Gedenken
: Die ersten vier Stolpersteine in Rheinsberg verlegt

Jeder Stein erinnert an das Leid eines jüdischen Einwohners. Im Oktober werden weitere Stolpersteine ins Pflaster gelassen.
Von
Markus Kluge
Rheinsberg
Jetzt in der App anhören
  • Zwei Steine, ein Paar:  Felix und Ida Weinstock kamen aus Berlin nach Rheinsberg und bauten sich dort ein Leben auf. 1942 wurden sie deportiert. Sie überlebten das KZ Theresienstadt und kehrten zurück.

    Zwei Steine, ein Paar:  Felix und Ida Weinstock kamen aus Berlin nach Rheinsberg und bauten sich dort ein Leben auf. 1942 wurden sie deportiert. Sie überlebten das KZ Theresienstadt und kehrten zurück.

    Markus Kluge
  • Ein Zeichen gesetzt: Rund 50 Rheinsberger kamen zum Verlegen der Steine. An diesen legten sie Blumen nieder.

    Ein Zeichen gesetzt: Rund 50 Rheinsberger kamen zum Verlegen der Steine. An diesen legten sie Blumen nieder.

    Markus Kluge
1 / 2

Laut Böthig, der bereits vor 15 Jahren das Buch „Juden in Rheinsberg – eine Spurensuche“ herausgebracht hat, seien viele Recherchen nötig gewesen, um die Schicksale rekonstruieren zu können.

Rosa Hirschfeld

In der heutigen Schlossstraße 9 lebte Rosa Hirschfeld, an die nun ein Stein erinnert. „Von ihr haben wir lange keine Nachrichten gefunden. Sie hat ein sehr unauffälliges Leben geführt“, so Böthig. Sicher ist aber, dass sie am 4. November 1868 in Altwarp im damaligen Pommern geboren wurde. Wann sie nach Rheinsberg zog, wo ihre Tante Ida und ihr Onkel Julius wohnten, ist nicht bekannt. Wie aus einer Volks-, Berufs- und Betriebszählung aus dem Jahr 1933 hervorgeht, wohnten mit dem Namen Hirschfeld drei Frauen in dem Haus, über die nichts weiter bekannt ist. Seit dem Sommer 1938 war die damals bereits 69-Jährige finanziellen Repressalien ausgesetzt. Das geht aus Unterlagen der einstigen Kreissparkasse hervor. Die Frau war unter anderem aufgefordert worden, ihre ausländischen Wertpapiere abzugeben. Dem kam sie nach und lieferte 1 000 Mark russische Staatsanleihe, 1 020 Mark ungarische Kronenrente sowie 1 000 Reichsmark ab. Über ihr Vermögen durfte sie dann nur noch per Genehmigung der Reichsbank verfügen. Weil sie von den monatlich genehmigten 100 Reichsmark ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte, bat sie darum, künftig 210 Reichsmark abheben zu dürfen. Ende 1939 wollte Rosa Hirschfeld in ein Altenheim ziehen. Deshalb musste sie erneut um 100 Reichsmark bitten. Zu dem Umzug kam es aber nicht. Ihre 15 Jahre jüngere Helferin Erna Perl, die mit ihr spätestens ab 1939 an der Schlossstraße lebte, hatte Rheinsberg offenbar verlassen. Rosa Hirschfeld ist am 3. März 1941 im Alter von 73 Jahren in ihrer Wohnung gestorben, wie Böthig im Sterberegister herausfand.

