Fußball
: Saison-Aus noch bevor sie beginnt

Flügelspieler Tim Michel-Tiedtke vom Langener SV weiß, dass ihm höchstwahrschlich eine Operation am rechten Knie bevor steht. Er will sie.
Von
Matthias Haack
Langen
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  • An Krücken: Tim Michel-Tiedtke kam trotz Verletzung zum Landsportfest.

    An Krücken: Tim Michel-Tiedtke kam trotz Verletzung zum Landsportfest.

    Roland Möller
  • Freiwillige Pause: Im finalen Saisonspiel gegen Wusterhausen nutzten die Freunde Nicklas Hack und Tim Michel-Tiedtke (von links) ein Spielunterbrechung, um den Flüssigkeitshaushalt aufzufrischen. Eine Zwangspause muss in den kommenden Monaten der Mann in den gelben Schuhen hinnehmen. Er zog sich eine der schwersten Verletzungen zu.

    Freiwillige Pause: Im finalen Saisonspiel gegen Wusterhausen nutzten die Freunde Nicklas Hack und Tim Michel-Tiedtke (von links) ein Spielunterbrechung, um den Flüssigkeitshaushalt aufzufrischen. Eine Zwangspause muss in den kommenden Monaten der Mann in den gelben Schuhen hinnehmen. Er zog sich eine der schwersten Verletzungen zu.

    Matthias Haack
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Zweikampf in der Luft. Landung. Knack. Griff ans rechte Knie. Oh je. Schmerzen. „Eben der Klassiker eines Kreuzbandrisses“, fasste Tim Michel-Tiedtke die Szene zusammen, die prägend für sechs oder mehr Monate sein wird. „Aber kein Vorwurf an den Mitspieler.“ Für den Flügelspieler ist dies der erste große Rückschlag, obwohl er ein Leben lang Fußball spielte. Für Blau-Weiß Hohen Neuendorf schnürte er die Töppen in den Juniorenmannschaften. Dann bremste ihn die Ausbildung ein wenig ab, sogar aus. „Eine Weile spielte ich gar nicht“, bis er 2016 den blau-weißen Lockrufen erlag. Es wurde ein Intermezzo fürs zweite Vereinsteam, weil der Aufwand nicht stemmbar war. Wohnung im Berliner Zentrum (Wilmersdorf), Hobby am nördlichen Stadtrand. Weder die Mannschaft noch er wollten sich vor dem Hintergrund der ausgedünnten Trainingsbeteiligung anfreunden. Es ging für Tim Michel-Tiedtke zurück in den Pausenstatus.

Wäre da nicht das permanente Pieken von seinem Kumpel Nicklas Hack gewesen. „Ich haben dennoch ein halbes Jahr gebraucht, bis ich mit ihm mal nach Langen zum Training gefahren bin.“ Sofort war das Feuer für Fußball wieder entfacht. Ein anderes Feuer als früher. „Das ist wie eine große Familie. Ich möchte da gar nicht weg“, beschreibt er die psychische Komponente. Die sportliche so: „In der Stadt ist es eher technischer Fußball, auf dem Land zwar robust, aber es wird auch in OPR guter Sport geboten. Da sind überall starke Kicker am Ball.“

Vor allem die Spitzenteams der Kreisoberliga nahmen sich nicht viel, findet der Offensivspieler des Meisters. Ob „Zernitz, der MSV II, sogar Eiche Weisen und Wusterhausen – wir lagen alle eng beieinander. Es war eine Hammersaison.“ Mit den glücklichen Ende für den LSV. Ein Sieg musste im letzten Spiel her. Das 1:1 nach 48 Minuten hätte nicht gereicht, um den Spitzenreiter Wusterhausen abzufangen. Vier Minuten vorm Abpfiff kam es aber zur Situation, die „ich nie im Leben vergessen werde. Das war Ekstase pur, als Nico Wagner traf. Ich stand direkt hinter ihm und bin nach dem Einnicken des Balles auf ihn draufgesprungen.“ Dass Wagner am langen Pfosten lauernd die Vorarbeit von Paul Albrecht verwertete, war eher wider den Absprachen. So weit vorn sollte er gar nicht sein. Aber Wagners Tor öffnete das Tor zum Aufstieg. Die perfekte Serie 2018/2019 rundete der Pokal ab – 2:1 nach Verlängerung gegen den SV 90 Fehrbellin und zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage eine Traumkulisse für den LSV.

