Historisches
: Ein rätselhaftes Uralt-Dokument aus dem Ruppiner Land

Natalia Korrs Großmutter lebte einst in Neuruppin. Von ihr stammt eine Urkunde, die der spätere preußische König Friedrich I. ausgestellt hat, wie sie bei der TV-Show „Bares für Rares“ erfahren hat.
Von
Markus Kluge
Ostprignitz-Ruppin
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  • Das gesamte Dokument: Noch ist nicht alles entschlüsselt. Natalia Korr hofft, dass sie irgendwann den kompletten Inhalt erfährt oder jemand die bereits entschlüsselten Namen kennt. Wer Hinweise hat, kann sich unter lokales@ruppiner-anzeiger.de melden.

    Das gesamte Dokument: Noch ist nicht alles entschlüsselt. Natalia Korr hofft, dass sie irgendwann den kompletten Inhalt erfährt oder jemand die bereits entschlüsselten Namen kennt. Wer Hinweise hat, kann sich unter lokales@ruppiner-anzeiger.de melden.

    Natalia Korr
  • Auftritt vor großem Publikum: Natalia Korr (rechts) präsentierte ihre Urkunde in der ZDF-Sendung "Rares für Bares" dem Moderator Horst Lichter und der Kunsthistorikern Dr. Frederike Werner. Die Expertin konnte dazu Hinweise geben.

    Auftritt vor großem Publikum: Natalia Korr (rechts) präsentierte ihre Urkunde in der ZDF-Sendung "Rares für Bares" dem Moderator Horst Lichter und der Kunsthistorikern Dr. Frederike Werner. Die Expertin konnte dazu Hinweise geben.

    Markus Kluge
  • Unversehrt: Zu dem Brief gehört auch dieses alte Siegel.

    Unversehrt: Zu dem Brief gehört auch dieses alte Siegel.

    Markus Kluge
  • Erst Kurfürst III., dann König I.: Friedrich krönte sich selbst.

    Erst Kurfürst III., dann König I.: Friedrich krönte sich selbst.

    Markus Kluge
  • Die Mumie: War die Urkunde auch für den Ritter?

    Die Mumie: War die Urkunde auch für den Ritter?

    Hubert_Link
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Die Urkunde ist uralt, etwas größer als ein A3-Blatt und mehrfach gefaltet. Die Schrift darauf können nur Experten entziffern. „Ich habe die Urkunde aus dem Nachlass meiner Mama“, sagt Korr. Schon als Kind habe sie mit dem historischen Blatt geliebäugelt. „Aber ich durfte es nur angucken, nicht anfassen“, so Korr. Worum es sich bei dem Papier handelt, hat sie nie erfahren. Ihre Eltern, die bereits gestorben sind, hatte sie nicht mehr danach gefragt. Der handgeschriebene Text mit den vielen Kringeln ist nur schwer leserlich. „Es ist alles in Sütterlin und teilweise auf Deutsch, teilweise auf Französisch – so wie früher auch an den königlichen Höfen gesprochen wurde“, sagt sie. Obwohl sie mit dem Schriftbild nicht viel anfangen konnte, hat sie Kurfürst Friedrich III. entziffern können. Worum es in der Urkunde geht, blieb ihr verborgen.

Hilfe im Fernsehen

„Ich habe überlegt, wie ich möglichst günstig an einen Experten komme“, erzählt Korr, die in Stahnsdorf südlich von Berlin wohnt. Daraufhin hat sie sich im April 2019 mit Fotos der Urkunde bei der Show „Bares für Rares“ beworben. Dort bewerten Experten solche Stücke, die im Anschluss meistbietend an Profi-Händler verkauft werden können. Offenbar stieß das Dokument bei den Show-Produzenten auf Interesse: Natalia Korr wurde für Anfang 2020 nach Köln zum Dreh eingeladen, bei dem sie das Stück nicht nur Moderator Horst Lichter, sondern auch der Kunsthistorikern Dr. Frederike Werner vorlegte. Diese erkannte schnell, dass es sich um eine  Lehens-Urkunde handelte.

