Herr Palmowske, fällt Ihnen ohne die gewohnte Handball-Dosis im Alltag zu Hause schon die Decke auf den Kopf?
Tony Palmowske: Naja, glücklicherweise kann ich von zu Hause arbeiten und habe ein Haus mit Grundstück, das jederzeit nach Arbeit schreit. Letztendlich ist es aber schwer, wenn man auf die Uhr schaut und sieht, dass eigentlich Training wäre. In diesem Moment brodelt es dann in mir.
Werden zur Ablenkung alte Handball-Spiele geschaut?
Palmowske: Ja auf jeden Fall, aber eher von den etwas höherklassigen Mannschaften.
Haben Sie schon mal ein Unioner Spiel für eine Analyse aufzeichnen lassen?
Nein habe ich noch nicht, ich bin kein Fan davon, weil man einfach zu wenig Zeit für eine Auswertung hat, bei zweimal Training in der Woche. Jedoch weiß ich auch, dass sich damit Fehler viel besser analysieren lassen. Mal sehen, vielleicht wird sich das in Zukunft noch ändern.
Die meisten Ihrer Spielerinnen halten sich zu Hause mit Stabilisations-, Kraft- und Ausdauertraining fit, sind dabei meist sogar per Videochat miteinander verbunden, um so den Teamkontakt aufrecht zu halten! Klinken Sie sich da mit ein und geben Anweisungen?
Nein, das machen die Mädels schön allein (lacht). Was ich so gesehen habe, sind sie zumindest mit viel Spaß dabei.
Haben Sie sich schon für den Tag x, wenn es irgendwann wieder weitergeht, vorbereitet und die ersten Trainingspläne ausgearbeitet?
Nein, habe ich noch nicht, aber man hat ja im Kopf, was man trainiert oder trainieren lassen will. Ich glaube auch nicht an ein super durchgeplantes Training wenn es wieder losgeht. Ich denke viel eher, dass es sehr emotional zugehen wird, wenn wir endlich wieder in unserem "Wohnzimmer" zusammen sind und der Spuk hoffentlich vorbei ist.
Nutzen Sie die Zwangspause, um sich als Trainer (Palmowske ist noch ohne Lizenz, d. Red.) weiterzubilden?
Was heißt weiterbilden? Ich schaue mir Spiele an, versuche, Sachen zu analysieren und für mich selbst zu beantworten, warum was an welcher Stelle passiert. Auch gucke ich mir Trainingseinheiten bei YouTube oder in anderen sozialen Medien an. Vielleicht werden ja in Zukunft mal Trainerscheine online angeboten, so etwas wäre jetzt genial, damit würde der Handball-Verband Brandenburg (HVB) mit Sicherheit innerhalb kürzester Zeit viele neue Trainer gewinnen.
Gibt es einen regelmäßigen Austausch mit Ihrem Trainer-Kollegen Christian Schulz?
Schulle und ich telefonieren regelmäßig und schreiben ab und zu. Leider gibt es ja momentan nicht so viele Dinge zu klären, der ganzen Ungewissheit wegen.
Kommen wir zum Sportlichen: Bis zur Corona-Pause spielte Ihre Mannschaft in der Verbandsliga eher eine durchwachsene Saison. Es gab bereits fünf Niederlagen. Warum ist der SV Union auf dem Weg zum großen Ziel Meisterschaft nach sechs Siegen zum Start plötzlich aus dem Tritt gekommen?
Wenn wir ehrlich sind, sind wir nicht nach dem sechsten Spiel aus dem Tritt gekommen. Die Saison verlief von Anfang an nicht wie gewünscht. Klar hatten wir in der ersten vier Spielen tolle Ergebnisse erzielt, jedoch war ich eigentlich nur mit dem Spiel in Falkensee zufrieden, in dem alles geklappt hat. Der Grund, warum es dann nicht lief, wie es die Ergebnisse zeigen, ist auch aktuell noch unklar. Gestandene Spielerinnen kamen zu mir und suchten das Gespräch. Da hat man eine Menge zu hören bekommen: "Ich bin nicht mehr ich selbst.", "Ich traue mich nicht mehr Richtung Tor zu ziehen", "Wenn das so weiter geht, ..." Ein großer Wehrmutstropfen war natürlich Jazzys (Jasmin Ewald, d. Red.) schwere Knie-Verletzung, die auch in den Köpfen der Mädels sicher eine Rolle gespielt hat. Denn jeder weiß, dass sie immer 120 Prozent gibt und auch emotional ein "Monster" ist. Wenn Jazzy mal ihre Emotionen rauslässt, dann wird auch der letzte wach. So etwas fehlt dann natürlich auf der Platte. Zu allem Überfluss verletzte sich dann im Spiel darauf auch noch Keule (Antonia Köhler, D. Red.) – auch am Knie. Da dachte ich wirklich kurz, das war´s mit der Saison. Wobei wir ehrlicherweise sagen müssen, auch mit den beiden hat unser Motor schon gestottert.
