Silvester in Königs Wusterhausen: Notaufnahme - „Glatteis, Sprengstoff, Alkohol“

Frederik März und Josephine Pahl versorgen in der Silvesternacht einen gebrochenen Fuß in der Notaufnahme in Königs Wusterhausen. Viele Patienten brachte das Glatteis im neuen Jahr ins Krankenhaus.
Till Eichenauer- Silvesternacht in Königs Wusterhausen: Glatteis, Alkohol und Feuerwerk führten zu zahlreichen Verletzungen.
- Pflegekräfte Frederik März und Josephine Pahl arbeiteten unter Hochdruck in der Notaufnahme.
- Zwischen Unfällen und Schlägereien: Viele Patienten kamen mit Brüchen, Platzwunden und Atemproblemen.
- Im Team wurde um Mitternacht kurz mit alkoholfreiem Sekt und Snacks gefeiert.
- Enge Räume erschwerten die Arbeit, doch ein Neubau der Notaufnahme ist für dieses Jahr geplant.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Vor der Notaufnahme in Königs Wusterhausen, sitzt ein Mann mit aufgeschnittener Hand – die Folge einer Schlägerei auf einer Gartenparty. Die Sanitäter schieben eine ältere Dame mit gebrochenem Bein durch den engen Flur, sie stöhnt vor Schmerzen. Eine aufgelöste Ehefrau führt ihren Mann ins Behandlungszimmer, sein Auge bedeckt ein blutbefleckter Stofflappen. Drei Unfälle in 20 Minuten. Um kurz nach ein Uhr nachts wird es am Silvesterabend doch noch ein bisschen hektisch im Achenbach-Krankenhaus.
Drei Stunden vorher merkt man in der kleinen Kaffeeküche der Notaufnahme aber noch nichts davon. Die zwei Pflegekräfte Frederik März und Josephine Pahl stärken sich zu Schichtbeginn um 22 Uhr mit einem kräftigen Kaffee. „Das ist jedes Jahr so, am Abend ist es ruhig und kurz nach Mitternacht geht's richtig los“, sagt Josephine.
Und tatsächlich ist gegen 23 Uhr etwas Bewegung an der Rezeption. Die ersten Hilfesuchenden kommen an. Ein Mann mit starken Halsschmerzen, eine Frau bekommt keine Luft. Irgendwann kommt ein Anruf rein: Das Baby ist vom Wickeltisch gefallen und hat Nasenbluten.
Den Pflegeberuf erst in Königs Wusterhausen lieben gelernt
Die beiden Pfleger, zwei Ärzte und ein junger Mann, der mit den Krankentransporten hilft, sind konstant in Bewegung: Sie nehmen Blut ab, fragen, wo es weh tut, füllen Material nach. Solange die Patienten ansprechbar sind, macht Josephine Pahl kleine Späßchen mit ihnen – ein bisschen gute Laune muss trotz Platzwunden sein am Silvesterabend. Ein Mann hat ein großes Pflaster am Kopf – im Team trägt heute ausnahmslos jeder ein lustiges Partyhütchen für die Stimmung.
Mit ihrem Team in Königs Wusterhausen hat Josephine Pahl „ihren Beruf erst wieder lieben gelernt“, wie sie sagt. Elf Jahre war die 37-Jährige in Berlin Krankenschwester, seit vier Jahren in Königs Wusterhausen. Jedes zweite Jahr macht sie die Silvesterschicht. Über ihre Zeit in einer Berliner Klinik könne sie zwar Bücher schreiben, ist aber froh, dort weg zu sein.

Frederik März und Josephine Pahl versorgen ihre Patienten auch im Flur der Notaufnahme. Die alten Gebäude sind nach modernen Standards viel zu eng geschnitten, um gut mit den Betten durchzukommen.
Till EichenauerIhr Kollege Frederik März, nur „Freddy“ genannt, feiert bald bereits sein 20-jähriges Jubiläum im Krankenhaus Königs Wusterhausen. Der Wildauer hat sein Freiwilliges Soziales Jahr dort gemacht und ist danach einfach geblieben. Auch er hat sichtlich Spaß an seinem Beruf, wenn auch mit Einschränkungen: „Ich habe drei kleine Kinder zu Hause, da überlegt man sich schon, ob man an vier Wochenenden im Monat arbeiten will.“ Der Job sei hart, sagt der 36-Jährige. Vor allem, weil es trotz gestiegener Löhne immer noch schwierig sei, Leute zu finden, die ihn machen wollen. „Den Mangel an Fachkräften gibt es auch bei uns.“ Er wünscht sich mehr helfende Hände in der Pflege.
