Baller League in Berlin-Spandau: Choreo und Stimmung – Eintracht-Fans rocken Fußball-Liga

In der Fanbox von Eintracht Spandau bei der Baller League 2024 ist immer Stimmung. Die Fans grölen, trommeln und lassen sich kreative Aktionen einfallen. Es ist kaum noch Platz zum Stehen. Die Tribünen anderer Teams sind hingegen meist eher spärlich besetzt.
Adrian Philipp„Wo die Havel kreuzt die Spree; von Berlin aus jwd ...“ Regelmäßig wackeln die Wände des „Spandauer Bocks“, wenn das Lied von Lukas Mückenfett erklingt. Es ist die Hymne von Eintracht Spandau. Der Verein spielt in der Baller League und kann auf eine ganz besondere Anhängerschaft verweisen.
Von außen sieht die Kneipe – auch liebevoll „der Bock“ genannt – wie eine einfache, altberliner Spelunke aus. Für manche ist die Einrichtung mit dem rustikalen Schriftzug, den urigen Eckbänken und geschwungene Holzstühlen sowie der Wandvertäfelung inzwischen die zweite Heimat geworden.
Bolzplatzatmosphäre und Fanaktionen
Dabei wurde der Spandauer Bock in der Moritzstraße durch ein YouTube-Video eher zufällig zur Stammkneipe der Fans von Eintracht Spandau. Jeden Montag schaut hier eine Gruppe der Faninitiative die Spiele der Baller League.
Doch das ist nicht das einzige, was sie zusammenschweißt. Vor jedem Spiel stehen die Fans der Eintracht mit der Hand auf der Brust vor der Leinwand und schmettern aus voller Kehle ihre Hymne. „Wo die Zitadelle rockt; und die Altstadt uns lockt.“
Die Stimmung beim Public Viewing ist schon gut, vor Ort in der Motorworld Köln scheint sie jedoch noch mitreißender – zumindest, wenn man im Fanblock von Spandau sitzt. Die Eintracht-Fans sind nicht nur die einzige Fanschar in der zwölf Teams umfassenden Liga, die ihr Team seit dem ersten Spieltag lautstark anfeuern – sie denken sich auch an jedem Spieltag eine besondere Aktion aus.
Das ist die Baller League
● Die Baller League ist eine Hallenfußballliga, die es seit Januar 2024 gibt.
● Ins Leben gerufen wurde sie von Bundesligaprofi Mats Hummels (Borussia Dortmund) und Lukas Podolski (ebenfalls Weltmeister von 2014).
● Ziel der League (an der sich zwölf Teams beteiligen) soll es sein, den Fußball wieder mit dem Bolzen zu verbinden.
● Gekickt wird an zwölf Spieltagen. Partien gehen über zweimal 15 Minuten.
● In den letzten drei Minuten jeder Halbzeit wird eine Sonderregel ausgelost. So kann es gut sein, dass mal die Abseitsregel außer Kraft gesetzt wird, nur eins-gegen-eins gespielt wird oder ein Angriff nur 30 Sekunden dauern darf.
„Wir können vor Ort Stimmung machen, weil Eintracht Spandau die Tickets an die Fans gibt“, sagt Glenn Odya, Mitorganisator der Faninitiative. Eintrittskarten für die Baller League können nicht gekauft werden. Sie gehen an die Teams selbst, werden dann an Sponsoren weitergegeben. Nicht so bei Eintracht Spandau. Dort werden die Tickets unter den Fans verlost.
Das Unterhaltungsprogramm der Fans kommt gut an, was laut Odya am Zuspruch und den wachsenden Fanzahlen zu sehen sei. „Wir versuchen uns immer etwas Passendes zum Gegner einfallen zu lassen.“ Das ist nicht ganz einfach, da die Spielpaarungen meist recht kurzfristig bekannt gegeben werden. Aktionen konnten bisher dennoch immer stattfinden.

