Geschäftsleben: 100 Jahre im Zeichen des Tabaks

Führt mittlerweile allein das Geschäft: Christof Vick wird von seiner Frau Kerstin Henke unterstützt.
Judith Melzer-VoigtChristof Vick sitzt im Hinterzimmer der Neuruppiner Karl-Marx-Straße 22 inmitten von Erinnerungen. Eine Legitimationskarte des Großvaters, die diesen berechtigt, ein Geschäft zu führen, ist ebenso dabei wie alte Bankbescheinigungen. Es ist eine lange Historie, auf die der 52-Jährige zurückschauen kann: Seit 100 Jahren führt die Familie Vick einen Laden in Neuruppin und bietet Tabakwaren an.
Herbert Vick, der Großvater von Christof Vick, hat das Geschäft einst eröffnet. 1919 war das, ein genaues Datum ist nicht überliefert. „Er war Soldat im Ersten Weltkrieg“, erklärt Vick. „Hier in Neuruppin kam mein Großvater in ein Lazarett. Dann hat er meine Großmutter kennengelernt und ist hängen geblieben.“ Ursprünglich stammte Herbert Vick aus Hamburg. Vor dem Krieg hatte er eine Ausbildung als Kaufmann absolviert. Besagte Legitimationskarte erlaubte es dem Großvater, 1920 ein Geschäft in Neuruppin zu betreiben. Dieses ist laut dem Enkelsohn früher eröffnet worden. „1919 gab es diesen Laden schon.“ Damals befand er sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Heute bietet dort ein Optiker seine Dienstleistungen an.
Söhne stiegen ein
Der Großvater war der Firmengründer, seine Söhne stiegen ins Geschäft mit ein: Heinz-Dietrich und Eberhard Vick. Mit der Zeit änderte sich das Sortiment: „Mein Großvater war immer Tabakwaren-Händler“, so Christof Vick. Unter dem Namen „Hevita“ gab es sogar eigenen Tabak aus dem Hause Vick. Die Tütchen, in denen dieser verkauft wurde, lagern noch heute zwischen den Erinnerungen von Christof Vick. „Erst nach 1945 kamen Spirituosen und Wein dazu.“ Der Großvater habe gute Beziehungen gehabt und versuchte immer, für seine Kunden Tabak und Zigaretten zu besorgen.
1964 starb Herbert Vick. Die Söhne entschlossen sich, sich mit der Handelsorganisation (HO) zusammenzutun. Diese war fortan ein Teilhaber. „Aber selbstständig waren wir immer“, so Christof Vick. Um das zu bewahren, hatte Herbert Vick einst sogar einige Monate im Gefängnis verbracht: „1953 hatten die Kommunisten versucht, die Privathändler zu enteignen“, erklärt Christof Vick. Vick Senior wehrte sich dagegen, musste in Haft, blieb aber bei seiner Meinung – und setzte sich damit durch. „Als er wieder rauskam, hatte sich die Enteignungswelle etwas beruhigt“, sagt der Enkel.
Vertrag mit der HO
Mit der HO gab es nach 1964 einen Kommissionsvertrag. „So wurde uns die Ware vorfinanziert“, sagt Christof Vick. Zu DDR-Zeiten habe die Familie ein gutes Geschäft gemacht. „Die Gewinnspanne war groß.“ 1983 hat Christof Vick selbst eine Ausbildung bei der HO absolviert. Seit 1986 war er im Laden angestellt. 1989 starb sein Onkel Eberhard, und er stieg als Teilhaber bei seinem Vater Heinz-Dietrich Vick mit ein. „Die Wende war eine goldene Zeit für uns“, erinnert sich Christof Vick. Die Kunden hätten die Tabakwaren im Zuge der Währungsumstellung „schubkarrenweise rausgetragen“. Damals war der Laden noch am alten Standort. „Wir hatten drei Kassen und sechs Verkäuferinnen.“ Das sei auch schon vor der Wende nötig gewesen: Denn früher gab es bei Vick alkoholfreie Getränke aus Rheinsberg und Bier aus Dessow. Beides ging im Sommer massenweise über den Ladentisch.
Nach der Wende zog das Geschäft in die Karl-Marx-Straße 22. Das Haus, in dem der alte Standort war, wurde rückübertragen. Das Gebäude gegenüber befand sich sowieso in Familienbesitz. „Mein Urgroßvater hatte hier einst eine Schneiderei“, so Christof Vick. 1927 war in dem Haus auch sein Vater Heinz-Dietrich Vick geboren worden.
Heinz-Dietrich Vick starb 2015
Christof und Heinz-Dietrich Vick leiteten den Laden viele Jahre gemeinsam. „Bis er 87 Jahre alt war, war mein Vater fit und stand oft im Geschäft“, erinnert sich Christof Vick. 2015 starb Heinz-Dietrich Vick. Seitdem ist Sohn Christof Einzelkämpfer. Eine Schachtel Karo-Zigaretten, die es vor der Wende für 1,60 Ost-Mark gab, kostet heute 6,30 Euro. Trotzdem ist die Gewinnspanne geschrumpft. „Der Staat will den größten Teil haben.“ Aus den sechs Angestellten sind zwei geworden. Christof Vick und seine Familie leben eher vom Immobiliengeschäft als vom Tabakladen. Aufgeben will der 52-Jährige den Standort aber nicht. „Das hier ist Traditionspflege“, sagt er.
Infokasten
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Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf. Und am Ende steht ein Kürzel.⇥kürzel