Eine Anzeige beim Brandenburgischen Chorverband hatte ihn auf das Ensemble gestoßen, dessen Gründer und Leiter Hans-Peter Schurz einen Nachfolger suchte. Nils Jensen tritt also in große Fußstapfen. Doch Angst verspürt der 35-Jährige ob der Aufgabe nicht. Großen Respekt hingegen schon. "Es ist ein Chor mit einer langen Tradition. Schurz hat in den 48 Jahren viel aufgebaut und die Chorarbeit in Neuruppin geprägt." Im März soll es ein Treffen geben, bei dem Schurz Jensen sein Repertoire weitergeben wird. "Besonders die Stücke von Gunther Erdmann liegen ihm am Herzen", weiß der Berliner, der auch privat bevorzugt Klassik und Chormusik hört.
Zusammenarbeit intensivieren
Doch Jensen gibt zu, dass er ausreichend Selbstbewusstsein besitzt, selbst etwas in der Fontanestadt anzuschubsen. So möchte er vor allem die Zusammenarbeit mit den Jugendensembles wieder intensivieren. Früher habe der Weg vom Schulchor über den Märkischen Jugendchor in den A-cappella-Chor geführt, berichtet er. Zwar gibt es die gemeinsame Aufführung des Bachschen Weihnachtsoratoriums, doch das reiche anscheinend nicht mehr aus, um die jungen Sänger für den Erwachsenenchor zu motivieren, vermutet der Profi. Mit dem für ihn typisch verschmitzten Lächeln deutet Jensen an, dass er dahingehend schon ein paar Ideen hätte. "Aber die stecken noch in den Kinderschuhen."
Auch er selbst hat als Kind mit dem Singen begonnen. Talentsucher des Staats- und Domchores Berlin entdeckten den damals Siebenjährigen für den bekannten Berliner Knabenchor in der Schule. Es sollte eine prägende Zeit werden. Konzerte in großen Sälen wie der Berliner Philharmonie, Auslandsreisen, unter anderem nach Israel und Südkorea, aber vor allem der Zusammenhalt der Knaben prägten den heute 35-Jährigen. Und der damalige Dirigent hinterließ Eindruck. "Christian Grube war mein Vorbild." Mit dem Stimmbruch entwickelte sich der Berufswunsch von Nils Jensen. "Ich selbst konnte zu der Zeit nicht mehr singen, aber vielleicht kann ich andere singen lassen?", dachte er sich als Teenager. Zusätzlich zu seinem Klavierunterricht bekam er an der Musikschule ein Stipendium für die Musiktheorie als Studienvorbereitung.
Zum Studium, er ließ sich zum Chor- und Orchesterleiter ausbilden, ging er an die Universität in Wien. "Ich wollte raus aus Berlin und Wien ist für klassische Musik eine tolle Stadt. Dort passte alles." Heute ist er als Chorleiter sowie Korrepetitor tätig und belegte Meisterkurse bei namhaften Dirigenten. Zusätzlich studiert der Vater einer acht Monate alten Tochter Musik und Philosophie auf Lehramt in Potsdam. Eine Ausbildung mit positivem Nebeneffekt. "In den Psychologie- und erziehungswissenschaftlichen Kursen bekomme ich die Dinge, die ich in meiner Arbeit bereits umsetze, bestätigt. Sie bekommen so eine wissenschaftliche Grundlage", freut sich Jensen. So ist eines seiner Grundprinzipien, seine Sänger stets zu motivieren. "Ich habe gelernt, dass eine positive Verstärkung besser wirkt als eine negative. Denn wenn Sänger aus eigenem Antrieb etwas wollen, machen sie mehr dafür, als wenn nur der Druck von außen kommt." Eine wichtige Eigenschaft von ihm sei seine gutmütige Hartnäckigkeit, verrät er schmunzelnd. Mit der verschiebe er musikalische Grenzen stetig nach oben.
