Stromausfall in Berlin
: Ohne Licht und Heizung - Betroffene erzählen, was sie wärmt

Nach dem Brandanschlag in Berlin-Lichterfelde steht Zehlendorf im Ausnahmezustand: Stromausfall, eisige Temperaturen und geschlossene Schulen zwingen Familien ins Rathaus zur Notversorgung.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Yasemin und Engelbert Biskuber aus Wannsee wärmen sich gemeinsam mit Hund Gino im Rathaus Berlin-Zehlendorf auf. Der Stromausfall könnte noch bis Donnerstag anhalten.

Yasemin und Engelbert Biskuber aus Wannsee wärmen sich gemeinsam mit Hund Gino im Rathaus Berlin-Zehlendorf auf. Der Stromausfall könnte noch anhalten.

Maria Neuendorff
  • Nach einem Brandanschlag in Berlin-Lichterfelde kam es zu einem großflächigen Stromausfall.
  • Über 50.000 Haushalte und 2.000 Gewerbeeinheiten sind betroffen, Temperaturen sinken auf bis zu -5 Grad.
  • Im Rathaus Berlin-Zehlendorf wurde eine Notunterkunft mit Strom, Tee und Essen eingerichtet.
  • Betroffene schildern Herausforderungen wie Kälte, Dunkelheit und fehlenden Handyempfang.
  • Große Solidarität: Bewohner bieten Schlafplätze und Hilfe an, Restaurants verteilen warme Speisen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Eric Schomburg (51) aus Berlin-Zehlendorf wusste gar nichts vom großflächigen Stromausfall in Berlin, als er am Samstagmorgen (3.1.) wach wurde. „Ich bin aufgestanden, hab den Kühlschrank aufgemacht, und der war plötzlich dunkel“, sagt der Familienvater.

Nun gehört er zu den Berlinern, die im Rathaus Berlin-Zehlendorf sitzen, weil sie sich aufwärmen müssen und die Handys laden wollen. Bei Temperaturen von bis zu minus 5 Grad in den Nächten kühlen die Wohnungen, die seit dem Brandanschlag in Berlin-Lichterfelde teilweise auch ohne Heizung sind, in betroffenen Gebieten mit mehr als 50.000 Haushalten und rund 2000 Gewerbeeinheiten von Tag zu Tag immer mehr aus.

Das Rathaus wurde kurzerhand in eine Notunterkunft umgewandelt. Gleich im Foyer finden sich Verlängerungskabel zum Stromzapfen. An einem mobilen Aushang bieten Berliner kostenlos Hilfe an. „Wir haben vier warme Schlafplätze nahe Ullsteinstraße in Tempelhof“, steht da zum Beispiel geschrieben.

Berlin: Nach Stromausfall zehn Grad in der Wohnung

In einem Konferenzraum im ersten Stock reichen Ratshausmitarbeiter den Betroffenen Kekse, Kaffee, Tee und mit Käse belegte Schrippen. Im großen Saal wurden Feldbetten aufgestellt, doch die meisten blieben am Sonntagabend (4.1.) noch unbelegt.

„Wir werden die Nacht zu Hause verbringen, zum Schlafen geht es mit der Kälte“, sagt Schomburg, der sich seit vier Stunden mit seiner Frau im Bürgeramt aufwärmt. Zehn bis zwölf Grad herrschten derzeit in seiner Wohnung. „Wenn man sich viel anzieht, geht das zum Schlafen noch.“

Die Dunkelheit der Winterabende setze ihm dagegen fast mehr zu. „Wir sind ja gewohnt, ab 16 Uhr das Licht anzumachen“, sagt Schomburg. Laut Stromnetz Berlin könnten die schwierigen Reparaturarbeiten bis zum Donnerstag andauern. Die Helfer am Rathaus-Eingang informieren auch darüber, welche Gebiete nach und nach wieder an das Stom- und Fernwärmenetz angeschlossen werden konnten.

Manche haben Glück, bei anderen dauert es länger. Den Tag über kann Schomburg nach dem Wochenende zwar im Büro verbringen. Doch die Schule seines 12-jährigen Sohnes bleibt geschlossen. „Er ist gerade bei einem Freund hinter dem Bahndamm, wo der Strom funktioniert.“

Im Rathaus Berlin-Zehlendorf wird für die Betroffenen des großflächigen Stromausfalls im Südwesten der Stadt unter anderem heißer Tee ausgeschenkt.