Kein Wunder, dass Tim Michel-Tiedtke sich immens auf die packende Herausforderung freute, die seine Elf ab 16. August erwartet. Der 12-Sekunden-Mann über 100 Meter wird allerdings eine Ewigkeit in die Zuschauerrolle versetzt. Noch steht nicht fest, ob eine Operation nötig wird. Doch er will sie. Er habe mit mehreren Fußballern gesprochen, die trotz schweren Eingriffs ins komplizierte Gelenk wieder ohne Beschwerden kicken können. Und aus einem weiteren Grund steht er einer OP aufgeschlossen gegenüber. „Es soll so wichtig für den Kopf sein, wenn man wieder Vertrauen ins Knie hat.“ Das rechte Knie ist auch nach zwei Wochen angeschwollen, wenn auch nicht mehr so stark. Tim Michel-Tiedtke geht zum Dienst als Vertriebsmitarbeiter in einer Lebensmittelfirma. Sein Credo: „Wenn ich arbeiten kann, dann gehe ich auch hin.“ Von wegen gehbehindert. 40 Stunden im Job, das bleibe so, schüttelte er eine erste mögliche Krankschreibung vom Tisch. Es hätte ja schlimmer kommen können am 21. Juli. „Vom Geräusch her hätte alles im Knie durchsein müssen.“ Ist es laut MRT (Magnet-Resonanz-Tomografie) jedoch nicht. „Nur“ das vordere Kreuzband ist durch und die Knochen sind geprellt.

Noch geht Tim Michel-Tiedtke davon aus, dass er in dieser Landesklasse-Saison auf den Rasen zurückkehrt. Manche sagen fünf Monate, andere ein Jahr Pause. „Ich bin von Hause aus Optimist, wenn es um andere geht. Selbst betroffen schätze ich mich aber als Pessimist ein. Es wird eng mit der Rückrunde.“ Jedenfalls als Aktiver. In die passive Rolle ist er bereits geschlüpft: Zuschauer beim Landsportfest des Langener SV. Mehr noch: Er setzt alles daran, jedes Punkt-und Pokalspiel live zu sehen. „Die Nähe zu meinem Team lasse ich mir nicht nehmen“, lobt er den Mannschaftsgeist. „Das meine ich sportlich und auch menschlich.“

Zahlen und Fakten zur Saison des Kreismeisters

Der Langener SV 02 mischte nicht nur bis zum letzten Spieltag im Titelkampf mit. Er schob sich auch am finalen Spieltag mit einem Treffer vier Minuten vorm Abpfiff mit dem 2:1 gegen den Spitzenreiter am FC Blau-Weiß Wusterhausen vorbei. EinRezept für den Erfolg ist die Defensive. Nur 14 Gegentore in 26 Partien stellen sogar im landesweiten Maßstab aller Kreisoberligisten den absoluten Spitzenplatz dar.Ein zweites Rezept ist das Verteilen der Offensivlast auf viele Schulter. Der beste Langener Schütze landete im Ranking erst auf Platz 24: Daniel Hug erzielte neun Tore. Dann allerdings folgten mehrere Langener: Hendrik Pohl (8) und Marius Bachmann (7). Tim Michel-Tiedtke netzte sechsmal ein. In seiner Debüt-Saison für den LSV hatte er fünf Saisontore markiert.Lediglich 17 Zähler fehlten an der Maximalausbeute. Es gab vier Unentschieden, eine Niederlage gegen Eiche Weisen und zwei gegen den MSV Neuruppin II. Jenes Auftakt-1:2 vom 24. August 2018 ist zugleich die einzige Heimniederlage in der gesamten Saison. Am 10. März unterlag die Elf vom Silvano Fiore das letzte Mal (1:2 beim MSV II) und blieb seitdem in zwölf Partien ungeschlagen.Der LSV krönte seine einmalige Spielserie mit dem Pokalsieg: 2:1 gegen Kreisligist SV 90 Fehrbellin. ⇥maha