Buletten, Nudelsalat und Schnittwunden in der Notaufnahme
Kurz vor Mitternacht sind dennoch für einen Moment alle Wunden versorgt, es gibt einen flüchtigen Moment der Ruhe. Dann trommelt Josephine Pahl alle zusammen: Das kleine Team trifft sich in der Küche. Es gibt selbstgemachte Buletten, Nudelsalat und Pfannkuchen mit Zuckerguss. Der kleine Fernseher wird angemacht und alle zählen gemeinsam mit der Neujahrsshow den Countdown auf dem Bildschirm herunter. Angestoßen wird um Mitternacht mit Kaffee und alkoholfreiem Sekt.
Dann kurz raus: Aber vom Feuerwerk sieht man nichts, man hört nur das Krachen in der Ferne. Eine schnelle Wunderkerze wird angezündet. Als die um 3 Minuten nach Mitternacht abgebrannt ist, kommt der nächste Rettungswagen um die Ecke. Gegen Mitternacht ist die Temperatur unter null Grad gefallen, die nassen Straßen sind plötzlich wieder vereist. Die Sanitäter holen eine Frau aus dem Wagen. Sie ist vor dem Haus auf der glatten Straße ausgerutscht. Der Unterschenkel ist angeschwollen. Schnell stellt sich heraus: Der Knöchel ist gebrochen.

Pfleger Josephine Pahl und Frederik März mit dem diensthabenden Kardiologen Stepan Ruzicka um Mitternacht. Ärzte und Pfleger begegnen sich in Königs Wusterhausen auf Augenhöhe.
Till EichenauerWährend draußen die Knallerei ihren Höhepunkt erreicht, geht in der Notaufnahme auch langsam die heiße Phase los: „Wenn die Party vorbei ist, rennen alle raus auf die glatte Straße oder fahren mit dem Auto nach Hause. Das weiß man vorher schon, was kommen wird“, sagt Pfleger Frederik März mit 20 Jahren Berufserfahrung. Ein abgeklärter Rettungssanitäter fügt hinzu: „Glatteis, Alkohol und Sprengstoff – das ist einfach keine gute Kombination.“
Und dann geht es tatsächlich los. Der Rettungswagen meldet schon während der Anfahrt: offene Schnittwunde nach Körperverletzung. Ein kurzer Moment der Sorge – könnte es in der Notaufnahme zu Handgreiflichkeiten komme? Der Mann, der dann ankommt, ist aber ganz entspannt. Offensichtlich beschwipst erzählt er freimütig die Geschichte seines Abends.
Garten-Party wird zur Schlägerei
Er war auf einer Gartenparty. Alles sei wunderbar hergerichtet gewesen, die Gastgeber hätten sich so viel Mühe gegeben und den Gartenpavillon festlich geschmückt. Aber dann sei ein Typ gekommen – den habe er schon vorher im Auge gehabt. Der sei seiner Frau unangenehm nahegekommen. Da wollte er mal dazwischen gehen und dann kam es zur Schlägerei. Am Ende lag er am Boden, mit einer blutigen, aufgeschnittenen Hand. Die Freunde haben dann den Krankenwagen gerufen. „Es sollte eigentlich eine nette Fete werden. Es ist schon traurig“, sagt er.
Von den Pflegern hat aber keiner Zeit, sich seine Geschichte anzuhören. Immer wieder kommen jetzt die Rettungswagen und bringen neue Patienten. Aber nicht alle Fälle in dieser Nacht haben mit Silvester zu tun. Gegen 1.30 Uhr wird ein 69-Jähriger eingeliefert. Er trägt einen Blasenkatheter. Konnte seit Mittag nicht Wasser lassen, sagt er. Der Unterbauch ist prall, er hat Angst, dass seine Blase platzt und klagt über starke Schmerzen. „Gleich in den Schockraum. Da müssen wir erstmal Druck ablassen“, sagt Josephine Pahl.
Feuerwerk geht ins Auge: Patient muss nach Berlin
Parallel wird ein anderer Mann hereingefahren. Der Rettungswagen hat den 53-Jährigen auf einer Privatparty aufgelesen. Er hat erbrochen und hyperventiliert. Er erzählt, er sei „extrem besoffen“. Die Aussage bestätigt nur, was man ohnehin schon riecht. Es braucht zwei Sanitäter, um ihn auf ein Bett im Flur zu heben. Es tue ihm leid, dass er Umstände macht. Er bekommt Flüssigkeit über einen Tropf, dann schläft er friedlich ein. Auch beim Blutdruckmessen wacht er nicht mehr auf, ist aber an eine Kreislaufüberwachung angeschlossen. Um ihn herum geht es munter weiter.