Mit diesem Dokument haben Adlige, in diesem Fall Kurfürst Friedrich III. (1657 bis 1713), Ländereien oder Güter zur Nutzung verpachtet. Laut Werner mussten die Pächter im Gegenzug dafür zahlen, politische Treue versichern oder dem Regierenden militärisch zur Seite stehen. Das Dokument, das auf den 21. Januar 1689 datiert ist, ist in mehrerlei Hinsicht spannend. Kurfürst Friedrich III. verpachtete darin Wiesen, Weiher und Grünungen unter anderem an einen Joachim Werner, Christian Friedrichsen, Anton Baltzan und an die Gebrüder Kalebutzen. Bei diesem Namen wurde die Expertin aufmerksam. Schließlich ist der Name Kahlbutz mit Kampehl verbunden und über das Ruppiner Land hinaus bekannt.  Noch heute kann dort die Mumie des Ritters Christian Friedrich von Kahlbutz (1651 bis 1702) bestaunt werden. Er hat 1675 in der Schlacht bei Fehrbellin an der Seite des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1640 bis 1688) gekämpft – der war niemand geringeres als der Vater des Urkundenunterzeichners Friedrich III.

Der Sage nach hatte Kahlbutz während seiner Herrschaft in Kampehl einen Schäfer erschlagen, der ihm das Recht der ersten Nacht mit seiner Frau verweigerte. Der Ritter soll das vor Gericht bestritten und gesagt haben, dass wenn er der Täter war, so Gott will, sein Leib nicht verwese. Ob das Papier sich tatsächlich auf ihn, der seinerzeit 38 Jahre alt war, oder seine Geschwister bezieht, ist nicht klar. Allerdings ist überliefert, dass der Ritter für seinen Einsatz in der Schlacht bei Fehrbellin das Gut Kampehl als Erblehen erhalten hat.

Vielleicht ein Erbstück

Wie Dr. Werner in der Sendung sagte, geht sie davon aus, dass die Urkunde aus Neuruppin stammt. Für Natalia Korr eine spannende Nachricht, denn ihre Großmutter Elisabeth Witte, die 1899 in Kyritz geboren wurde, lebte als junge Frau in Neuruppin. Sie war bisher davon ausgegangen, dass ihr Großvater, der ein russisch-orthodoxer Priester war, dieses Papier von einem Gemeindemitglied geschenkt bekommen hatte.

Nun ist nicht ausgeschlossen, dass das Dokument zur Familie gehört, weil ein Urahn Ländereien gepachtet hatte. Vielleicht ist es auch erst später in ihren Besitz gelangt. „Es gibt noch viele Rätsel“, sagt die 50-Jährige. Auf dem Dokument sind noch weitere Namen vermerkt, die sie aber kaum entziffern kann und weshalb nun weiter auf Hilfe von Experten angewiesen ist. Bei der TV-Aufzeichnung hat sie nicht mehr darüber erfahren – lediglich, dass die Urkunde samt einem unbeschädigten Wachssiegel, etwa 400 bis 500 Euro Wert sei. Für diesen Preis wollte sie Natalia Korr nicht abgeben. Schließlich könnte sie eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden sein. Durch die Corona-Pandemie sind ihre Nachforschungen ins Stocken geraten. Außerdem will Korr mit ihren Geschwistern beraten, was mit dem Papier passieren soll. In der Sendung hatte sie gesagt, dass sie es womöglich ans Brandenburgische Landesarchiv abgeben würde.

Friedrich III., der die Urkunde ausgestellt hat, war schließlich der erste König von Preußen. Zwölf Jahre nach diesem Brief, am 18. Januar 1701, trat er aus dem Schatten seines erfolgreichen Vaters, dem Großen Kurfürsten und krönte sich in Königsberg selbst zu König Friedrich I., was ihn bekannt machte und womit die Linie der preußischen Könige ihren Anfang nahm. Einer seiner Söhne, Friedrich Wilhelm I. (1688 bis 1740), wurde als Soldatenkönig bekannt, dessen Sohn Friedrich II. (1712 bis 1786) als Friedrich der Große oder der „Alte Fritz“.