Integration
: Hilfe für Menschen mit Behinderung durch EUTB Havelland

Die ergänzenden, unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) Havelland mit Sitz in Falkensee hilft Menschen mit Behinderungen.
Von
Silvia Passow
Falkensee
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Uta Lauer (li.) und Christine Plörer in den neuen Beratungsräumen der EUTB Havelland in Falkensee.

Silvia Passow

Bevor sie die hellen Räume im Erdgeschoss in der Poststraße, gegenüber dem Bürgeramt und mit dem Bahnhof auf der Rückseite bezog, hatte Uta Lauer stundenweise Beratungen im Musiksaalgebäude angeboten. Da brachte sie es mit einer halben Stelle auf 200 Beratungen im Jahr. In den neuen Räumen werde es sicherlich mehr werden, sagt die 48–jährige Berlinerin. Hier ist sie auch nicht mehr allein tätig, sondern hat mit Christine Plörer Unterstützung gefunden.

Ergänzende Teilhabeberatung heißt zunächst einmal unabhängig von Ämtern, Trägern oder Behörden. Vertraulich und kostenlos wird beraten, ohne einer Institution Rechenschaft zu schulden, ohne an eine bestimmte Einrichtung weiter vermitteln zu müssen. Die beiden Frauen unterstützen beim Ausfüllen von Anträgen, helfen bei Gesprächen mit den Krankenkassen und hören in erster Linie zu. Es zählt nicht die Frage, was es koste, sondern um die Frage, was der Ratsuchende möchte.

Die Geschäftsstelle in Falkensee ist auf die sogenannte Elternassistenz spezialisiert. Hier geht es darum, Eltern mit Behinderung zu unterstützen. Dabei liegt der Fokus auf der Selbstbestimmung, die Eltern entscheiden, wie die Hilfe aussehen soll. Lauer beschreibt in einem Fallbespiel: „Das nicht beeinträchtigte Kind einer Mutter, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, möchte Fahrrad fahren lernen. Es geht also um eine Assistenz für das Kind. Wir organisieren jemanden, der dem Kind Radfahren beibringt, damit es zum Beispiel an der Radtour der Schule teilnehmen kann“, sagt Lauer.

Elternassistenz ersetzt Eltern nicht

Die Elternassistenz bietet zusätzlich Hände, sie ersetzt die Eltern jedoch nicht. Ein Angebot, das es noch nicht so lange gibt. Bisher hätten Eltern von behinderten Kindern im Fokus gestanden und nicht die behinderten Eltern gesunder Kinder, so Lauer. Und gerade diese Kinder müssten lernen, nicht zu viel Rücksicht auf die Behinderung der Eltern zu nehmen. „Sie sollten lernen, unabhängig von der Behinderung der Eltern zu sein. Sie sollen nicht die Verantwortung für die Eltern übernehmen.“

Die Beratung für die Elternassistenz erfolgt persönlich und auch per Telefon oder Fax. An der Möglichkeit der Videokonferenz arbeitet man im EUTB noch, wobei die Datensicherheit als wichtigstes Gut gesichert sein muss.

Das besondere Augenmerk der Beratung durch das EUTB liegt im sogenannten Peer Counseling, es sind Betroffene, die andere Betroffene beraten. Also Menschen mit Behinderung beraten Menschen mit Behinderung. Das Lauer und Plörer selbst mit Beeinträchtigungen leben, sieht man ihnen nicht an. Die Grenzüberschreitungen und Klischees, denen behinderte Menschen immer wieder begegnen, sind auch ihnen bekannt. „Ich bekomme schon mal zu hören, ach, ich dachte sie sind behindert“, erzählt Lauer. Als erwarte das Gegenüber die sichtbaren Zeichen einer Behinderung.

Menschen mit sichtbaren Behinderungen werden schnell gefragt, warum sie zum Beispiel im Rollstuhl sitzen. Diese Frage nach einer Diagnose, einer sehr persönlichen Information, sei grenzüberschreitend, sagt Lauer. So vielschichtig wie die sichtbaren Behinderungen sind die Unsichtbaren. Das kann tatsächlich der Diabetes sein, Rheuma, eine schwere Herzkrankheit, eine MS. Oder psychologische Beeinträchtigungen wie Depressionen, Angststörungen und Posttraumatische Belastungsstörung — all diese Erkrankungen können wahrlich behindern. So manche Diagnose ist bis heute mit Vorurteilen behaftet. In der Beratung sprechen Lauer und Plörer offen über ihre Behinderungen.

Lauer und Plörer kennen die Blicke und die Situationen. „Das Gefühl, schon wieder einen Antrag ausfüllen zu müssen, für etwas, was man wirklich dringend braucht.“ Manche Frage gehe über die pure Neugier hinaus. „Wenn eine behinderte Frau ein Kind bekommen möchte, wird nicht selten die Frage gestellt, muss das sein?“ sagt Lauer. Eine Frage, die Menschen mit sichtbaren Behinderungen durchaus gestellt wird. Auch heute noch, wie Lauer leidvoll erfahren musste. Ist eine Frau, die zur Fortbewegung einen Rollstuhl benötigt, eine weniger gute Mutter? Nein, natürlich nicht. Sie wird vielleicht nur Hilfen im Alltag benötigen und dafür ist das EUTB da.

Hier wird für jedes Problem die passende Lösung gesucht. „Jeder Mensch ist anders, das gilt natürlich auch für Menschen mit Behinderung. Da kommen zwei und sitzen beide im Rollstuhl. Das haben sie gemeinsam, doch die Probleme und Wünsche können ganz verschieden sein“, sagt Plörer. „Der eine möchte eigenständig sein Leben führen, möglichst ohne fremde Hilfe und sucht nach Möglichkeiten dafür. Der andere möchte lieber das Rund–um–sorglos–Paket in der Pflegeeinrichtung“, ergänzt Lauer den Gedanken. Das Individuelle fördern, unterstützen und dabei die Selbstbestimmtheit wahren, das ist ihr Ziel. „Eine für alle“ lautet das Prinzip der EUTB. Mit Lauer und Plörer in der Falkenseer Beratungsstelle könnte man auch sagen: Zwei für alle (Fälle).

Termine in der EUTB können telefonisch unter 03322/4227167 oder 0176/76657133, via Fax 03322/4227168 oder per E–Mail an eutb-havelland@behinderte-eltern.de vereinbart werden. Die EUTB–Havelland befindet sich in der Poststraße 22—24 in 14612 Falkensee.