Im Rathaus Berlin-Zehlendorf wird für die Betroffenen des großflächigen Stromausfalls im Südwesten der Stadt unter anderem heißer Tee ausgeschenkt.

Maria Neuendorff

Die Grenze liegt direkt hinter der Unterführung am Bahnhof Zehlendorf. Während die Restaurants und Geschäfte in Zehlendorf- Mitte noch mit leuchtenden Lichterketten angestrahlt werden, wirkt die Wohngegend am Teltower Damm hinter dem Bahndamm gespenstisch. Ampeln, Laternen und Busanzeigen sind ausgefallen. Etwas Licht bringt nur ein Einsatzwagen des Technischen Hilfswerkes, aus dem ebenfalls Tee und Wasser ausgeschenkt werden.

Auch im Rathaus bitten die Leute die Helfer, ihre Thermoskannen mit heißem Wasser aufzufüllen. „Unser Hund Gino hat nun gelernt, aus der Tasse zu trinken, das konnte er vorher nicht“, sagt Engelbert Biskuber, der mit seiner Frau an einem Tisch im Foyer sitzt und Tee trinkt. Etwas Galgenhumor müsse in so einer Situation schon sein, findet der 72-Jährige, der mit Frau und seinem Golden Retriever aus Wannsee ins Rathaus gekommen ist, um die Akkus wieder aufzuladen.

Alles dunkel: Am Teltower Damm in Berlin-Zehlendorf herrscht seit Samstag Dunkelheit. Licht bringen höchstens Autoscheinwerfer.

Alles dunkel: Am Teltower Damm in Berlin-Zehlendorf herrscht seit Samstag Dunkelheit. Licht bringen höchstens Autoscheinwerfer.

Maria Neuendorff

„Mit ein paar Teelichtern und Körperwärme kommt man schon ein paar Stunden zu Hause klar“, sagt der Mann mit dem halblangen grauen Haar. Noch schlimmer sei es, keinen Handyempfang mehr zu haben. Die Feuerwehr hat deshalb sogenannte Notrufannahmepunkte vom Wannsee bis Lichterfelde eingerichtet, an denen die Betroffenen, Polizei und Feuerwehr anrufen können.

„Die Täter kannten sich scheinbar gut aus, wenn sie den Anschlag dort verübten, wo alle Leitungen zusammenlaufen“, sagt Biskuber. Für solche Taten, egal aus welchem extremistischen Spektrum, habe er null Verständnis.

Große Solidarität nach Stromausfall

„Ich hoffe, dass der oder die Täter schnell gefasst und bestraft werden.“ Dazu käme auch die Angst vor Einbrüchen. „Wir haben uns in Potsdam mit allerlei batteriebetriebenem Weihnachtsschmuck eingedeckt, um zu zeigen, dass unser Haus noch bewohnt ist“, berichtet der Senior.

Er und seine Frau haben ein Auto und seien auch so noch mobil. „Aber was ist mit den anderen Menschen, die das nicht sind?“, fragt er sich.

Das Rathaus in Berlin-Zehlendorf wurde kurzzeitig am Wochenende nach dem Stromausfall zum Notquartier umfunktioniert.

Das Rathaus in Berlin-Zehlendorf wurde kurzzeitig am Wochenende nach dem Stromausfall zum Notquartier umfunktioniert.

Maria Neuendorff

„Ich kann helfen, wenn es darum geht, Medikamente aus der Apotheke zu besorgen“, hat jemand auf einen Zettel geschrieben und seine Nummer am schwarzen Brett hinterlassen.

Ein Besitzer von drei Restaurants, von denen zwei ebenfalls betroffen sind, hat mit seinem Team Linsen- und Tomatensuppe gekocht und verteilt sie nun im Rathaussaal. „Die Hilfsbereitschaft ist schon toll. Das nimmt man dankend an“, sagt Eric Schomburg. Inzwischen hat er sich zwischen den Feldbetten auch mit Nachbarn unterhalten, die er vorher kaum kannte. „Die Not schweißt vielleicht ein bisschen zusammen“, hofft der Zehlendorfer. „Wir sind ja alle aus dem gleichen Grunde hier.“