Alternative zum Zwangsanschluss: Es geht auch ohne Fernwärme

Patrick Reuter überzeugte seine Nachbarn von der Pelletheizung vor allem mit Tabellen, die die Ersparnis anzeigen.
Roland BeckerAusweg gesucht
„Ich war überrascht, wie teuer die Fernwärmepreise sind und dachte mir, dass es doch möglich sein muss, Kosten einsparen zu können“, erinnert sich der 38-Jährige sieben Jahre zurück. 2013 begann er zu recherchieren, stellte Tabellen zusammen, in denen Kosten- und Emissionseinsparungen dargestellt sind, und kümmerte sich um den Befreiungsantrag ebenso wie um Fördermittel. Jetzt steht in einem ehemaligen Fahrradkeller eine Pelletheizung. „Das wir den opfern mussten, ist nicht so tragisch. Wir haben genug Platz“, meint Reuter.
Mittlerweile sind es zwölf Eigentümer, die ihre Wohnungen unabhängig von den Stadtwerken heizen. Die Investition von 80 000 Euro, wovon 12 500 Euro gefördert wurden, sei dabei, sich zu rentieren. „Mitte 2022 wird sich die Anlage amortisiert haben“, lautet seine Rechnung.
Fast drei Jahre seien ins Land gegangen, ehe die erste Pellet-Lieferung verfeuert werden konnte. „Ich musste bei der Stadt einen umfangreichen Antrag einreichen, das Projekt vorstellen, und ich habe zusätzlich noch eine CO2-Bilanz erstellt“, schaut der gebürtige Hennigsdorfer zurück. Sein Fazit: „Wir betreiben jetzt eine CO2-neutrale Heizung. Nur die Wertschöpfungskette ist nicht CO2-neutral“, weist er darauf hin, dass zum Beispiel die Anlieferung der als Abfall in der Holzindustrie anfallenden Pellets nicht klimaneutral ist.
Während Patrick Reuter den Papierkram bei der Stadt erledigen musste, hatte er auch noch seine Mitbewohner im Block auf seine Seite zu bekommen. „Das war absolut nicht leicht. Aber ich habe sie über die Kosten rumbekommen“, plaudert er. Mittlerweile hat er natürlich längst eine extra Tabelle erstellt, in der sich die Einsparungen ablesen lassen. 2013 habe die Eigentümergemeinschaft noch fast 27 500 Euro für die Fernwärme zahlen müssen. Im Mischjahr 2016 – da wurde anfangs noch Fernwärme bezogen, später mit Pellets geheizt – waren es nur gut 21 000 Euro. In den drei Folgejahren seien die Kosten moderat zurückgegangen. Das habe daran gelegen, dass vertragsgemäß noch die Grundgebühr für den Fernwärmeanschluss gezahlt werden musste. In diesem Jahr rechnet Reuter mit der ganz großen Ersparnis: Auf 11 700 Euro schätzt er die Heizkosten. Müssten die Bewohner des Blocks jetzt noch Fernwärme beziehen, würden laut seiner Rechnung 28 700 Euro anfallen.
Der Hennigsdorfer möchte allerdings nicht nur als Sparfuchs gelten. In Zeiten, in der der Klimawandel in aller Munde ist, spielt für ihn der Umweltaspekt eine große Rolle. Seiner Berechnung nach würde die Eigentümergemeinschaft beim Bezug von Fernwärme 28 Tonnen CO2 produzieren. Mit der jetzigen Pellets-Lösung (und einer ergänzenden Solarthermie-Anlage auf dem Dach) seien es nur sechs Tonnen. Einen kleinen Nebeneffekt in die andere Richtung hat die Anlage allerdings auch: „Der Verbrauch ist etwas nach oben gegangen. Durch den günstigeren Preis gehen manche etwas großzügiger mit der Wärme um.“
Wer eine eigene Heizungsanlage betreibt, muss sich auch um deren Wartung und Wehwehchen kümmern. „Anfangs gab es kleinere Probleme“, räumt Reuter ein. Aber die habe es beim Bezug von Fernwärme auch gegeben. Dank einer Zehn-Jahres-Garantie „hatten wir bis jetzt keine zusätzlichen Reparaturkosten“, versichert er. Für die Anlage selbst „sind 20 Jahre Lebenszeit durchaus drin“, meint der zum Fachmann gewordene Laie. Patrick Reuters Resümee: „Wir sind heilfroh, dass wir umgerüstet haben.“
Möglichkeiten der Befreiung vom Anschlusszwang
Die Fernwärmesatzung der Stadt Hennigsdorf genehmigt eine Befreiung vom Anschlusszwang, wenn "ausschließlich emissionsfreie Wärmeversorungsanlagen vorhanden sind".
Eine Befreiung kann auch gewährt werden, wenn die Wärme aus emissionsfreien Wärmeversorgungsanlagen oder aus regenerativen Energiequellen bezogen wird.⇥rol