Kurz hintereinander gab es in Wildau (25:29), in Finowfurt (18:28), in Grünheide (22:19) und in Fredersdorf (23:32) bittere Schlappen zu verkraften. Warum drückt auswärts so der Schuh?
Wenn ich das wüsste, würde ich die Schuhe lockerer schnallen (lacht). Ja, keine Ahnung, wissen wir selbst nicht. Auswärts klappt irgendwie nichts.
Hat die Konkurrenz in der Vorsaison, als Union als Aufsteiger die Liga gerockt hat, genau hingeschaut? Ist das Unioner Spiel von den Gegnern mittlerweile entschlüsselt worden?
Ich lege mich mal fest: Das außer Schulle und mir wenig Trainer auf die Auslösehandlungen der anderen achten. Ich denke nicht, dass irgendjemand unser Spiel entschlüsselt hat, denn wenn es normal läuft, brauchen wir unser Positionsspiel kaum, da geht’s ja mit Krach nach vorn und dann rappelt es. Was ich viel mehr denke, ist, dass die anderen dachten, ach das ja nur ein Aufsteiger und die Vorsaison deshalb so überraschend gut lief. Wir haben in dieser Saison ja die Karten komplett neu gemischt, fast alle Mannschaften haben ein etwas anderes Gesicht bekommen, einige durch Spielerinnen, andere durch Trainer. Ich sehe das eher als Grund für die veränderten Kräfteverhältnisse, weil die meisten anderen auch besseren Handball spielen als letztes Jahr.
Ist die Teamleistung zu sehr abhängig von der Form einzelner Spielerinnen?
Wir sind noch in einer Liga, in der eine einzelne, herausragende Spielerin – Romy Hübscher, aus Fredersdorf ist ein gutes Beispiel – ein Spiel allein entscheiden kann. Die Frage ist schwer zu beantworten. Ich sage mal so, wenn der komplette Rückraum einen schlechten Tag erwischt, wird es sehr schwer. Außen oder am Kreis haben wir genug Optionen. Wir sind auf allen Positionen gefährlich.
Als Trainer muss man ein Stück weit auch Psychologe sein: Was geht in den Köpfen Ihrer Spielerinnen vor? Es gab doch sicher Gespräche, oder?
Ja.  Wie schon erwähnt,  die Mädels machen sich Gedanken. Das können Sie mir glauben, weit mehr als es Männer tun würden. Wichtig ist meinen Spielerinnen, dass ihnen das Gefühl von Sicherheit vermittelt wird, das gelingt mir leider nicht immer, denn dafür bin ich auch zu emotional und zeige das auch mal, wenn es richtig mies läuft. Das Wichtigste für mich ist, dass die Mädels untereinander weiterhin gut miteinander können und Spaß haben.
Der SV Union schöpft regelmäßig aus dem Reservoir an selbst ausgebildeten Talenten. Wie viel Spaß machen die "jungen Küken"? Wie viel Geduld ist aber zugleich auch gefragt?
Die Arbeit mit den Jüngeren macht sehr viel Spaß, weil sie im Verhältnis zu den gestandenen Spielerinnen natürlich noch viel Entwicklungspotenzial haben. Man kann da viel mehr Fortschritte herausarbeiten als bei einer Spielerin, die schon 30 Jahre Handball spielt. Bei unseren Küken, wie wir sie auch nennen, ist die Mischung zwischen Geduld und absoluter Gelassenheit etwa 50:50. Wir haben welche, die spielen auf einem großartigen Niveau und das durchgehend ohne viele Fehler. Und wir haben welche, die durch ihre zurückhaltende Art natürlich etwas mehr Fehler machen. Das ist aber völlig in Ordnung. Die werden auch nicht angebrüllt oder bestraft, das wird besprochen und gut ist es. Ein Riesenpluspunkt für die "Kleinen" sind die vielen erfahrenen Spielerinnen, die nehmen schon eine Menge Druck weg.
Wie sieht die Rollenverteilung zwischen Ihnen und Christian Schulz aus? Wer übernimmt welche Aufgaben im Training und am Spieltag?
Wenn wir gemeinsam trainieren und es die Zeit zulässt, gehen wir gern in die Positionsausbildung. Schulle macht dann das Training für den Rückraum und ich das für die Außen- und Kreisläufer. Ansonsten ist Schulle schon eher der Guardiola und ich der Magath, um mal einen Vergleich zum Fußball herzustellen. Christian hat eben mehr das Händchen für die Tiefen-Taktik und bei mir kommen die Damen etwas mehr ins Schwitzen (lacht). Wobei sie ja letztlich auch bei mir gelernt haben, ganz ansehnlichen Handball zu spielen.
