang. Vier Personen stehen in gebührendem Abstand hintereinander und warten darauf, bedient zu werden. Die Käsehändlerin bittet ebenfalls um Abstand: „Wir sind nicht unhöflich, wir sind umsichtig. Dafür schenken wir Ihnen ein Lächeln“, steht auf dem Schild hinter der Glasscheibe ihres Verkaufswagen. „Bleiben Sie gesund!“, gibt sie ihren Kunden noch mit auf dem Weg.
Beim Obst- und Gemüsehändler Stefan Gerike aus Berlin-Karow ist eigentlich alles wie immer. Das Urgestein des Zehdenicker Wochenmarktes kommt seit fast 30 Jahren in die Havelstadt. Im Januar nächsten Jahres wäre sein Jubiläum. Gibt’s dann was vom Marktmeister? „Höchstens einen feuchten Händedruck“, antwortet Gerike schlagfertig.
Keiner der Verkäufer hat hier besondere Schutzmaßnahmen getroffen, niemand trägt Mundschutz. Auch der Umgang mit Bargeld ist hier ganz entspannt, auch wenn die Deutsche Marktgilde als örtlicher Ausrichter des Wochenmarktes auf ihrer Internetseite für den bargeldlosen Zahlungsverkehr wirbt. Oder handeln die Markthändler vielleicht zu sorglos? Nicht ganz: Blumenhändlerin Heike Müller hat neben ihrer Kasse eine Flasche mit Desinfektionsmittel stehen. Die Gespräche mit den Kunden drehen sich meist um die Ansprache der Bundeskanzlerin vom Vorabend. „Wir befinden uns ja im Krieg“, sagt eine ältere Dame schon fast trotzig, während sie die Blumen einpackt, als wäre doch alles irgendwie wie immer.
Probleme mit der Warenversorgung hat hier offenkundig noch niemand. Aber einige Kunden vermissen die Tomatenpflänzchen, die Heike Müller im Frühjahr verkauft. Die Stammkunden warten schon drauf. Dafür sei es noch zu früh, bittet sie um Verständnis. Der fast 80-jährige Vorgänger, von dem sie vor fünf Jahren den Blumenstand übernommen hatte, züchte die Pflanzen auch in diesem Jahr wieder, kann sie ihre Kundschaft auf die Woche vor Ostern vertrösten.
Beim Einkauf ihrer Ware beim Großhändler in Langerwisch oder bei einer Gärtnerei in Nauen sei sie schon vorsichtiger geworden. „Man weiß ja nie, wie lange Wochenmärkte noch erlaubt sein werden. Nächste Woche kann schon alles anders sein“, sagt sie mit Skepsis in der Stimme und lässt es trotzdem nicht an Optimismus fehlen.
Wochenmärkte dürfen weiter stattfinden
Das öffentliche Leben im Land Brandenburg wird zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus vorerst bis zum 19. April weiter eingeschränkt. Während viele Einzelhändler ihre Läden schließen müssen, gibt es Ausnahmen vor der Landesverordnung, teilte die Landesregierung Brandenburg am 17. März mit.
Ausnahmen gelten für den Einzelhandel für Lebensmittel, Wochenmärkte, Abhol- und Lieferdienste, Getränkemärkte, Apotheken, Sanitätshäuser, Drogerien, Tankstellen, Banken und Sparkassen, Poststellen, Frisöre, Reinigungen, Waschsalons, Zeitungsverkauf, Bau- und Gartenmärkte, Tierbedarfshandel und den Großhandel. ⇥red
