Die nach dem innovativen Gefährt benannte Firma konnte nämlich am vergangenen Freitag hohen Besuch begrüßen. Nachdem Mutka Dutta Tomar zufällig ein Video über das eRockit gesehen hatte, meldete sie sich zu einem Betriebsbesuch an. "Dieses Produkt muss mein Land haben", zitierte Sebastian Bruch, Mitbegründer der Firma, die Botschafterin nach deren Visite. Bei eRockit schaut man nicht erst seit dem vorigen Freitag auf den indischen Fahrzeugmarkt. Es habe bereits mehrere Anfragen von Geschäftsführern aus diesem Land gegeben, berichtete Bruch. Nach dem Besuch von Mutka Dutta Tomar zeigt sich Bruch noch optimistischer. Tomar könne zwar keine Verträge unterschreiben, sie könne aber ihrer Berufsbezeichnung alle Ehre machen: als Botschafterin zwischen der Hennigsdorfer Firma und Unternehmen in ihrem Heimatland.
Aus Sebastian Bruch sprudeln die Ideen nur so heraus. Indien wolle Verbrennungsmotoren bald verbieten, da komme in dem von Zweirädern geprägten Land das eRockit gerade recht. Die im E-Motorrad steckende Technologie könne zudem auch in anderen Fahrzeugen Anwendung finden. "Wir könnten die Rikshas elektrifizieren", schwärmt der E-Bike-Fan. Auch der Einbau der Antriebstechnik in ein indisches Motorrad sei möglich. Und um eine Alternative zur teils kritisch gesehenen Batterieproduktion anbieten zu können, schlägt er vor: "Da kommt ein Solarpanel ans Bike. Und schon muss kein Pfennig für Strom ausgegeben werden."
Es sind solche modernen Bikerträume, die Bruch beschäftigen. Träume, die durchaus Realität werden können und die man braucht, um manche Durststrecke auf dem langen Weg bis zum Serienstart der Produktion überstehen zu können. Denn so flott, wie die ersten eRockits auf Oberhavels Straßen unterwegs sind, hat es mit der Zulassung für die Serienproduktion nicht geklappt. Noch im August vorigen Jahres hatte Geschäftsführer Andreas Zurwehme gehofft, dass die Elektroflitzer auf zwei Rädern ab Mai dieses Jahres in Serie produziert werden können. "Wir haben ein bisschen Verspätung im Zulassungsprozedere", räumt Bruch dieser Tage ein, um aber gleich danach verkünden zu können: "Wir sind quasi schon in der Produktion. Die läuft in den nächsten Wochen so richtig an." In Hektik scheint er wegen der Verspätung aber nicht zu verfallen. Schließlich ist die jetzt anbrechende kalte Jahreszeit sowieso keine, in der Zweiradfans sich ein neues Motorrad zulegen. "Wir wollen in Deutschland ab März oder April 2020 ausliefern." Die Bestellungen aus Italien würden einige Monate früher abgearbeitet. Für 2020 ist eine Jahresproduktion von 100 eRockits vorgesehen. Auch hier bäckt man mittlerweile kleinere Brötchen. Vor Jahresfrist war noch von 130 Fahrzeugen im ersten Jahr die Rede gewesen.
Nur im Direktvertrieb
Nicht nur beim Antrieb der eRockits geht die Firma neue Wege, auch beim Vertrieb werden die einschlägigen Pfade verlassen. "Wir verfolgen das Tesla-Modell", bezieht sich Bruch auf den Vertriebsweg des Herstellers von E-Autos. Das heißt: "Wir verkaufen ausschließlich im Direktvertrieb." Ein Händlernetz aufzubauen, deren Mitarbeiter zu schulen und dann noch den Fremdvertrieb zu bezahlen, sei sowohl zu aufwendig als auch zu teuer.