Entsprechend dem Gegner lässt sich die Faninitiative Eintracht Spandau etwas Passendes einfallen. Im Derby gegen Beton Berlin erschienen die Fans als Abrisstrupp. Der Slogan „real ist real“ spielt darauf an, dass Fußball sich auf die ursprünglichen Werte zurückbesinnen und weniger kommerziell werden soll.
Adrian PhilippIm Derby gegen Beton Berlin trat die Fankurve einheitlich als Abrisstruppe mit Bauhelmen und Sicherheitswesten auf. Am Rosenmontag sind alle verkleidet als Präsident Knabe zum Spiel erschienen. Eine satirische Figur, ausgedacht vom YouTuber HandOfBlood, um den Fußball, als sogenannten A-Sport, aufs Korn zu nehmen.
Wenn es ums Kicken geht: Die Baller League hat einen anderen Fokus. „Beim Fußball geht es inzwischen viel zu sehr darum, wer am meisten Geld hat und sich die besten Spieler kaufen kann“, sagt Odya. Die Baller League sei absichtlich ein anderes Format – kurze Spiele, viel Action, flexible Regeln.
„Natürlich gibt es auch Sponsoren. Heute geht alles übers Geld“, erklärt der 24-Jährige, „aber der Kommerz darf das Spiel nicht beeinflussen“. Jeder Fan möge das Kicken, habe meistens selbst gekickt oder tue es noch, und diese Bolzplatzmentalität solle wieder Einzug in den Sport erhalten. Odya begeistert die Baller League, weil sich diese für ihn auf die Grundzüge des Fußballs besinnt. „Wir als Fans können noch etwas bewegen. Die ganze Liga ist nahbar.“
Kontra K und Hans Sarpei – Promis auf der Trainerbank
Auch auf der Trainerseite gibt es Besonderheiten. Jedes Team hat ein Managerpaar bestehend aus Promis – wie zum Beispiel Kevin Prince Boateng, Christoph Kramer oder Julian Brand. Während diese noch einen Fußballbezug haben, sieht das bei Stand-up-Comedian Felix Lobrecht oder Rapper Kontra K anders aus. Auffällig ist, dass viele der Teams von bekannten YouTubern gemanagt werden. Montanablack, Calcio Berlin oder im Fall von Eintracht Spandau HandOfBlood sind nur ein paar der bekannten Streaming-Stars.

Hans Sarpei ist stets mit voller Konzentration dabei. Zusammen mit YouTuber HandOfBlood bildet er das Trainerduo des Fußballteams Eintracht Spandau in der Baller League. Während HandOfBlood sich als Satirefigur Präsident Knabe eher um die Unterhaltung neben dem Spielfeld kümmert, sorgt Sarpei dafür, dass die Taktik auf dem Feld stimmt.
Adrian PhilippBekannt ist der Kanal von HandOfBlood, mit bürgerlichem Namen Maximilian Knabe, vor allem für „Let’s Play“-Videos. Insgesamt wurde sein Kanal schon über 980.000.000 Mal aufgerufen, bei Twitch folgen ihm eine Million Menschen und bei Instagram knapp 840.000. Der Coach ist niemand geringeres als Hans Sarpei – der Chuck Norris des Fußballs. Beide bilden das perfekte Coachpaar, um Fußball und E-Sport zu verbinden.
Wenngleich Eintracht Spandau in der Baller League ein Fußballteam ist, liegt der Ursprung der Faninitiative woanders. Wenn im Bock nicht die Baller League läuft, findet dort nämlich das Public Viewing eines ganz anderen Sports statt: League of Legends (LoL).
Der Ursprung der Faninitiative in Spandau
Seit zwei Jahren treffen sich die Fans des E-Sportteams Eintracht Spandau, auch EINS genannt, um gemeinsam ihren Champions zuzuschauen. Während im vorderen Bereich der Kneipe noch die Hertha-Flaggen an der Wand hängen, hat Eintracht Spandau den hinteren Raum entsprechend dekoriert.
„Angefangen hat alles noch in Corona-Zeiten. Da saßen wir hier zu fünft und haben auf unseren Laptops Spiele geschaut“, sagt Rubi, Mitorganisatorin der Faninitiative. Ihr Engagement gleicht inzwischen einem Vollzeitjob, „nur ohne Bezahlung“. Die 28-Jährige kümmert sich vor allem um die Koordination des gemeinsamen Schauens.

