Corona-Krise
: An der Kreismusikschule gibt es Trompete zum Frühstück

Die rund 900 Schüler der Kreismusikschule Ostprignitz-Ruppin müssen auch in der Corona-Krise nicht auf ihren Unterricht verzichten.
Von
Ulrike Gawande
Ostprignitz-Ruppin
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Kreativität ist gefragt: Harald Bölk, Leiter der Kreismusikschule, unterrichtet auch in der Corona-Krise seine Bläserschüler. Weil die technische Ausstattung in der Schule fehlt, müssen Bölk und seine Kollegen viel Eigeninitiative einbringen.

privat

Virtuelles Musizieren

Musikschulleiter Harald Bölk und die 32 Lehrkräfte wurden wie viele andere auch von den Einschränkungen während der Pandemie kalt erwischt. Denn es fehlen an der Schule, die ihren Hauptsitz in Neuruppin hat, die technischen Voraussetzungen, um den Schülern einen digitalen Ersatzunterricht anbieten zu können. Außerdem war die Vorbereitungszeit, als Mitte März die Schulen geschlossen wurden, denkbar knapp. Ein wenig Panik habe sich breit gemacht, so Bölk. Doch deswegen wurde noch lange nicht der Kopf in den Sand gesteckt. Harald Bölk, der an der Kreismusikschule selbst verschiedene Blasinstrumente unterrichtet, und seine Kollegen nahmen kurzerhand zu den Kindern Kontakt auf. „Es gab die verschiedensten Modelle“, so Bölk. Der eine Lehrer unterrichtet nun online per Skype, der andere hat Whatsapp-Gruppen eingerichtet und Bölk selbst trifft seine Schüler in sogenannten Zoom-Videokonferenzen.

Da es ja keinen regulären Unterricht mehr nach Stundenplan in der Schule gibt, muss die Probe nicht mehr nach einem anstrengenden Schultag stattfinden, sondern kann auch einmal direkt nach dem Frühstück starten. „Die Eltern sind uns bei allem wohlwollend entgegen gekommen“, ist Bölk dankbar. Probleme habe es nur bei einigen Schülern gegeben, deren Internetverbindungen nicht für die Alternativangebote ausreichen. „Manchmal ist die Verbindung so schlecht, dann rauscht, zischt, pufft es und dann ist das Bild weg.“ Bölk lacht. Außerdem sei oft die Klangqualität der Übertragung schlecht oder bei Zoom die Seiten überlastet, da auch Firmen die App für ihre Konferenzen nutzen. Trotzdem lässt sich Bölk nicht von der ungewöhnlichen Situation aus der Fassung bringen.

Für die Kinder sei zu Anfang das neue Angebot noch spannend gewesen. „Die Erfahrungen sind positiv, auch wenn die Lernmotivation nicht leichter wird. Einige Eltern waren sehr aktiv und haben ihre Kinder mit Kameras und Kopfhörern ausgestattet.“ Selbst beim Online-Musikunterricht kehre schnell der Alltag ein. „Viele Schüler arbeiten ihre Aufgaben ab.“ Möglichkeiten bieten auch CDs der Musikbücher oder manche Lehrer nehmen für ihre Schüler kleine Videos mit Begleitmusik auf. So kann dann wenigstens virtuell gemeinsam gespielt oder im Jazzbereich das Improvisieren geübt werden.

Am schwierigsten sei der Online-Unterricht für die Schlagzeuger, so Bölk. Ein gemeinsames Musizieren über das Internet sei wegen der schlechten Übertragung kaum möglich. Auch die tiefen Töne des Cellos werden per Mobiltelefon nicht übertragen. „Andere Wege zu finden, ist eine Herausforderung. Wir waren auf diesen Fall nicht eingestellt.“

Stattdessen sei die Eigeninitiative der Dozenten gefragt. Viele Wege, wie ein eigener Youtube-Kanal der Musikschule, seien zudem aus rechtlichen Gründen verschlossen, erklärt der Musikpädagoge. Keinen Unterricht gibt es derzeit nur nicht für sämtliche Ensembles der Schule und die musikalische Früherziehung an den Kitas fällt aus. Besonders bedauert Bölk, dass am 13. März das große Benefizkonzert mit Blasorchester und dem Stabsmusikkorps der Bundeswehr abgesagt werden musste. „Wir haben direkt davor noch ein Probenwochenende gemacht“, sagt der Musiker, der auf die Rückkehr zum Normalbetrieb der Musikschule hofft.

Keine Kündigungen

Auch wenn dieser ihm gleichzeitig Sorgen bereitet. „Ich gehöre selbst zur Risikogruppe. Da macht man sich Gedanken. Die Pandemie ist nicht von Pappe.“ Aber er merke täglich, dass die Kinder wieder in die Musikschule und gemeinsam in den Ensembles spielen wollen. Bisher habe es bei den rund 900 Schülern keine Abmeldungen gegeben und kein Lehrer musste in Kurzarbeit geschickt werden. Derzeit werde bei der Kreisverwaltung intensiv daran gearbeitet, dass die hygienischen Voraussetzungen für eine mögliche Wiederaufnahme des Unterrichts getroffen werden. „Ich hoffe auf den 4. Mai“, so Harald Bölk.

So könnten die Streicher oder Klavierschüler beim Üben einen Mundschutz tragen. Bei den Bläsern wird das schon schwieriger, da auch die Unterrichtsräume klein sind. Als Alternative gäbe es den Saal. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Bis dahin gibt Bölk seinen Schülern besondere Aufgaben. Denn eine Trompeten-Übe-Einheit im Garten oder am offenen Fenster erfreut möglicherweise auch den einsamen Nachbarn.

Die Kreismusikschule Ostprignitz-Ruppin

Die Kreismusikschule Ostprignitz-Ruppin wurde 1994 gegründet und hat ihren Hauptsitz im Alten Gymnasium in Neuruppin. Zweigstellen sind in Kyritz, Wittstock und Rheinsberg.

Die Wurzeln der Schule liegen im Jahr 1959, als Paul Labinski in Neuruppin eine Volksmusikschule ins Leben rief.

Elf hauptamtliche Lehrer und 22 Honorarkräfte unterrichten heute rund 900 Musikschüler. Leiter ist Harald Bölk.

Das Angebot reicht vom Musikgarten und Instrumentenkarussell, über Blas- und Streichinstrumente sowie Klavier und Gesang bis hin zu verschiedenen Ensembles. Das Musicalprojekt erreicht jährlich bis zu 4 000 Schüler.⇥ug