Glauben
: Ostprignitz-Ruppins Christen auf ungewöhnlichen Wegen

Die evangelischen Gemeinden in der Region haben teils kreative Lösungen gefunden, damit Pfarrer und Gemeindemitglieder in Kontakt bleiben können. Dabei geht es auch ins Internet.
Von
Judith Melzer-Voigt
Ostprignitz-Ruppin
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  • Ungewöhnliche Wege: Für Christoph Römhild war es erst etwas seltsam, in der leeren Kirche und mit Blick auf ein Tablet den Gottesdienst zu feiern. Als er sich vorstellte, dass die Menschen zu Hause dabei sind, wurde es besser.

    Ungewöhnliche Wege: Für Christoph Römhild war es erst etwas seltsam, in der leeren Kirche und mit Blick auf ein Tablet den Gottesdienst zu feiern. Als er sich vorstellte, dass die Menschen zu Hause dabei sind, wurde es besser.

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  • Trotzdem ein Anlaufpunkt: In der Neuruppiner Klosterkirche ist derzeit aber sehr viel weniger los als sonst.

    Trotzdem ein Anlaufpunkt: In der Neuruppiner Klosterkirche ist derzeit aber sehr viel weniger los als sonst.

    Judith Melzer-Voigt
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„Es war das erste Mal, dass ich einen Gottesdienst fürs Internet produziert habe“, sagt Christoph Römhild. Die Andacht wurde am Sonntag bei Youtube online gestellt. Ein bisschen mehr als 17 Minuten dauert sie. „Wir haben einfach ein iPad in die Kirche gestellt, ich habe mir den Talar angezogen, und dann haben wir den Gottesdienst gefeiert“, so Römhild. Er ist zufrieden damit, wie das Angebot angenommen wurde: Verbreitet wurde die Andacht auch über den Dienst WhatsApp. Insgesamt 190-mal wurde sie gesehen. Am Dienstagvormittag lag die Zahl der Aufrufe bei Youtube sogar schon bei 235. „So viele Menschen habe ich selten hier in meiner Kirche sitzen“, sagt der Pfarrer.

Er hat im Anschluss an die Übertragung viel Dankbarkeit von den Gemeindemitgliedern erfahren. Auf die Idee kam Christoph Römhild durch einen telefonischen Seelsorgetermin, den er nach Ausbruch des Coronavirus angeboten hat. Eine Frau aus der Gemeinde habe gefragt, ob es nicht möglich sei, den Gottesdienst zu übertragen. „Für mich war das ganz ungewohnt“, erinnert sich der Pfarrer an den vergangenen Sonntag. „Aber ich habe mir vorgestellt, dass jetzt die Menschen vor ihren Geräten sitzen. Dann ging es.“ Am kommenden Sonntag wird Römhild wieder online zu sehen sein – so lange, bis die Krise soweit überstanden ist, dass Gottesdienste wieder erlaubt sind. Künftig will er die Internet-Andacht noch etwas kürzer gestalten.

Hinweis auf Rheinsberg

Auf das Angebot des Pfarrers weisen auch die anderen Gemeinden in der Region hin, wie beispielsweise Alexander Stojanowic, Pfarrer in Temnitz, und Holger Baum, Pfarrer in Lindow, erklären. „Warum sollen wir das Rad neu erfinden? Die Idee ist doch toll“, sagt Baum. Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf Pfarrerin Christine Gebert aus Herzberg und ihren Youtube-Kanal „heuteundmorgen“. In Lindow sind darüber hinaus sonntags die Kirchen geöffnet, die Menschen können hineinkommen und beten. „Viel läuft bei uns telefonisch“, so Baum. Er selbst ruft jeden Tag Menschen in der Gemeinde an, erkundigt sich, wie es ihnen geht, und fragt, ob sie Hilfe brauchen. „Sehr viele sind hier bei uns auf dem Land aber sehr gut eingebunden – in Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft.“ Am Wochenende werden in Lindow und Umgebung, wie in einigen anderen Orten auch, die Glocken zu den gewohnten Gottesdienstzeiten läuten. Mit diesem Läuten wird auch auf die Andachten in Fernsehen und Radio hingewiesen. „Das unterstützen wir jetzt“, sagt Holger Baum. „Wenn jeder sein eigenes Angebot macht, wird es zu viel.“