An der Rezeption steh plötzlich ein Paar mittleren Alters. Die Ehefrau hat ihren Mann selbst hergefahren. Eine Feuerwerksbatterie hatte eine „Fehlzündung“. Es ging direkt ins Auge. Der Chirurg sieht sich die blutige Wunde an, die Gattin läuft aufgelöst im Warteraum auf und ab. Die Reise ist für die beiden hier nicht zu Ende. Sie müssen mit den Rettungswagen weiter nach Neukölln. Dort gibt es Augenärzte.
„Der Rettungswagen hätte sie wahrscheinlich direkt dorthin gebracht. Der weiß das. Aber die Leute hier in Brandenburg fahren mit den schlimmsten Sachen immer noch selbst ins Krankenhaus“, sagt Josephine Pahl. Dann geht sie zur Frau des Verletzten. Sie will dem Rettungswagen hinterherfahren. „Können Sie fahren?“, fragt die Pflegerin. Ja, sagt die Dame. „Aber erst setzen sie sich mal kurz hin und trinken einen Schluck Wasser.“
Immer wieder geht jetzt auch die Klingel an der Anmeldung. Oft sind aber alle beschäftigt. Die Verletzten und besorgten Angehörigen sind ungeduldig, laufen nach hinten durch den engen Gang der Notaufnahme, wollen wissen, was los ist – und stehen im Weg herum. Josephine Pahl freut sich, dass die Enge bald vorbei ist: „Dieses Jahr wird hier alles neu gebaut und unsere Wünsche wurden berücksichtigt.“ Was sie bräuchten, sei mehr Platz und eine klare Trennung von Warteraum und medizinischem Bereich. „Aktuell können die Leute hier von drei Seiten einfach hereinkommen. Das geht einfach nicht.“

Das Team im Schockraum. Von links: Stepan Ruzicka, Frederik März und Josephine Pahl. Abo Naderi hilft bei den Krankentransporten. Nora Malin ist die Radiologieassistentin. Die Uhr im Hintergrund zeigt kurz vor zwölf.
Till EichenauerUnd nicht immer müssen nur Wunden in dieser Nacht versorgt werden. Die Frau mit dem gebrochenen Fuß bekommt einen stützenden Verband und soll eigentlich wieder nach Hause. „Ich habe niemanden, der mich abholt. Mein Mann ist auf einer Silvesterparty in Halbe“, sagt die 59-Jährige und wirkt verloren. Es ist nichts zu machen: Sie soll also die Nacht im Ruheraum auf ihrer Trage verbringen. Dann ist die Verzweiflung auch schnell wieder verflogen: „Auf dem Weg hierher hatte ich gehofft, ich bin die erste Patientin im neuen Jahr und werde mit einem Sekt empfangen.“
Pfleger Freddy wird dann aber doch noch einmal kurz ernst. Besorgt schaut er aufs Handy. In seinem Heimatort Wildau steht ein Wohnhaus in Vollbrand. „Hätte ich frei, müsste ich jetzt los“, sagt er. Er ist in der Freiwilligen Feuerwehr und weiß, dass die Kameraden heute nicht stark besetzt sind. Aber dann kommt die Meldung, die Feuerwehr aus Miersdorf ist auch unterwegs. Er hofft, dass es reicht.
Pfleger-Team aus Königs Wusterhausen fährt gemeinsam nach Mallorca
Gegen 2.30 Uhr ist nochmal kurz Luft zum Durchatmen. In der leeren Kaffeeküche singt Mickie Krause im Fernsehen leise seine Hits in der Schlager-Silvester-Show. In einer kleinen Ruhepause eilen Josephine und Freddy kurz dorthin. Eine schnelle Bulette und ein Kaffee. Der nächste Rettungswagen hat sich schon angekündigt. Das Team bleibt aber entspannt. Man kann sich aufeinander verlassen und hält auch privat zusammen. Die beiden fahren mit einer Gruppe von Pflegern einmal im Jahr gemeinsam „nach Malle“, erzählt Josephine Pahl. Um auszuspannen und zusammen zu feiern – und dann werde auch nicht nur mit alkoholfreiem Sekt angestoßen, so wie heute.
Um 3 Uhr morgens endet zumindest die für den Reporter die Nachtschicht in der Notaufnahme. Für die Pfleger und Ärzte geht sie aber weiter. Erst um 6 Uhr früh dürfen Frederik März und Josephine Pahl nach Hause. Aber die Kollegen morgen hätten auch noch gut zu tun, ahnen sie aus jahrelanger Erfahrung. Dann kämen erst die Leute, die in der Nacht noch zu betrunken waren, um es ins Krankenhaus zu schaffen.


