CSD in Rheinsberg 2024: Ex-Hausbesetzer organisiert ersten Christopher Street Day

Christopher Street Day in Rheinsberg: Freke Over steht am Denkmal von Kronprinz Friedrich, das mit einer Regenbogenfahne geschmückt ist. Er gehört zu den Organisatoren des ersten CSD in Rheinsberg.
Jens Kalaene/dpaAbseits der Großstadt Berlin finden sich in den kleineren Städten Brandenburgs immer mehr Menschen zusammen, die Christopher Street Days (CSD) organisieren. So etwa Freke Over: Der 56-Jährige gehört zu den Organisatoren des ersten CSD in Rheinsberg, einem weltweit bekannten Fest- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen.
Over hat bereits häufiger für Schlagzeilen gesorgt: In den 1980er-Jahren demonstrierte er gegen Atomkraft und NATO-Doppelbeschluss, in den 90er-Jahren gehörte er in Berlin zur Hausbesetzerszene. Mittlerweile lebt er in Luhme bei Rheinsberg (Ostprignitz-Ruppin), wo er ein Ferienland betreibt.
CSD Rheinsberg über WhatsApp organisieren
Dass er sich für die Rechte sexueller Minderheiten engagiert, geht auf einen politischen Hintergrund zurück, wie Over im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erzählt. Der Bürgermeister habe sich mehrere Jahre geweigert, vor dem Rathaus die Regenbogen-Fahne zu hissen. So sei in kleiner Runde die Idee entstanden, einen CSD zu veranstalten. Seit einigen Wochen treffe sich ein Team von rund zehn Menschen aus Rheinsberg, rund 30 Menschen gehörten einer WhatsApp-Gruppe von Interessenten an.

Am Denkmal von Kronprinz Friedrich zeigen Freke Over und Marie von der Vorbereitungsgruppe des ersten CSD in Rheinsberg die Regenbogenfahne.
Jens Kalaene/dpaDass es solche Veranstaltungen nicht nur in Großstädten, sondern auch „im queeren Hinterland“ brauche, erlebe er gerade in einer lokalen Facebook-Gruppe, sagt Over. Dort würden gerade „ganz absurde Debatten“ über den kommenden CSD in Rheinsberg geführt. Der soll am 1. Juni über die Bühne gehen – am Internationalen Kindertag. Einige hätten nicht akzeptieren wollen, dass Kindertag und CSD am selben Tag stattfinden – ihn hätten homophobe Reaktionen erreicht, berichtet der Hotelier.
Doch Over und sein Team lassen sich davon nicht beirren. Geplant sei am Nachmittag ein Umzug vom Bahnhof aus durch die Stadt am Rathaus vorbei bis zum zentralen Triangelplatz. Dort soll es bis 22 Uhr eine Kundgebung und ein Fest geben. Entstanden sei die Initiative durch persönliche Bekanntschaften. „Man kennt sich in Rheinsberg“, sagt Over. Einige Initiativen hätten sich schon angekündigt, auch von Unternehmen vor Ort gebe es Unterstützung. Der Landkreis Ostprignitz-Ruppin und andere Kommunen würden dem Vorbereitungsteam ebenfalls unter die Arme greifen.
Motto: "Hand in Hand für ein queeres Hinterland"
„Ich halte es für sehr wichtig, gerade in diesem Jahr für Vielfalt, Demokratie und das Recht aller auf die Straße zu gehen und ein Zeichen zu setzen“, meint Over im Hinblick auf die anstehenden Wahlen. So werden in Brandenburg die Kommunalparlamente und der Landtag neu gewählt, landesweit liegt die AfD in Umfragen vorn. Dementsprechend hätten sie auch das Motto gewählt: „Aufstehen Hand in Hand für ein queeres Hinterland“.
Jirka Witschak von der Landeskoordinierungsstelle „Queeres Brandenburg“ in Potsdam sagt, CSDs in Brandenburg würden dem Bedürfnis der Menschen entspringen, eine queere Sichtbarkeit zu erzeugen und auf die diversen Probleme in ihrer Region wie eine fehlende adäquate Beratung oder Treffmöglichkeiten aufmerksam zu machen. Zu den Paraden in Brandenburg kämen hauptsächlich Jugendliche unter 25 Jahren, sehr häufig unter 18 Jahren. „Ihnen fehlen die Möglichkeiten, in die großen Metropolen zu fahren und dort queeres Leben zu erleben“, sagt Witschak.
Dritter CSD in der Prignitz, erster in Neuruppin
Ein öffentliches Zeichen zu setzen, haben sich 2024 erneut die CSD-Organisatoren in der Prignitz vorgenommen, wenn am 15. Juni die LGBTIQ-Parade durch Wittenberge ziehen wird. Die 21-jährige Vivian Ohmsen ist erstmals für die Organisation federführend zuständig. „Es gibt hier wenig Anlaufpunkte, wo man Leute kennenlernen kann“, erzählt sie im Gespräch. Oft hätten Betroffene das Gefühl, sich verstecken zu müssen.
Gerade deswegen sei es wichtig, auf dem Land mit einem CSD präsent zu sein. Und das offenbar mit Erfolg: Zwischen 800 und 1000 Teilnehmer seien bei den ersten beiden Veranstaltungen dabei gewesen. In diesem Jahr geht der CSD Prignitz bereits in die dritte Runde. Erstmals soll es am 29. Juni einen CSD in Neuruppin geben.



