Fotoausstellung
: Von der Todesmauer zum Mauer-Spazierweg

Auf einer fast 160 Kilometer langen Wanderung hat Siegfried Utzig seine ganz persönliche Eindrücke vom Mauerradweg festgehalten. Einige davon sind in Velten zu sehen.
Von
Roland Becker
Velten
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  • Von zeitloser Idylle an der Havel scheint dieses Foto zu erzählen. Doch der Schein trügt. Vor 30 Jahren gehörte dieser Fleck in Nieder Neuendorf zu einer der undurchdringlichsten Grenzen dieser Welt.

    Von zeitloser Idylle an der Havel scheint dieses Foto zu erzählen. Doch der Schein trügt. Vor 30 Jahren gehörte dieser Fleck in Nieder Neuendorf zu einer der undurchdringlichsten Grenzen dieser Welt.

    privat
  • Seine Wahlheimat hat Dr. Siegfried Utzig auf Mauerweg-Wanderungen entdeckt.

    Seine Wahlheimat hat Dr. Siegfried Utzig auf Mauerweg-Wanderungen entdeckt.

    privat
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Der Wahl-Frohnauer lief den heutigen Mauerradweg und einstigen Todesstreifen nicht mit der deutsch-deutschen Brille auf der Nase ab. „Mir ging es nicht darum zu schauen, was von den einstigen Grenzanlagen übrig ist. Ich wollte sehen, welche dort stattgefundenen Entwicklungen mich heute interessieren“, erläutert der Hobbyfotograf das Ziel seiner Wanderungen.

Unterwegs mit einem Freund

Die erste Etappe von Frohnau nach Wilhelmsruh sei er noch allein gelaufen. Dann gesellte sich ein Freund hinzu. Im Uhrzeigersinn eroberten sie Stück für Stück das heute mal friedlich, mal quirlig und oftmals grün wirkende Band rund ums ehemalige Westberlin. Doch die 40 Bilderpaare, von denen es nach Velten wegen der beengten Ausstellungsmöglichkeiten nur etwa ein Viertel schaffen, halten sich nicht an diese geographische Reihenfolge. So wie aus Ost- und Westberlin längst ein unzertrennliches Paar geworden ist, in deren jeweiliger Verwandtschaft es auch mal Streit gibt, so hat auch Utzig Fotoduos gebildet, die das Zusammenwachsen ebenso dokumentieren wie die dabei unvermeidliche unterschiedliche Entwicklung. Immer aber zeigen die Aufnahmen eines: „Natur und Stadt haben sich das Gebiet zurückgeholt“, resümiert der 63-Jährige. Da ist er einerseits auf das urbane Leben in Mitte und Kreuzberg gestoßen, „wo sich die Mauer am extremsten durch die Stadt zog“. Andererseits prägen „gewachsener Wald, landwirtschaftliche Nutzung und Naherholungsgebiete“, so Utzig, die brandenburgische Seite des einstigen Todesstreifens.

Der Saarländer, der vor 20 Jahren nach Berlin kam, hatte keine durch sein Leben geprägte emotionale Beziehung zur Berliner Mauer. Seinem ihn auf den Ausflügen begleitenden Freund ging es anders. „Hier haben wir immer mit dem Ball gegen die Mauer geschossen“, habe dieser auf der Strecke von Marienfelde nach Zehlendorf erzählt. Ganz konnte sich der Fotograf der Historie aber doch nicht entziehen. Ein Fotopaar verdeutlicht das. Da zeigt eine Aufnahme „ein bisschen Kies und ein Stück Mauer“. Diese unzähligen Steinchen und dieser Beton ziehen jährlich hunderttausende Besucher an: die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Während hier die Wunden, die die Mauer riss, noch zu sehen sind, zeigt das andere Bild, wie ein junger Buchenwald in Marienfelde Spuren der Geschichte verwischt.

Die Schnelllebigkeit der Millionenstadt und die brandenburgische Ruhe offenbaren sich in zwei Fotos, die einerseits eine Currywurstbude am Ufer der Berliner Spree zeigen, andererseits einen vom Zahn der Zeit angenagten Steg am Nieder Neuendorfer Ufer der Havel. „Manches könnte ich jetzt schon nicht mehr fotografieren, weil die Stelle bebaut wurde“, weiß Utzig. Die mittlerweile abgerissene Imbissbude gehört dazu. Insofern sind seine Fotos auch Dokumente einer oft schnelllebigen, teils sich allmählich wandelnden Stadtlandschaft.

„Jeder würde diesen Weg ganz anders wahrnehmen, andere Dinge fotografieren“, sagt der Hobbykünstler. Aber egal, aus welchem Blickwinkel heraus, mit welcher Motivation ein jeder seine Motive auf dieser fast 160 Kilometer langen Strecke auswählen würde, in einem würde man Siegfried Utzig wohl uneingeschränkt zustimmen: „Wir haben diese geschichtliche Phase überwunden.“

Vernissageam Donnerstag

"Im Zweifel für die Freiheit" ist die Ausstellung von Siegfried Utzig betitelt, die Fotos vom Mauerweg zeigt. Er wird dabei sein, wenn die Fotoschau am Donnerstag um 19 Uhr im Veltener Kommunikationszentrum, Bibliotheksgasse 1, eröffnet wird.

Zu sehen ist sie bis Mitte September zu den Öffnungszeiten der Bibliothek. Der Eintritt ist frei⇥rol