Tiger und Rubi sind jeden Montag am Start. Wenn sie nicht vor Ort in der Motorworld Köln mit Stimmung machen, treffen sie sich in ihrer Stammkneipe, dem Spandauer Bock. Sogar mehrmals in der Woche, denn die Baller League ist nicht das Einzige, was die Faninitiative regelmäßig zusammen schaut.
Jessica NeumayerInzwischen habe sich die Anzahl der Stammtischler gut versechsfacht – an normal besuchten Tagen. Geschaut wird jetzt auf einem großen Bildschirm. „Bei einem Derby können es auch so viele werden, dass der vordere und der hintere Raum so voll sind, dass wir Extrabänke aufstellen müssen“, sagt Phillip Schulz, bei EINS auch bekannt unter dem Namen „Tiger“. Er ist Fan der ersten Stunde und mit Leib und Seele Spandauer. Wenn er nicht für Verdi am Verhandlungstisch sitzt, feuert er das Eintracht-Team jeden Mittwoch und Donnerstag bei League of Legends an. „Kein anderer Verein, kann meine Heimatstadt so gut vertreten“, sagt Tiger. „Spandau ist nicht nur ortsgebunden. Spandau ist ein Gefühl. Spandau ist ein Erlebnis und Spandau sind die Fans.“
Zwischen League of Legends und Baller League
Laut Odya sei nur ein Drittel der aktiven Fans wirklich aus Spandau. „Es kamen auch schon Leute aus Österreich, um mit uns hier die League zu schauen“, sagt Rubi. „Bei einem Derby mussten wir auch schon mal mit einer Gästeliste arbeiten, damit es nicht zu voll wird“. Sie kehrt mit der Baller League wieder zurück zum Fußball. „In meiner Familie war es normal Fußball zu gucken, aber irgendwann möchte man auch mal was für sich neu entdecken und das war damals League of Legends.“

Die Fanbox von Eintracht Spandau ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Mit einem trommelnden Anheizer, Parolen und eigenem „Julius Turm“-Maskottchen machen die Fans von Eintracht Spandau Stimmung auf der Baller League.
Adrian PhilippAn den Baller-League-Montagen reicht der hintere Raum jedoch noch aus. Mit der Ausweitung auf den Fußball sollen neue Fangruppen angesprochen werden. Kurz vor dem ersten Spieltag wurde die Faninitiative von Instinct3 gefragt, ob es unter den Fans auch Leute gibt, die Spaß am Fußball haben und ein Team unterstützen würden, berichtet Odya.
Instinct3 ist eine Marketingagentur für Influencer, die unter derselben Dachfirma wie die Eintracht Spandau GmbH angesiedelt ist und sich ebenfalls in Spandau befindet. Ihr Plan, ging auf. „Meine Motivation ist mein persönliches Interesse am Kicken, gepaart mit der Möglichkeit etwas organisatorisch aufzuziehen“, erläutert Odya.
Spieltage der Baller League
● 7. Gameday 04.03.2024
● 8. Gameday 11.03.2024
● 9. Gameday 18.03.2024
● 10. Gameday 25.03.2024
● 11. Gameday 01.04.2024
● Final-Four TBD
So hat HandOfBlood unter dem Namen Eintracht Spandau ein Team gegründet „und das versuchen wir mit unseren Strukturen zu unterstützen, zu verbinden und voranzutreiben“, ergänzt Rubi. Natürlich sei nicht jeder LoL-Fan auch ein Baller-League-Fan und andersherum, „aber alle finden in der Fanini ihren Platz und ihre Infos zu den entsprechenden Events.“
Jeder ist willkommen – Pöbeln ist verboten
Grundsätzlich sei bei Eintracht Spandau nämlich jeder und jede willkommen. „Bei uns gibt es keine Hardcoretrolle, die sich prügeln wollen, nur Leute, die gemeinsam Spaß haben“, bestätigt Rubi. Piloten, Bundeswehrsoldaten und Softwareentwickler sind ebenso Teil der Fangruppe wie Busfahrer oder Personen aus dem Verwaltungs- sowie dem Rechnungswesen.
Die Grundregel von EINS lautet, dass die Fans von Eintracht Spandau nie einen Spieler oder den Schiedsrichter angehen, erläutert Odya. Zwei Fans hätten mal versucht einen Schiedsrichter zu beleidigen, das wäre aber sofort unterbunden worden. „Love ist our Message“, sagt der E-Sport- und Kicker-Fan. „Das urige macht uns besonders“, so Rubi.
Und während das Spiel endet, wird die Hymne nochmal gegrölt. Die Kommentatoren analysieren über das aufsteigende Gemurmel privater Gespräche im Hintergrund das Spiel. Auf den Tischen prickeln die Rubis – ein Getränk aus Fanta und Jägermeister, im Bock benannt nach Rubi. Es wird deutlich, dass sich hier nicht nur sogenannte Kellerkinder oder Nerds des E-Sports gefunden haben, sondern Menschen jeder Fasson, die sich mögen, die Freunde geworden sind, die Bock darauf haben gemeinsam etwas zu gestalten und das auch durchziehen. „Da ist Spandau, da sind wir; Spandau, Spandau, wir lieben dir.“

