Ausstellung zum Mauerfall
: Schüler auf den Spuren von DDR-Flüchtlingen

Für Ältere ist es Erinnerung, für Jüngere längst Geschichte: Zum Mauerfall-Jubiläum sprechen Schüler mit Zeitzeugen.
Von
Roland Becker
Hennigsdorf
Jetzt in der App anhören

Tödliche Teilung: Beim Versuch, zu seinem Vater zu fliehen, wurde der zehnjährige Jörg erschossen.

Roland Becker

Jill Döring und Alina Münzberg wirken schon fast wie Profis, wenn sie in dem kleinen Tonstudio des OSZ Mikro, Block und Stift in die Hand nehmen. Vor einigen Tagen haben sie einen Hennigsdorfer interviewt, der teuer für drei vergebliche Fluchtversuche aus der DDR bezahlen musste. An diesem Tag erzählt einer, wie er der DDR über die Ostsee entweichen wollte, aber nur die Hälfte der Strecke schaffte. Ein anderer berichtet von einer legalen Ausreise. Für die beiden jungen Frauen – eine stammt aus Hennigsdorf, die andere ist Ur-Spandauerin – sind das Geschichten aus einer Zeit lange vor ihrer Geburt. Und wenn sie und ihre Mitschüler durch Untergrund-Zeitungen auf vergilbtem Papier blättern, können sie kaum ahnen, wie aufwändig und gefährlich es war, diese illegal herzustellen.

Die Kunst- und Geschichtskurse der Stufe 12 und 13 erkunden ein ihnen unbekanntes Land. Sie haben sich auf Spurensuche begeben. Und genau so wird ihre Ausstellung auch heißen, die vom 13. September bis 17. Oktober im Bürgerhaus gezeigt wird und danach als Wanderausstellung in Schulen geht.

„Das ist eine traumhafte Konstellation. Besser geht es gar nicht, wenn Schüler für Schüler eine solche Ausstellung konzipieren“, schwärmt Tilman Günther, Sprecher der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, geradezu von dem Projekt. „Es ist ganz wichtig, diejenigen für die deutsche Teilung zu sensibilisieren, die sie nicht mehr erlebt haben“, argumentiert er. Deshalb hat die Stiftung dem Antrag der Schule stattgegeben, das Projekt mit 30 000 Euro zu unterstützen.

Die Förderung erlaubt es, sich Highlights leisten zu können. So wird Graffiti-Künstler Oliver Bock, der sich auch schon an der Oderbrücke in Frankfurt verewigt hat, mit Schülern nachgebaute Mauersegmente besprayen. Die Todesmauer war halt auch bunt – wenn auch nur von der Westberliner Seite aus.

Als das Projekt im vorigen Frühjahr startete, sei es nicht leicht gewesen, die jungen Leute zu begeistern, erinnert sich Kunstlehrerin Doris Janisch. Gemeinsam mit der Künstlerin Annett Pollack-Mohr hat sie es geschafft, dass die Schüler jetzt für die Mauer-Story brennen. "Sie sind super stolz auf ihr Projekt. Mancher Schüler wächst auch mit dieser Aufgabe“, ist die Kunstlehrerin voll des Lobes über ihre Mannschaft.

Mittlerweile hat sich von dem Eifer fast die ganze Schule anstecken lassen. „Als ich ein DDR-Ampelmännchen brauchte, ist mir das sofort in unserer Holzwerkstatt gesägt worden“, erzählt die Lehrerin. Und die sonst nicht so kunstinteressierten Männer der Berufsfahrerklasse hätten mit Worten wie „cool“ nicht gegeizt, als sie die Plakate sahen. Auf einem darauf ist zu sehen, wie vor der Mauer ein Soldat auf Jörg Hartmann schießt. Jörg Hartmann wurde zehn Jahre alt. Er wurde getötet bei dem Versuch, zu seinem Vater nach Westberlin zu fliehen.

Die Stiftung

■ Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur wurde 1998 vom Deutschen Bundestag gegründet. Sie hat die Aufgabe, Ursachen, Geschichten und Folgen der Diktatur in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR aufzuarbeiten und die friedliche Revolution von 1989 zu würdigen.

■ Neben Ausstellungen, Lesungen und Diskussionen liegt ein Schwerpunkt der Arbeit auf der Förderung von Projekten. 2019 fließen 3,2 Millionen Euro in 191 dieser Vorhaben.⇥(rol)