Vor der Zwangspause setzte es eine 27:29-Heimniederlage gegen Wildau. Was das der bitterste Stich in Ihr Trainerherz?
Nein, diese Niederlage tat weh, aber die schlimmste war es nicht. Wildau spielt unter der neuen Trainerin einen wirklich guten Ball, das muss man neidlos anerkennen. Der tiefste Stachel sitzt ganz klar noch von Grünheide, weil ich denke, dass wir da unsere schlechteste erste Halbzeit aller Zeiten gespielt und am Ende nur mit drei Toren verloren haben. Das war einfach die vermeidbarste Niederlage.
Planen Sie derzeit schon die neue Saison? Wird es Veränderungen im Kader geben?
Die neue Saison ist grundsätzlich fertig geplant, zumindest im Kopf. Alles andere ist schwierig. Kadertechnisch gibt es aktuell nichts zu meckern und ich will nichts ändern. Wenn sich jemand aus persönlichen oder sportlichen Gründen von der ersten in die zweite Mannschaft umorientieren möchte oder umgekehrt, muss das natürlich besprochen werden. Jedoch sind interessierte Spielerinnen bei uns immer gern gesehen. Wir haben ja schließlich zwei Mannschaften in denen sie dann Fuß fassen können.
Welche Ziele und Visionen hat Tony Palmowske: als Trainer und auch als treibende Unioner Handball-Kraft?
Ziele und Visionen habe ich viele. Ich würde gerne so hoch wie möglich mit der ersten Mannschaft spielen. Nicht umsonst war das erklärte Ziel der Aufstieg. Wichtiger ist jedoch die Verwirklichung unserer Ziele, die wir uns als Abteilungsleitung gesteckt haben. Wir wollen die Jugend-Ausbildung noch professioneller gestalten und voranbringen, um den Anschluss an den Erwachsenenbereich so einfach wie nur möglich zu gestalten. Am liebsten hätte ich jede Mannschaft im Landesspielbetrieb. Dafür haben wir mittlerweile eine einheitliche Trainingskonzeption erstellt, die es nach und nach umzusetzen gilt. Wenn es funktioniert, wird das Ganze auch Früchte tragen. In dem Zusammenhang wird es dann auch einen Wechsel der Jugendkoordinator-Position geben.
Inwiefern?
Christian Schulz wird diesen Posten übernehmen und Maik Strecker, der diesen bislang mit viel Herzblut ausgefüllt hat, beerben. Das ist mit beiden auch so besprochen worden und sie gehen da mit.
Stichwort Weiterentwicklung: Sie waren noch nicht fertig.
Der Grundstein ist die Kinder- und Jugendausbildung. An dieser Stelle möchte ich mich als Sportlicher Leiter bei meinen Trainern bedanken, die machen eine wahnsinnig tolle Arbeit.  Nebenbei habe ich natürlich auch die Aufgabe, die sportliche Entwicklung der Abteilung abseits der Platte voranzutreiben. Wir sind ja nun mal, als Abteilung betrachtet, ein kleiner Verein in einem der größten im Kreis. Da ist es eben auch wichtig, personell und finanziell gut aufgestellt zu sein. Hier spreche ich regelmäßig mit neuen Sponsoren. Weiterhin haben wir für die kommende Saison eine Möglichkeit der Fördermitgliedschaft geschaffen, um den Eltern, Großeltern, Verwandten oder Bekannten die Möglichkeit zu geben, uns weiterzuhelfen. Hier wurden wir immer häufiger angesprochen, was man machen kann und damit haben wir nun, denke ich, die beste Lösung gefunden.

Stillstand bis mindestens 19. April


Aktueller Tabellenstand Verbandsliga Nord Frauen:1. Grünheider SV 15   335:253 26:42. HSV Falkensee 04 16  422:338  23:93. Fredersdorf-Vog. 16  439:379 22:104. Union Neuruppin 14   353:313   17:115. SV Eichstädt 1949 15   361:343 16:146. BW Dahlewitz 15  307:308 15:157. HSV Wildau 1950 16  357:362  15:178. Finowfurter SV 14 330:307  14:149. Ahrensdorf/S. II 15  348:316  12:1810. Bernauer Bären 15  259:399  4:2611. Müncheberg/B. 15  259:452  2:28

Der Spielbetrieb wurde vom Handball-Verband Brandenburg bis auf Weiteres ausgesetzt. Spätestens zum 19. April wird über eine mögliche Wiedereinsetzung bzw. der Saisonwertung 2019/2020 entschieden.

Der SV Union hat derzeit sieben Mannschaften im Frauen- und Mädchenbereich: Frauen I (Verbandsliga), Frauen II (Spielunion), B-Jugend (Brandenburgliga), C-, D-, E- und F-Jugend (gemischt) allesamt in der Spielunion. gü