Zusammenarbeit wichtig

Auch für Alexander Stojanowic ist die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus den anderen Gemeinden derzeit sehr wichtig. „Wir Pfarrer sind miteinander in Kontakt, telefonieren manchmal mehrmals am Tag“, sagt er. Auch die Aktion, dass Menschen um 19 Uhr eine Kerze ins Fenster stellen, um zu zeigen, dass sie zusammenhalten und aneinander denken, unterstützt Stojanowic. Er freut sich, dass dieses Projekt immer besser angenommen wird: „Erst waren wir hier im Dorf alleine, mittlerweile sehe ich schon mehr Kerzen.“

Wie einige andere Gemeinden auch, konzentrieren sich die Temnitzer nun darauf, über den Gemeindebrief mit den Christen in Kontakt zu bleiben. „Im neuen Brief werden kleine Andachten am Küchentisch abgedruckt, die jeder zu Hause feiern kann“, erklärt er. Mit Bibel und Gesangbuch ausgestattet, können die Menschen dann einen kurzen Gottesdienst abhalten, singen und beten. Für jeden Sonntag und auch die Osterfeiertage wird eine solche Andacht im Temnitzer Gemeindebrief zu lesen sein.

„Für die jüngere Generation weisen wir auf die vielen guten Angebote im Internet hin“, erklärt Alexander Stojanowic. Auch in Radio und Fernsehen gebe es Gottesdienste. „Außerdem sind wir jederzeit für die Seelsorge da.“ Er will noch in dieser Woche Rund-Telefonate starten, um mit seiner Gemeinde in Kontakt zu bleiben. „Momentan scheinen aber alle mehr in der Phase zu sein, dass sie sich zurückziehen“, hat der Pfarrer beobachtet. Er glaubt jedoch, dass sich das noch ändern wird, wenn die Krise länger dauert. Dann werde der Bedarf an Seelsorge steigen.

Das nimmt auch Christoph Römhild aus Rheinsberg an: Er ruft derzeit viele Menschen an und hat eine feste Telefonzeit eingerichtet. Immer mittwochs bis freitags von 14 bis 16 Uhr geht er auf jeden Fall ran, sonst muss er auch mal zurückrufen, wenn jemand versucht, ihn zu erreichen. In der Rheinsberger Kirchengemeinde werden schon jetzt verschiedene Hilfsdienste angeboten, so Römhild. Dass sich Menschen um 19 Uhr ans Fenster stellen und gemeinsam mit anderen die ersten drei Strophen von „Der Mond ist aufgegangen“ singen, drückt für ihn auf eine ganz besondere Art von Gemeinschaft aus. Auch die Rheinsberger denken indes an die Menschen, die sich im Internet nicht so gut auskennen: Für sie gibt es Sonderausgaben des Gemeindebriefes.

Sonderhefte in Arbeit

Die Neuruppiner Kirchengemeinde arbeitet ebenfalls derzeit an solchen Sonderheften, wie der Gemeindepädagoge Thomas Klemm-Wollny bestätigt. Alle Gottesdienste bis Ende April hat die Gemeinde schon absagen müssen. Daher wird es für diese Zeit auch einen kleinen Gottesdienst für den Küchentisch geben. „Wir werden sehen, was die nächsten Wochen bringen“, sagt Thomas Klemm-Wollny. In der Kirchengemeinde würden die Christen aber in 14-Tages-Abschnitten denken – in der Hoffnung, dass es schon bald wieder besser aussieht. „Wenn wir Ostern feiern könnten, wären wir die letzten, die das nicht machen würden.“ Klemm-Wollny und die anderen aus dem Neuruppiner Pfarrer-Team sind telefonisch erreichbar. „Wir sind für alle Fälle gerüstet“, sagt er.

Schaukasten im Blick

In der Kirchengemeinde Protzen-Wustrau-Radensleben wird künftig jede Woche ein Gottesdienst verteilt, erklärt Pfarrerin Ute Feuerstack. Dieser werde zu den älteren Leute geliefert. Die Info geht auch per E-Mail oder durch sozialen Netzwerke an die Gemeinde. In den Schaukästen hängt darüber hinaus eine Andacht. Die Gemeinde beteiligt sich ebenfalls an der Aktion, bei der eine Kerze ins Fenster gestellt wird. Außerdem läuten regelmäßig die Glocken. Zu Ostern soll es außerdem einen Extradruck des Gemeindebriefes geben.

„Wir telefonieren viel mit den Leuten“, erklärt Ute Feuerstack. In Sachen Seelsorge ist die Situation ihr zufolge noch recht entspannt. Aber auch sie weiß: Wenn die Krise noch lange dauert, wird sich das wahrscheinlich ändern.