Grenz-Tour
: Im Doppeldecker in ein anderes Land

In einem alten Doppeldecker erfuhren Fahrgäste von einem Hobbyhistoriker vieles über die Entwicklung der Stadt Berlin und deren Verkehrswege.
Von
Gabriele Zaspel
Hennigsdorf
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Mit Dr. Burkhard Klein (links) und Busfahrer Detlef Büssy auf historischer Fahrt über den Grenzkontrollpunkt und nach Hennigsdorf: Der Bus war voll besetzt.

Gabriele Zaspel

Dr. Burkhard Klein ist Hobbyhistoriker und Kenner der Berlin-Brandenburger Grenzgeschichte. Als langjähriges Mitglied der AG kennt er sich mit der Entwicklung der Stadt und ihrer Verkehrsverbindungen bestens aus. Als kundiger Reiseleiter führte er die 57 Teilnehmer der Fahrt auf historischen Spuren durch Tegel, Hennigsdorf, Nieder Neuendorf, Spandau und Haselhorst zurück nach Tegel. Er schilderte die komplizierte Situation zwischen der ehemaligen DDR und Berlin (West). Der Doppeldecker-Bus vom Typ DE 2437 wurde gelenkt von Detlef Büssy, der schon viele Jahre Buserfahrung hat. Als historischer Schaffner begleitete Fabian Andenbrandt den Bus.

Nach dem Start An der Mühle Tegel ging es über die Autobahn Richtung Hennigsdorf mit einem Schwenk über den Rastplatz Stolper Heide. Da die erst 1987 fertiggestellte Autobahn die Transitstrecke Richtung Hamburg war, befand sich auf dem heutigen Rastplatz ehemals die Grenzübergangsstelle Berlin – DDR. Hier wurden Fahrzeuge und Passagiere streng kontrolliert. Wer aus dem Norden Berlins nach Westberlin einreisen wollte, war zumeist Rentner und musste einen Passierschein vorweisen. Ab 1982 war nach langen, zähen Verhandlungen mit der DDR die Buslinie 98 von Hennigsdorf nach Tegel eingerichtet worden. Vom Bahnhof Hennigsdorf fuhr ein Bus zur Grenzübergangsstelle Stolpe. Nach den Kontrollen konnten die Businsassen dort in einen anderen Bus umsteigen und dann nach Tegel fahren. Das war gegenüber der anderen Reisemöglichkeit in den Westen Berlins, über den Bahnhof Friedrichstraße, trotz Unbequemlichkeiten eine erhebliche Erleichterung.

An der Autobahnausfahrt Stolpe fuhr der Bus weiter nach Hennigsdorf, vorbei am Wasserwerk Stolpe, das seit 1911 die Wasserversorgung für den Berliner Norden sichert. Hennigsdorf mit seiner reichen Industrietradition wurde durchfahren. Auch die Geschichte von der AEG, die bereits 1910 die Grundlagen für Schienenfahrzeuge entwickelte und damit dem späteren LEW und heutigen Bombardier als Wegbereiter diente und 1918 ebenfalls in Hennigsdorf das erste Elektrostahlwerk gründete, wurde betrachtet.

Die Fahrt Richtung Nieder Neuendorf führte entlang der ehemaligen Straßenbahnlinie 120 von Spandau nach Hennigsdorf. Heute verläuft dort statt einer Bahnstrecke ein Radweg.

An die Grenzlage an der Havel erinnert heute nur noch der ehemalige Grenzturm. Die Buslinie 136 verläuft nun von hier nach Spandau. Dort führte die Fahrt entlang der ehemaligen Industriebahn auf dem Mittelstreifen der Streitstraße zur heutigen Wasserstadt Spandau. Wo heute Wohngebäude an der Havel in die Höhe wachsen, befand sich bis zur Wende ein Tanklager für Kraftstoffe. Darin konnten im Rahmen der vom Berliner Senat für den Ernstfall eingerichteten Senatsreserve für die Versorgung von Westberlin Benzin und Heizöl für etwa drei Monate gelagert werden. In früheren Zeiten befanden sich auf der damals kaum bebauten Havelseite auch Pulver- und Munitionsfabriken.

Weiter ging es nach Haselhorst, vor der Wende ebenfalls im Rahmen der Senatsreserve eine Lagerstelle für die Lebensmittelversorgung der Stadt. Hier befinden sich die von Artur Brauner 1946 gegründeten CCC-Filmstudios. Auch ein Biber-Schutzgebiet ist ausgewiesen. Vorbei an dem 1980 nach einem  Streik stillgelegten S-Bahnhof Gartenstadt, der eventuell in zehn Jahren wieder in Betrieb genommen werden soll, ging es wieder nach Tegel.

Die Fahrgäste waren von der informativen Tour begeistert. Eine Familie war eigens aus Strausberg angereist. Ein ehemaliger Hennigsdorfer interessierte sich vor allem für die Entwicklung seiner Heimatstadt in den vergangenen 3 Jahrzehnten, eine Teilnehmerin aus dem ehemaligen Westberlin kannte die nördliche Umgebung Berlins bisher noch wenig und hat sich in Zukunft weitere Touren vorgenommen.

Die AG Traditionsbus Berlin führt als eigenständiges Busunternehmen auf Basis von Hobbyisten auch Fahrten auf offiziellen Buslinien, wie auf der Linie 218 von Theodor-Heus-Platz durch. Näheres steht unter geschichtliche-tour@traditionsbus.de.