Raub in Berlin-Spandau
: Opfer gefesselt, geschlagen und gewürgt – was der Angeklagte aussagt

Dass sich ein Mann in der Nacht in seinem Haus in Berlin-Spandau gefesselt auf einem Küchenstuhl befand, hatte damit zu tun, dass er den Rasen nicht gemäht hatte. Die Geschichte eines obskuren Raubes.
Von
Roland Becker
Berlin-Spandau
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Über eine Terrassentür verschafften sich Einbrecher (Symbolbild) in einer Juni-Nacht 2022 Zutritt zu einem Haus in Spandau. Aus dem Einbruch wurde allerdings ein Raub. Dafür muss sich jetzt ein 28-jähriger Spandauer vor dem Landgericht Berlin verantworten.

Silas Stein/dpa

Felix R. ist drogenabhängig und hat deshalb Schulden. Wie er die 6000 Euro zurückzahlen soll, weiß er nicht. Sein Gläubiger, ein zur Tatzeit 2022/2023 in einer Laube im Spandauer Ortsteil Kladow lebender Mann, ist da einfallsreicher. Er solle mit einem Dritten in Häuser einbrechen. Den Mittäter hat er sogleich bei der Hand. „Wir sind nachts nach Kladow gefahren. Ich bin zu Fuß durch die Gegend geschlichen und habe nach Häusern geguckt, in denen keiner ist“, beschreibt Felix R. zum Prozessauftakt am Freitag (22. März 2024) vor dem Landgericht Berlin sein Vorgehen in der Nacht des 13. Juni 2022.

Der 28-jährige Obdachlose, der sich derzeit in Untersuchungshaft befindet und zuvor in Spandau wohnte, muss sich nicht nur wegen dieser Tat verantworten. Ihm werden zweifacher schwerer Raub, gefährliche Körperverletzung und schwere räuberische Erpressung vorgeworfen. Außerdem soll er für eine von Oktober 2020 bis November 2021 verübte Serie von acht Einbrüchen – vorwiegend in Spandau – verantwortlich sein beziehungsweise die von anderen Tätern zusammengeraffte Beute bei sich gelagert und verkauft haben.

Vor dem Einbruch Kokain gezogen

Doch zurück in die frühen Morgenstunden des 13. Juni 2022. Bei seinem Streifzug durch Kladow fällt ihm gegen 4.30 Uhr ein Grundstück in der Seebaldstraße auf. „Der Garten war nicht gepflegt, der Rasen nicht gemäht. Es stand hohes Gras“, berichtet er vor Gericht. Als er am Klingelschild noch einen spanisch klingenden Namen entdeckt, vermutet er, dass die Besitzer im Ausland sind. Auf sein testweises Klingeln hin öffnet niemand. Felix R. meint, das richtige Objekt für den Einbruch gefunden zu haben und kehrt mit dieser Nachricht zu seinem Mittäter zurück, der in einigem Abstand im Auto wartet. Nachdem beide noch eine Line Kokain gezogen hatten, fühlten sie sich für den Bruch gewappnet.

Doch der verläuft anders als geplant, er läuft geradezu aus dem Ruder. Nachdem der Kumpel mit einem Stein die Terrassentür eingeschlagen hat, verteilen sich beide in der Wohnung, um nach Wertgegenständen zu suchen. Doch als sich Felix R. dem Schlafzimmer nähert, „lief mir der Hausbesitzer entgegen. Ich habe ihm einen Faustschlag ins Gesicht verpasst“, erinnert er sich. Ein nicht gemähter Rasen, so erfährt es der Einbrecher in diesen Sekunden, heißt noch längst nicht, dass ein Haus unbewohnt ist.

Opfer an Küchenstuhl gefesselt

Wenig später findet sich der Hausbesitzer in der Küche wieder. Der zweite Täter, so berichtet der Angeklagte, habe diesen geschlagen und ihn beauftragt, etwas zum Fesseln zu suchen. Laut Staatsanwalt sollen dabei Forderungen wie „Wo ist das Geld? Gibt deinen Schmuck!“, gefallen sein. Mittlerweile ist Felix R. fündig geworden und kehrt mit einem Kabel zurück in die Küche, mit dem dem Überfallenen die Hände an der Stuhllehne gefesselt werden. Der zweite Täter soll nach einem Küchenmesser gegriffen und seinem Opfer gedroht haben: „Ich schneide dir die Finger ab!“

Währenddessen wird der Angeklagte fündig. Als die Täter wenig später das Haus verlassen, schleppt der vor Gericht muskulös und trainiert wirkende Felix R. nicht nur einen Fernseher weg, sondern auch einen nach seinen Schätzungen 50 Kilogramm schweren Spielautomaten. Leichter lassen sich 600 Euro in bar und ein Smartphone mitnehmen. Weshalb er auch einen Basketball raubt, kann Felix R. vor Gericht nicht mehr erklären.

