Handwerk: Spuren der Harzgewinnung auch nach 30 Jahren zu sehen

Anstrengend: Im Fischgrätenverfahren zieht diese Harzerin mit einem Handhobel eine Schnittrille. Die Harzgewinnung wurde in der DDR bis zur Wende betrieben, dann aber wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt.
Naturhistorisches MuseumDer Rheinsberger Umweltschützer Werner Dumann hat sich vor mehreren Jahren für Schautafeln im Bereich damit befasst und dabei viele Fakten zusammengetragen. So wurden im damaligen Forstamtsbereich Alt Ruppin seit 1959 pro Jahr durchschnittlich mehr als 200 Tonnen Harz gesammelt. Dass diese Praxis heute nicht mehr genutzt wird, liegt einzig und allein daran, dass die Forst Anfang der 1990er-Jahre festgestellt hatte, dass die Gewinnung marktwirtschaftlich nicht rentabel betrieben werden konnte. Aus Harz, oder dem von Kiefern produzierten Rohbalsam, wurde schon im 15. Jahrhundert in Pechsiedereien Pech hergestellt.
Damit konnten Gefäße oder im Schiffbau auch die Nähte zwischen Holzplanken abgedichtet werden. „Die Kiefernharzung ist in Deutschland erst in erwähnenswertem Umfange während des Ersten Weltkrieges eingeführt worden, um die Industrie mit diesem Grundstoff zu versorgen, da die Einfuhr von Kolophonium und Terpentinöl, die Ausgangsstoffe für Farben und Sprengstoffe waren, aus dem Ausland abgeschnitten war“, so Dumann.
In der DDR erlebte das Handwerk ab den 1950er-Jahren noch einmal einen Aufschwung, da so rare Devisen eingespart werden konnten. „Neben der Extraktion und der Tallöldestillation aus Stockholz war hier die Lebendharzung am gebräuchlichsten.“
Körperlich schwere Arbeit
Diese war eine körperlich schwere Arbeit. Bei den angewandten Verfahren gab es einige Unterschiede. Während laut Dumann 1915 noch das Kienitzsche Dechselverfahren nach österreichischem Vorbild genutzt wurde, bei dem tiefe Mulden in den Kiefernstamm eingeschlagen wurden, kam ab 1917 das Fischgrätenverfahren von Forstmeister Robert Splettstößer zum Zuge. Das System wurde in Chorin verbessert und in der Region bis zum Ende der Harzgewinnung praktiziert.
Die Prozedur war für die Harzer in jedem Jahr dieselbe. Zuerst wurden die Waldstücke, die von der Forst zur Verfügung gestellt worden waren, vom Harzmeister begutachtet. Er vermaß die Stämme und schätzte den möglichen Ertrag. Bereits im Winter gingen dann die Männer und Frauen an die Arbeit und entfernten dort Borkenstücke, wo später die Rillen angebracht werden. Weil dabei die Borke hell rötlich leuchtete, wurde der Schritt als „Röten“ bezeichnet. „Anschließend wurde in der Mitte der Lachte eine senkrechte Tropfrinne gezogen, in der das Harz aus den später angebrachten Schnittrillen in den darunter befindlichen Topf floss“, beschreibt Dumann den Prozess. „Ab April begann dann das eigentliche Reißen mit dem Handhobel rechts und links der Tropfrinne, und so fügte sich bis Oktober Riss an Riss, zirka 27 pro Saison.“ Weil es einen höheren Ertrag brachte, wurden die Schnitte von oben nach unten gezogen. Zudem wurden laut Dumann auch noch Stimulationsmittel benutzt, etwa Hefeextrakt-Lösungen, die während des Rissvorgangs eingespritzt wurden, um die Harzproduktion des Baums noch weiter anzuregen.
Mittlerweile gibt es in Deutschland keine Abnehmer mehr, die Harz industriell weiterverarbeiten. Die Unwirtschaftlichkeit des Vorhabens lässt sich leicht belegen. 1989 etwa hatten die Einnahmen bei 729 000 Mark gelegen, denen Kosten von 734 000 Mark gegenüberstanden. 1990 gab es auf eine Fläche von 60 000 Hektar 23 000 Lachtenmeter, die von 36 Harzern der Forst und weiteren zwölf Privatharzern bearbeitet worden waren.
Harzgewinnung im Forstamtsbereich Alt Ruppin
Die Erträge, die Harzer in der Region eingebracht haben, liegen in Größenordnungen, die Laien nicht vermuten würden. Ab 1959 wurde in Alt Ruppin geharzt, nachdem dafür 300 Hektar zur Verfügung gestellt worden waren. 1960 kamen im Bereich 243 Tonnen des Grundstoffs zusammen, 1962 dann 198 Tonnen und 210 Tonnen im Jahr 1974. In der DDR waren es in dem Jahr 12 237 Tonnen. Laut Dumanns Nachforschungen schaffte ein einzelner Harzer im Mai/Juni 1981 einen durchschnittlichen Ertrag von 3 500 Kilogramm. ⇥zig