Einzelhandel
: Stadt erarbeitet Konzept für buntere Geschäftswelt

Auch mit dem neuen Einzelhandelskonzept wird der Einfluss auf den Branchenmix in der Innenstadt gering bleiben.
Von
Roland Becker
Hennigsdorf
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Wenig Leerstand, aber auch wenige Fachgeschäfte: Hennigsdorfs Zentrum lässt manche Käuferwünsche offen. Die Stadtverwaltung kann auf den Geschäftemix kaum Einfluss nehmen.

MOZ/Roland Becker

„Beim Warenkaufhaus Karstadt kriegt man so gut wie fast alles.“ Deshalb schlägt ein Hennigsdorfer vor, aus den Mitteln des Bürgerhaushalts eine solche Ansiedlung zu finanzieren. Abgesehen davon, dass dies nicht für 20 000 Euro, die der Bürgerhaushalt maximal pro Vorschlag vorsieht, zu finanzieren ist: Die Stadt kann auch kein Unternehmen zwingen, eine Filiale zu eröffnen.

Wenn mit Befragungen in Geschäften und von Haushalten derzeit auch die Grundlagen für Hennigsdorfs neues Einzelhandelskonzept gelegt werden, weiß Daniel Stenger, Fachbereichsleiter für Stadtentwicklug, sehr wohl, dass das Konzept nur begrenzte Möglichkeiten bietet, die Geschäftswelt zu steuern.

Mit den Umfragen, die zwei Institute im Auftrag der Stadt durchführen, soll ermittelt werden, welches Angebot es in Hennigsdorf gibt und welche Lücken der Einzelhandel lässt. In Bezug zur Kaufkraft und Zusammensetzung der Bevölkerung (Alter, Einkünfte) können laut Stenger Versorgungsdefizite aufgedeckt werden. „Steuernd eingreifen können wir dort, wo wir Planungsrecht haben“, erläutert Stenger. In der Praxis heißt das aber auch: Im Rathaus hat man keinen Einfluss darauf, welche Geschäfte in die beiden Einkaufszentren oder in die Havelpassage ziehen. „Die Belegung solcher Flächen wird durch die Nachfrage gesteuert“, sagt Stenger. Manchmal scheint er es zu bedauern, dass ihm hierbei die Hände gebunden sind. „Das ist suboptimal“, bezeichnet er zum Beispiel die vor einigen Monaten erfolgte Eröffnung eines zweiten Schreibwarenladens direkt neben dem alteingesessenen Anbieter.

An anderer Stelle aber kann das Konzept helfen: Es dient als Steuerungsinstrument, um zum Beispiel Wildwuchs auf der grünen Wiese zu verhindern, der den Innenstadthändlern das Leben schwer oder unmöglich machen könnte.

Im noch gültigen Einzelhandelskonzept, das aus 2009 stammt, wurde eine leichte Unterversorgung im Lebensmittelhandel festgestellt. Die Verkaufsfläche entsprach nur 93 Prozent des Bundesdurchschnitts. Seither haben Discounter wie Aldi und Plus geschlossen, Netto in Nord und Kaufland eröffnet. Stenger kann sich vorstellen, dass künftig in Neubrück – ein Gebiet, das die Stadt entwickeln will – ein Nahversorgungszentrum entsteht. Stolpe-Süd, das Asylbewerberheim und mittelfristige Wohnbauprojekte in Neubrück „erzeugen durchaus einen bestimmten Bedarf“, meint er. Ein Supermarkt bis 800 Quadratmeter Verkaufsfläche, Fleischer und Bäcker, aber auch ein Buchladen gehören für ihn zu den dort vorstellbaren Geschäften.

Einen speziellen Fall stellt Nieder Neuendorf dar. Zwar wird der Ortsteil aus Platzmangel kaum weiter wachsen können. Doch seit 2009 hat es einen erheblichen Bevölkerungszuwachs gegeben. „Das Konzept könnte ergeben, dass das dortige Nahversorgungszentrum zu klein ist“, wagt Stenger einen Blick voraus. Er weiß aber auch: „Wir müssen klar sagen, dass wir für Ansiedlungen dort keine Flächen mehr haben.“

Die Befragung von 250 Hennigsdorfern dürfte Begehrlichkeiten wecken, „die zu einem Spagat führen zwischen Wünschen und dem, was realisierbar ist“, befürchtet Stenger. Bislang fehlt in Hennigsdorf zum Beispiel ein Elektronikmarkt. „Wir müssen die Untersuchung abwarten, ob es dafür den Bedarf gibt“, sagt der Stadtentwickler. Im Endeffekt aber zählt nur, ob auch ein Unternehmen diesen Bedarf in der Stadt sieht und decken will.

Eine weitere Entwicklung im Einkaufsverhalten wird das Konzept nur bedingt darstellen können: Wie entwickelt sich der Online-Handel? Stenger weiß aus Erfahrung: „Viele beschweren sich über all das, was es in Hennigsdorf nicht gibt. Aber wenn sie sich ihr eigenes Kaufverhalten anschauen, bestellen sie vieles, statt es vor Ort zu kaufen.“

Wird es in zehn Jahren überhaupt noch Fachgeschäfte in den Zentren kleiner Städte geben? Stenger ist da durchaus verhalten optimistisch: „Ich habe gelesen, dass es im Online-Handel Grenzen gibt. Dann sind Logistik und Kapazität erschöpft.“ Eine belebte Innenstadt mit Café und Fachgeschäften könnte wieder schätzen gelernt werden.

Auch ohne Hennigsdorfs Bürgerhaushalt: Noch für dieses Jahr ist die Eröffnung eines neuen Karstadt-Warenhauses geplant. Nicht in Hennisgdorf, aber in Tegel. Zehn S-Bahn-Minuten entfernt. Stenger schätzt, dass damit „Kaufkraft aus Hennigsdorf abgezogen werden könnte“. Wer von hier zum Kaufhaus-Bummel aufbreche, der tätige in dessen Umfeld weitere Einkäufe, die auch vor Ort hätten erledigt werden können.

Zahlen und Fakten

■ Im Einzelhandelskonzept 2009 wurde festgestellt, dass Hennigsdorf über 42 500 Quadratmeter Verkaufsfläche verfügt, pro Einwohner waren das damals 1,64 Quadratmeter. Von den 153 Geschäften befanden sich 47 Prozent in der Innenstadt.

■ Die Befragten äußerten vorwiegend Zufriedenheit mit dem Innenstadtangebot, vermissten aber in einigen Branchen wie Bekleidung mehr Vielfalt.⇥(rol)