Felix und Ida Weinstock

Gleich um die Ecke, in der Langen Straße 19, lebte einst das Ehepaar Weinstock, das aus Berlin stammte. Felix Weinstock hatte dort das Handwerk des Vergoldens erlernt und das Geschäft seines Vater übernommen. Von 1915 bis 1918 diente er als Soldat im Ersten Weltkrieg, in dem er mehrfach verwundet wurde. Danach führten seine Frau Ida und er eine Gastwirtschaft und später mit dem Sohn eine Konditorei und Bäckerei. Bei einer Zählung im Juni 1933 waren die Weinstocks in Rheinsberg an der Langen Straße gemeldet, das Haus mit der Nummer 19 hatte ihr Sohn James gekauft. Der Vater arbeitete als Handelsreisender.  Laut Böthig war das Paar ab 1933 immer wieder ein Ziel antisemitischer Attacken. Im März 1933 wurde der jüdische Kaufmann von Mitgliedern der NSDAP überfallen und beraubt. In der Pogromnacht 1933 sind sein Auto, Führerschein, Geld und seine Waren beschlagnahmt worden. Das Paar wurde wie alle Juden im Sitzungssaal des Rathauses in Schutzhaft genommen. Erst nach drei Wochen Haft im Neuruppiner Polizeigefängnis kam der damals 66-Jährige wieder frei. Nach weiteren Repressalien erhielt das Paar 1941 den Deportationsbefehl. Über Berlin wurden sie ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht, in dem Felix Weinstock 16 Stunden täglich in einer Tischlerei arbeiten musste. „Alles Leid, das Henkersknechte erfinden konnten, haben wir durchlitten“, notierte er später. "Wie durch ein Wunder haben sie die Lagerhaft überlebt“, sagte Böthig. Die Weinstocks kehrten laut Zeitzeugenberichten in Lumpen bekleidet nach Rheinsberg zurück. Die Familie ihres Sohnes wurde in Auschwitz ermordet. Ida Weinstock lebte bis 1951, ihr Mann bis 1962 in Rheinsberg. Er kämpfte dort auch darum, sein Eigentum zurückzubekommen. Das Paar ist auf dem Friedhof bestattet.

Ida Hirschfeld

An der Berliner Straße 12, direkt vor der Bäckerei, erinnert nun auch eine kleine Messingplatte an Ida Hirschfeld, die Tante von Rosa. Laut Böthigs Recherchen handelte es sich bei den Hirschfelds um die älteste jüdische Familie, die über mehrere Generationen in Rheinsberg ansässig war. Das älteste Dokument stammt aus dem Jahr 1835. Ida Hirschfeld wurde mit dem Namen Gimpel 1865 in der Nähe von Rostock geboren. Ihr späterer Mann Julius war erster Beigeordneter von Rheinsberg.  Nach seinem Tod im Jahr 1918 blieb sie in der Stadt. Im Alter von 86 Jahren erhielt sie im Februar 1943 ihren Deportationsbefehl. Dabei sollte Ida Hirschfeld laut Peter Böthig auf 16 Seiten darlegen, was sie alles besitzt. Am 10. Februar ist die alte Dame laut den Recherchen des Museumschefs vom Ortspolizisten zum Bahnhof und von dort in ein Berliner Sammellager gebracht worden, in dem 55 000 Menschen auf die Deportation warten mussten. Am 18. März 1943 wurde sie mit dem bis dahin größten Transport von 1 282 Frauen und Männern nach Theresienstadt verschleppt. Das überlebte sie nicht. Zehn Tage nach der Abfahrt war sie tot.

Weitere Schicksale

In Rheinsberg werden am Dienstag, 13. Oktober, noch weitere Stolpersteine verlegt. An der Seepromenade soll an die Familie Hoffmann und an der Dr. Martin-Henning-Straße an die Familie Leo erinnert werden. Dazu erwartet Peter Böthig auch mehr als 20 Angehörige der Familie Leo, die heute auf der ganzen Welt leben, bei der Stolperstein-Verlegung aber gerne dabei sein möchten.

Für Pfarrer Christoph Römhild sind die Stolpersteine ein Zeichen der Erinnerung und damit der Schlüssel dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. "Die Schicksale gehen mir persönlich sehr zu Herzen“, sagte er in einer kurzen Rede. Leider erlebe er aber, dass sich heute eine neue Sprache der Fremdenfeindlichkeit entwickle.

Buch, Ausstellung, Video

Zum jüdischen Leben in Rheinsberg haben Stefanie Ostwalt und Peter Böthig geforscht. Daraus ist das Buch "Juden in Rheinsberg – eine Spurensuche" 2005 in der Edition Rieger erschienen. Bei der Stolpersteinverlegung gab es neben den Hinweisen von Böthig auch kleine Hefte mit der Vita der Rheinsberger und Hinweisen zu den damaligen Umständen.

Im Tucholskymuseum ist derzeit im Archivschaufenster eine Ausstellung über Juden in Rheinsberg zu sehen. Außerdem gibt es dazu ein Video auf der Online-Plattform Youtube. Die Beiträge sind unter den Stichworten "Tucholsky Museum Rheinsberg" zu finden..⇥red