Die meisten Menschen verabschieden sich in dem Alter aus dem Berufsleben, in dem Friedrichowicz seinen Hennigsdorf-Start hinlegt. Tatsächlich weist auch dessen Kontoauszug seit einem Jahr eine monatlich Rentenzahlung von 103 Euro aus. Die hat er sich in den fünf Jahren erwirtschaftet, die er als junger Mann in Ostberlin bei Robotron als Schreibmaschinenmechaniker gearbeitet hat.
Vom Mechaniker zum Priester
Lehre, NVA-Wehrdienst und Job in der Industrie: Die Vita des jungen Mannes ließ in den 1970er-Jahren nichts Spektakuläres vermuten. Bis sich der damals 22-Jährige aus der atheistisch geprägten Hauptstadt der DDR dazu entschloss,  das Abitur nachzuholen, und zwar auf einer katholischen Schule in Magdeburg. Damit war der Lebensweg vorgezeichnet: Studium der katholischen Theologie in Erfurt, 1984 die Priesterweihe und danach die erste Pfarrstelle in Brandenburg/Havel. Schon früh richtete sich sein Augenmerk auf die, die sich nicht anpassen. "Die Wende habe ich als Leiter eines Jugendseelsorgehauses erlebt. Mit all den Punks, den Leuten von der Umweltbibliothek", erinnert sich Friedrichowicz, der als katholischer Priester selbst als Außenseiter galt, dem aber noch bis heute DDR-Vokabeln wie Kaufhalle locker über die Lippen kommen.
Die Trabantenstadt Märkisches Viertel, im Westen Berlins als Problemkiez bekannt, und die Tätigkeit als Gefängnispfarrer in Tegel – dort ist er weiterhin mit 50 Prozent seiner Stelle tätig – sind weitere Indizien dafür, dass der 66-Jährige sich nie Traditionsgemeinden aussuchte, sondern eher in Brennpunktgegenden geschickt wurde.
Dazu passt, dass Stefan Friedrichowicz Sätze sagt, bei denen konservativ geprägte Katholiken nicht nur in Bayern das Zittern bekommen könnten. Hennigsdorf hat in den vergangenen Jahren schon viele Priester erlebt. Die Bandbreite reicht vom moderat modernen Matthias Brühe (der jetzt Friedrichowicz’ Chef in Tegel ist) bis zum erzkonservativ geprägten Fernando Yago Cantó. Keiner von diesen hat je einen solchen Satz gesagt: "Wenn man sich nicht durchringen kann, Frauen und verheiratete Männer fürs Priesteramt zuzulassen, ist es kein Wunder, dass die katholische Kirche Probleme bekommen wird." Längst muss das Erzbistum Geistliche aus aller Welt holen, um die Gemeinden betreuen zu können. Hennigsdorf ist ein Beispiel dafür. In der Schutzengel-Kirche hielten schon Priester aus Spanien und Indien die Gottesdienste, jetzt gehört ein Italiener zum Team. "Heute ist es ein bestimmter Typus Mann, der diesen Berufsweg wählt", meint Friedrichowicz und fügt hinzu: "Einer, der konservativ ist in Hinsicht auf Sicherheitsdenken und Ordnung." Was er so deutlich nicht sagt: Immer weniger Männer wollen sexuell abstinent leben.
Und ihm selbst, hat ihm nie diese Nähe zu einem Menschen gefehlt? Hat es ihn nie geschmerzt, Liebesgefühle nicht körperlich zeigen zu können? Der Priester umschifft die Frage, ohne ihr ganz auszuweichen. Ihn beschäftige schon, "wo ich im Alter bleibe, wie ich dann lebe. Manche meiner Kollegen vereinsamen dann." Was eine – ihm verwehrte – Partnerschaft gerade auch in den letzten Lebensjahren bedeuten kann, hat er in der eigenen Familie erlebt: "Nachdem meine Mutter einen Hirnschlag hatte, hat mein Vater sie fünf Jahre zu Hause gepflegt." Im christlichen Sinn heißt das: Einer trage des anderen Last.
Zu vereinsamen, diese Gefahr besteht für den 66-Jährigen bisher ganz und gar nicht. Dafür sorgt die Arbeit als Seelsorger in Tegel und in Hennigsdorf. Dazu kommt sein ehrenamtliches Engagement im Café Rückenwind. In diesem von ihm ins Leben gerufenen Treffpunkt nehmen aus dem Gefängnis Entlassene Anlauf in ein neues Leben. "Ich will, dass diese Menschen nochmal eine Chance bekommen. Wenn sie die ergreifen, ist das ihr Glück. Wenn nicht, machen sie eine zweite Runde." Der Zusatz "im Knast" ist für ihn überflüssig. Manche nutzen den angebotenen Rückenwind und finden über die von ihm vermittelte Arbeit einen neuen Halt.
Vorerst bis Januar entsandt
Die Verwaltung der Hennigsdorfer Gemeinde wird für Friedrichowicz wohl eher zur Episode. Vorerst hat ihn das Erzbistum bis zum 31. Januar nächsten Jahres dorthin entsandt. Vielleicht gibt’s noch einen Nachschlag. Doch 2022 werden die katholischen Gemeinden neu strukturiert. Für die Katholiken ist das eine Herausforderung. Doch dass sie zur Zerreißprobe wird, glaubt der Priester nicht. Schon nach zwei Hennigsdorfer Wochen ist er sich in einem sicher: "Das läuft hier. Der Laden ist lebendig."

Von Hennigsdorf bis Kremmen


Als Pfarradministrator hat Stefan Friedrichowicz die Aufgabe, die Kirchengemeinde zu verwalten. Außerdem hält er monatlich auch mehrere Gottesdienste. Ihm zur Seite als Seelsorger steht Kaplan Giovanni Donadel.

Der Sitz der Gemeinde ist in Hennigsdorf, wo die katholische Kirche auch einen Kindergarten betreibt.

Neben den Katholiken in Hennigsdorf gehören auch die in Velten und Kremmen, die über eigene Kirchen verfügen, zu seiner Gemeinde. Betreut wird auch Oberkrämer, wo es kein katholisches Gotteshaus gibt. rol