Das haben die Sänger des A-cappella-Chores beim Probenwochenende in Rheinsberg Ende Januar kennen und schätzen gelernt. Jensen: "Ich bin ein Stück weit in Neuruppin angekommen." Auch für die Sänger war es eine neue Situation, einen anderen Dirigenten als Schurz vor sich zu haben. Doch sie kannten Jensen bereits von dem Probedirigat im vergangenen Jahr, zu dem drei der zehn potenziellen Nachfolger von Schurz eingeladen worden waren.
"Die Probe war ein spannender Moment", so der Berliner. Er musste bekannte Lieder aus dem Chorrepertoire ebenso dirigieren, wie mit den Sängern ein neues Stück  einstudieren. Er wählte ein modernes Werk: "Libera me" des ungarischen Komponisten Lajos Bárdos. "Ich war gespannt, wie sie reagieren und wie schnell sie lernen." Die Reaktion der Sänger war positiv. "Viele haben mir hinterher gesagt, dass ich sie mit diesem Stück überzeugt habe." Ein wichtiger Aspekt, da die Sänger ihren neuen künstlerischen Leiter in demokratischer Wahl selbstbestimmen. Mit großer Mehrheit gewann Nils Jensen.
Großes Jubiläum 2021
Der freut sich auf die neue Aufgabe. Denn 2021 steht mit dem 50-jährigen Bestehen des A-cappella-Chores ein großes Jubiläum an. Zumindest optisch strebt Nils Jensen bis dahin einen totalen Erneuerungsprozess an – angefangen bei der Homepage, über die Plakate bis hin zur Chorkleidung. Schließlich sei auch der Chorleiter jung und dynamisch, scherzt Jensen. "Aber erst einmal bin ich in die normale Arbeit eingestiegen." Musikalisch soll es hingegen klassisch-romantisch sowie gemäßigt modern bleiben, so Jensen, der mit "Do not be afraid" von Philip Stopford dem Chor einen echten Ohrwurm mitgebracht hat.
Im Sommer sollen die perspektivischen Ideen besprochen werden. Reisen zum Zusammenwachsen des Chores und Themenkonzerte mit einem roten Faden sind sein Ziel.  "Ich will nicht einfach nur schöne Lieder singen, sondern einen Inhalt transportieren, damit sich Chor und Publikum besser mit den Stücken identifizieren können." Er plant zudem eine offene Probe, um neue Sänger anzulocken. "Besonders die Männer brauchen Verstärkung." Mehr als 60 Mitglieder sollen es aber nicht werden. Das werde für einen  A cappella, das heißt einen ohne Instrumente  singenden Chor zu groß, so Jensen.
Nur selber zu singen, vermisse er manchmal, gibt der 35-Jährige ehrlich zu. "Dafür habe ich zu wenig Zeit." Doch ihm ist der Perspektivwechsel, die Wahrnehmung aus der Sicht des Sängers, wichtig.
Einen musikalischen Traum hat der Musiker. "Ich hätte gerne mal eine Stunde Zeit im Pierre-Boulez-Saal in der Barenboim-Said Akademie in Berlin. Er wurde von meinem Lieblingskomponisten gebaut und hat für Chormusik genau die richtige Größe." Vielleicht klappt es ja mit dem neuen Chor aus Neuruppin.

Der A-cappella-Chor Neuruppin

Hans-Peter Schurz gründete 1971 den Chor und war bis 2019 künstlerischer Leiter.

2016 erhielt der Chor den Fontane-Kulturpreis der Stadt. Dreimal nahmen die Sänger am Deutschen Chorwettbewerb teil, zuletzt 2018.

Reisen führten die Gruppe von Ägypten bis nach Litauen. Die nächste Tour ist vom 30. April bis 3. Mai zum Deutschen Chorfest in Leipzig geplant.

Proben sind dienstags ab 19.15 Uhr in der Aula des Schinkelgymnasiums. An diesem Sonnabend um 15 Uhr umrahmt der Chor die Strittmatter-Ehrung. ug