Furioser Start
Es war ein grauer Donnerstag im Oktober 2017, als von der Stimmung her im Hennigsdorfer Bombardier-Werk die Sonne schien. Aus dem Süden Deutschlands war Baden-Württembergs grüner Verkehrsminister Winfried Hermann angereist. Auch Bombardiers Deutschland-Chef Michael Fohrer war dabei, als der Auftrag für 48 Talent 2-Züge für den Bahnbetreiber Abellio unterschrieben wurde. 2018 wurde die Bestellung auf 54 Züge erweitert.
Zwei und ein Viertel Jahr später ist bei Abellio Ernüchterung eingetreten. Monat für Monat wartet man auf die pünktliche Lieferung der Züge, immer wieder wird die Hoffnung darauf ausgebremst. Eigentlich müssten zwischen Stuttgart und Tübingen bereits 41 Talent-Züge rollen, Bombardier hat bislang nur 22 geliefert, berichtet Abellio-Sprecherin Hannelore Schuster. Damit nicht genug. Für die Züge mit drei Traktionen fehle weiter die Zulassung des Eisenbahnbundesamtes. "Deshalb haben wir Ersatzfahrzeuge im Einsatz und mussten mit dem Bedienen von Teilstrecken die DB Regio beauftragen", beschreibt Schuster die Probleme. Erst in dieser Woche habe Bombardier einen weiteren Lieferplan aufgestellt. Demnach sollen die säumigen Züge bis Juni nachgeliefert werden. Bei Abellio in Stuttgart hält man das für unrealistisch. Schuster dazu: "Die Produktionsdokumentation ist nicht überzeugend. Unsere Geschäftsführung wird sich demnächst am Standort ein Bild machen." Die Frage ist, ob das in Hennigsdorf oder Bautzen geschieht. Denn die Hennigsdorfer mussten einen Teil der Produktion bereits in das sächsische Werk abgeben.
Schaut Schuster weit zurück, erinnert sie sich an "einst durchweg gute Erfahrungen mit Bombardier". Nach den jetzigen Erfahrungen sagt sie: "Wir hätten uns bei dem Auftrag gern anders entschieden." Doch den habe das Land Baden-Württemberg europaweit ausschreiben müssen, Bombardier habe das beste Angebot eingereicht. Die Bezeichnung ’bestes Angebot’ scheint sich nicht auf die Verlässlichkeit der Technik zu beziehen. Auch damit gibt es auf den Schienen Baden-Württembergs Probleme. Das Hoch- und Runterfahren der Software sei fehlerbehaftet. Das bereite nicht nur zu Beginn und Ende einer Fahrt Ärger, sondern auch im Fahrbetrieb. Etwa, wenn bei einem Bahnhofshalt ein Zugteil ab- oder angekoppelt wird. "So können wir die Kuppelzeiten nicht einhalten, und es kommt zu Verspätungen", weiß Schuster.
Konzernsprecherin schweigt
Nachfragen zu den Problemen beim Abellio-Auftrag ließ die Pressestelle von Bombardier unbeantwortet. Nur auf ein weiteres, weit größeres Problemfeld wurde mit einem Vierzeiler reagiert. Ebenfalls wegen technischer Probleme will die Deutsche Bahn 25 Doppelstock-Züge für den IC2 nicht abnehmen. Laut interner Bahndokumente, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, breche das Betriebssystem des Zuges regelmäßig zusammen. Lokführer müssten eine Stunde vor Abfahrt das System starten. Der Vierzeiler, den auch diese Zeitung erhielt, scheint wortgleich an eine Vielzahl von Redaktionen gesandt worden zu sein. Darin bedauert Bombardier die Unzuverlässigkeit der Züge und verspricht einen Aktionsplan. Konkrete Fragen nach den Ursachen der Störungen bleiben unbeantwortet. Der IC2 wurde übrigens im Hennigsdorfer Werk auf Herz und Nieren geprüft, bevor die Zulassung beim Eisenbahnbundesamt beantragt wurde.
Bei all diesen Problemen zuzüglich neuerlicher Gerüchte um einen Zusammenschluss der Bahnsparte – diesmal mit Alstom – und stark fallender Aktienkurse gerät eine Großbaustelle fast in Vergessenheit. Vor knapp zwei Jahren wurde der Transformation genannte Erneuerungsprozess für den Bombardier-Konzern vorgestellt, dem 2 200 Jobs zum Opfer fallen sollen. Eigentlich sollte dieser Prozess bis Ende 2019 abgeschlossen sein. Doch noch immer ist nicht klar, an welchen Standorten welche Arbeitsplätze wegfallen. Mittlerweile wurde die Frist, in der betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen sind, bis Ende März verlängert. "Eigentlich ist der ganze Prozess noch gar nicht richtig losgegangen", beschreibt Hennigsdorfs Betriebsratsvorsitzender Volkmar Pohl die Lage. Das Konzernmanagement habe bereits neuen Gesprächsbedarf angemeldet. Was die Bombardier-Spitze damit bezweckt, ist noch völlig offen. Nur eins ist klar: Für Ruhe in der Belegschaft sorgt dieser Kurs nicht. Auch die dreimonatige Verlängerung der Kündigungsfrist hilft da wenig. Pohl bäckt schon sehr kleine Brötchen der Hoffnung, wenn er sagt: "Was ist besser? Die Taube auf dem Dach oder den Spatz in der Hand?"

Das zwölfte Jahrin der Produktion

Der Talent 2 wurde der Öffentlichkeit erstmals auf der InnoTrans-Messe in Berlin im September 208 vorgestellt. Bei Wikipedia wurde für den Zug bereits ein Spitzname verpasst. Wegen dessen auffällig gestaltetem Triebwagenkopfes werde er Hamsterbacke genannt. rol