Das mag beim Kauf funktionieren. Was aber passiert, wenn ein Besitzer Ärger mit seinem eRockit hat? Auch dafür hat Bruch einen Strauß von Lösungen parat. An erster Stelle steht für ihn: "Es gibt keinen Vergaser, kein Getriebe, keine Kupplung." Damit sei das Reparaturaufkommen im technischen Bereich schon mal minimiert. "Wird ein anderes Problem festgestellt, können wir das per Speicher auslesen", beruhigt er potenzielle Käufer, die fern von Hennigsdorf wohnen. Geht an der Karosserie etwas kaputt, könne das Ersatzteil per Post versandt und in jeder Werkstatt eingebaut werden.
Läuft’s im Gewerbehof Nord, in dem die Firma beheimatet ist, erst mal so richtig rund, könnten bis zu 900 E-Motorräder pro Jahr gebaut werden. "Und unsere Halle ist erweiterbar. In den nächsten drei Jahren werden wir keine Kapazitätsprobleme haben", sind sich Bruch und Zurwehme sicher.
Doch wie wollen die Tüftler damit klarkommen, wenn sie der Erfolg überrennt? Wenn pro Jahr nicht 900, sondern 9 000 Bestellungen einlaufen? Im Hennigsdorfer Blauen Wunder, in dem innovativste Firmen der Biotec-Branche agieren, geschieht es immer wieder, dass ein erfolgreiches Start-up von einem großen Player der Branche aufgekauft wird. Sebastian Bruch will einen solchen Weg für seine noch junge Firma nicht ausschließen. "Ich will nicht ausschließen, dass wir in Zukunft mit einem solchen Player zusammenarbeiten oder an ihn angedockt sind. Aber wir werden den Laden nicht morgen verkaufen", sagt Bruch. Für gute Kooperationsangebote sei man offen, aber: "Es gibt noch nichts, was spruchreif ist."
Spruchreif ist hingegen der nächste Messe-Auftritt. In wenigen Wochen werden einige eRockits gut verpackt, um sie im November auf der Internationalen Fahrrad- und Motorradmesse EICMA im italienischen Mailand zu präsentieren.
Konkurrenzfähig auch im Preis
Dort dürften dann auch die Preise eine Rolle spielen. Der eRockit-Enthusiast ist fest davon überzeugt, dass die 11 850 Euro ein Angebot sind, das Motorradfans interessant erscheinen wird. Er zählt eine Reihe von Konkurrenten auf, deren E-Bikes deutlich darüber liegen. Und selbst die elektrische Version eines Nostalgie-Mopeds aus der DDR sei nicht allzu viel billiger. "Unsere Vision ist es, im Zusammenspiel mit einem großen Player diesen Preis halten zu können." Schon taucht es in Bruchs Zukunftsvisionen wieder auf: Das Unternehmen mit Weltruf, das dem eRockit eben diesen verpassen wird. Es kann also sein, dass es dem eRockit in einigen Jahren zu eng in Hennigsdorf wird. Dass er durchstartet und die kleine Stadt am Rand der Millionenmetropole für immer verlässt. Doch bis dahin kann sich Hennigsdorf einmal mehr rühmen, dass in der Stadt eine mutige Idee laufen oder in diesem Fall besser fahren gelernt hat.

Technische Daten

Das Innovative vom eRockit besteht darin, dass das strombetriebene Motorrad durchs Treten in die Pedale Fahrt aufnimmt. Ein Zahnriemen überträgt die Pedalkraft auf einen Generator. Der wiederum erzeugt die Spannung für einen Computer, der die Leistung steuert, die an den Elektromotor abgegeben wird.

Das eRockit erreicht Spitzengeschwindigkeiten von gut 80 Kilometern pro Stunde und ist damit für Autobahnen zugelassen. Für den Fahrspaß wird ein Motorradführerschein der Klassen A1 oder A2 verlangt.

Das Gefährt hat eine Reichweite von rund 120 Kilometern. Es kann an jeder Steckdose binnen fünf Stunden aufgeladen werden. Das eRockit wiegt etwa 100 Kilogramm.

Weitere Infos:www.erockit.de rol