Ehrung für Schauspieler: Manfred Krugs Tatorte der Kindheit
Es war das zweite Kriegsjahr, als der damals dreijährige Manfred 1940 von Duisburg nach Hennigsdorf zog. Damals ahnte niemand, dass aus dem in seiner Selbstbeschreibung von klein auf recht wortgewandten und zu Streichen aufgelegten Steppke ein berühmter Schauspieler und Sänger werden sollte. Bis heute erinnert nichts daran, dass Manfred Krug seine Kindheit in einer Stahlarbeiter-Wohnung an der Marwitzer Straße erlebte. Das soll sich jetzt ändern.
„Wir ziehen ins Parterre eines dreistöckigen Hauses. Alle Familien bekommen ein sandiges Gärtchen. Mein Vater baut einen Zaun drum herum, dahinter einen Hühnerstall. In der Wohnung gibt es die Küche, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, das mein Vater Herrenzimmer nennt. Das Beste ist: Roger und ich haben ein Kinderzimmer für uns.“
„Es ist so viele Jahre her. Genau weiß ich das nicht mehr. Aber es könnte der Hauseingang neben dem Torbogen Richtung Krankenhaus gewesen sein.“ Die heute 85-jährige Ingeborg Bulz wohnte bereits in der Marwitzer Straße, als Manfred dort einzog. Ganz genau kann sie sich nicht erinnern. War es die Hausnummer 46? Oder die 48? Ihr Bruder gehörte wie der Nachbarsjunge Udo zu dessen Clique. Mit Udo besuchte Manfred den noch heute existierenden katholischen Kindergarten.
„Morgens gehe ich mit Udo hin, und nachmittags mit Udo zurück. Schwester Theresita und Schwester Alverna, die Nonnen im Kindergarten, können mich nicht leiden, weil ich die Fensterscheiben mit Knete zugeschmiert habe.“
Heute gehören die Häuser an der Marwitzer Straße der Hennigsdorfer Wohnungsbaugesellschaft. Geschäftsführer Holger Schaffranke bedauert, dass der Mietvertrag der Familie Krug nicht mehr zu finden ist: "Wir haben keinen Beleg dafür, in welchem Haus die Familie gewohnt hat.“ Als er 2004 Krugs Kindheitserinnerungen las und dieser zeitgleich auf musikalische Lesereise ging, wollte Schaffranke ihn ins Stadtklubhaus holen. "Die wollten aber 5 800 Euro. Vor der Summe wurde eingeknickt“, erinnert er sich. Heute, so meint Schaffranke, würde über solch eine Gage nicht mehr diskutiert.
Über Jahre geriet die Idee, Manne Krug und Hennigsdorf wieder zusammenzubringen, in Vergessenheit. 2016 starb Krug. Da war es endgültig zu spät. Als wenig später mit der Sanierung der Marwitzer Straße begonnen wurde, hatte Schaffranke als ein eingefleischter Krug-Fan eine neue Idee: "Ich habe recht spontan zum Bürgermeister gesagt, dass wir die Einweihung der Straße damit verbinden, eine Plakette für Manfred Krug anzubringen und das mit einem Hoffest zu verbinden.“ Auch dieser Vorschlag scheiterte. Vielleicht auch daran, dass die Straße im Dezember 2018 fertig wurde. Kein Zeitpunkt für ein Straßenfest.
„Dann holt mein Vater zwei verschiedene Rollschuhe. Draußen ist es dunkel und es liegt Schnee. Aber im Torbogen kann ich ein bisschen umherfahren.“
An diesem Torbogen, in dem an einem Heiligabend Manfred seine ungleichen Rollschuhe testete, soll 2020 eine Tafel an den einstigen Lausbuben und späteren Star erinnern. Die HWB könnte diese Erinnerung einfach an die Hauswand nageln. Doch Schaffranke möchte die Stadt mit ins Boot holen: „Die Erinnerung an diesen großen Hennigsdorfer ist nicht nur Sache der HWB.“ Um die Stadt mit in die (auch finanzielle) Verantwortung zu holen, hat er sich einen Trick einfallen lassen: „Es gibt den Bürgerhaushalt. Und es gibt HWB-Mitarbeiter, die Hennigsdorfer sind.“ Also hat HWB-Prokurist Jörg Ramb einen solchen Vorschlag eingereicht: Eine Gedenktafel soll her, und zur Einweihung wird ein Fest gewünscht. Jetzt liegt es an den Hennigsdorfern, diesen Vorschlag bei der Abstimmung zum Bürgerhaushalt zu unterstützen. Sollte dieser sich nicht durchsetzen, kann Schaffranke immer noch in den HWB-Topf greifen. Beim Hoffest würde er dem Krug am liebsten auch musikalisch ein Denkmal setzen. Vielleicht findet er einen würdigen Interpreten Krugscher Songs. Ansonsten: „Ich bin so ein Fan von Krug, dass ich mich auch selbst auf die Bühne hieve. Und dann Krugs Version von ,The House of the Rising Sun’ singe: ,Es steht ein Haus in New Orleans.’“
„Als wir losfahren, steht die Verwandtschaft auf der Marwitzer Straße. Sogar Sergej, unser Russe, winkt mit einer weißen Fahne.“
An einem Nachkriegstag im Jahr 1945 wird Manfred Krug zum Vater nach Duisburg geschickt. Es ist nicht bekannt, ob er Hennigsdorf noch einmal besucht hat.
Die Memoirenals Taschenbuch
Die im Text verwendeten Zitate stammen aus der Autobiografie "Mein schönes Leben". Das Buch erschien erstmals 2003 im Econ-Verlag und ist als Taschenbuch für zehn Euro erhältlich.
Manfred Krug beschreibt darin seine Kriegs-Kindheit von 1940 bis 1945 in Hennigsdorf, seine Jahre in Duisburg und Karl-Marx-Stadt und die Zeit bis zum Beginn seines Schauspielstudiums in Ost-Berlin. ⇥rol