Knapp zwei Monate später geht das Duo erneut auf Raubtour. Diesmal überfallen sie am helllichten Tag eine alte Frau in ihrer Wohnung am Kurfürstendamm. An jenem 6. August 2022 scheuen sie sich nicht, mitten am Vormittag zuzuschlagen. Der Frau wird zum Verhängnis, dass sie in der Tür ihren Schlüssel hat steckenlassen. Wieder haben sie sich zuvor ordentlich Kokain reingezogen. Diesmal noch mehr als beim ersten Raub erinnert sich der Angeklagte. Als die Bewohnerin vor ihnen steht, habe der zweite Täter gefordert: „Überfall! Wir wollen alles, was wertvoll ist.“

Auf Geld und Gold gehofft

Wiederum soll es sein Mittäter gewesen sei, der die Frau gewürgt und mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben, um zu erfahren, wo sie Geld und Gold aufbewahre. Und wieder ist es Felix R., der derweil in der Wohnung nach Wertgegenständen Ausschau hält. Neben 150 Euro findet er Designer-Handtaschen, Silberbesteck, barocke Kerzenleuchter und Porzellan. Insgesamt soll die Beute einen Wert von 2500 Euro gehabt haben.

Bevor die Täter ihre Einbrüche verübten, zogen sie zuvor eine Line Kokain (Symbolbild). Der jetzt vor dem Landgericht Berlin angeklagte Spandauer räumt ein, über Jahre von Rauschgift abhängig gewesen zu sein.

Patrick Pleul/dpa

Felix R. macht keinen Versuch, seinen brutal vorgehenden Kompagnon davon abzuhalten, die Frau zu malträtieren. Im Rückblick sagt er: „Ich dachte, er will sie umbringen.“ Allerdings geht auch diesmal etwas schief. Nachdem die Frau ein etwa 15-minütiges Martyrium überstanden hat, fliehen die Räuber mit der in zwei Kisten verpackten Beute. Beim Verlassen des Hauses treffen sie allerdings auf den Hausmeister. Dessen Versuch, Felix R. festzuhalten, hat für den Mann fatale Folgen: „Ich habe ihm einen Faustschlag ins Gesicht verpasst.“ Dabei lässt der Täter allerdings eine der beiden Kisten fallen, die am Tatort zurückbleibt.

Wie dilettantisch das Räuber-Duo in beiden Fällen vorgegangen ist, zeigt sich auch daran, dass sie beim Raub in Kladow gar nicht maskiert sind und sich bei dem am Kurfürstendamm lediglich mit einer Corona-Maske ausgestattet haben.

Kompliziert wird es für Richter Jochen Käwisch, als er Licht ins Dunkel der acht Einbrüche bringen will, die der Angeklagte zwischen Oktober 2020 und November 2021 verübt haben soll. Zu den Geschädigten zählen neben diversen Firmen auch ein Polizeisportverein in Spandau. Außerdem sollen mehrere Autos aufgebrochen worden sein. Vier der acht Einbrüche gibt der 28-Jährige zu. In mehreren anderen Fällen sollen andere eingebrochen sein, um dann das Diebesgut bei ihm zu lagern, beziehungsweise von ihm verkaufen zu lassen. Kurios klingt seine Erklärung, weshalb bei ihm eine Dienstjacke der Feuerwehr gefunden wurde. Die habe er nicht aus einem Auto gestohlen, sondern auf einem Flohmarkt gekauft.

Angeklagter: „An einen Kasten Bier würde ich mich erinnern.“

Vehement streitet er auch ab, für einen weiteren Einbruch vom 22. Juli 2022 in einen Pkw in der Waldsiedlung Hakenfelde verantwortlich zu sein. Dabei soll er unter anderem einen Kasten Bier gestohlen haben. „Daran würde ich mich erinnern“, meint Felix R., der einräumt, dass er in der Zeit der von ihm verübten Straftaten durchaus dem Alkohol zugeneigt gewesen ist.

Nach dem Prozessauftakt wird es nun zu zahlreichen Zeugenvernehmungen kommen, die viel Zeit fressen dürften. Schon jetzt sind für diesen Prozess sieben weitere Verhandlungstage geplant, die bis Mitte Mai reichen.

Namen des bislang unbekannten Mittäters genannt

Für die Staatsanwaltschaft ergeben sich nach dem ersten Prozesstag neue Ansätze, die ihr bislang unbekannten Mittäter aufzuspüren. Felix R. nennt an diesem Prozesstag die Namen des anderen Räubers und des Mannes, der ihn zu den beiden Raubstraftaten angestiftet hat.

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