Kindersport
: Ruhelose Rheinsberger Rasselbande

Der Zulauf bei den Jüngsten im Rheinsberger SV ist riesig. Barbara Nieter kämpft sich allein durch den unendlichen Katalog an Fragen der Vorschulkinder.
Von
Matthias Haack
Rheinsberg
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  • Auf den Rutschen platziert: Barbara Nieter schafft es dank ihrer Berufserfahrung als Kindergärtnerin, die Fäden in der Hand zu halten, obwohl sie ganz allein die Vier-bis Sechsjährigen mittwochs anleitet, korrigiert und motiviert. Eine Galerie zum Trainingstag steht auf www.moz.de/regionalsport.

    Auf den Rutschen platziert: Barbara Nieter schafft es dank ihrer Berufserfahrung als Kindergärtnerin, die Fäden in der Hand zu halten, obwohl sie ganz allein die Vier-bis Sechsjährigen mittwochs anleitet, korrigiert und motiviert. Eine Galerie zum Trainingstag steht auf www.moz.de/regionalsport.

    Matthias Haack
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    Matthias Haack
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„Frau Nieter, Frau Nieter, Johanna will reden, sie kann aber nicht.“ Zwei Minuten sind vergangen, seitdem Johanna an ihrer Trinkflasche nippt. Welches Getränk darin ist, will ich wissen. „Apfeltee“, kommt über ihre Lippen. Aha! Sprechen geht also wieder. Johanna ordnet sich wieder ein in ihre Bewegungsgruppe des Rheinsberger Sportvereins (RSV). Weiter geht es in diesem einstündigen Wochenkurs nach der Erwärmung inklusive des beliebten Fangspiels „Herr Polizist“ mit einem fordernden Parcours: Balance, Koordination, Sprungkraft, Mut – Barbara Nieter hat diesen Gerätegarten in der Trinkpause aufgebaut. Was trinkst Du denn?, frage ich eine zweite Johanna, die immer ein Auge auf ihre gleichnamige Freundin hat und sich um deren Gesundheit sorgt. „Wasser“ kommt wie aus der Pistole geschossen. Auch Emba bringt sich ein: „Bei mir ist Brause drin.“

Frau Nieter sieht das nicht so gern. Schokoriegel, Süßigkeiten hat sie verdammt aus ihrem Kurs. Stattdessen gibt es Filinchen, Weintrauben, Rosinen, Banane, Obst. Am Mittwoch tischte sie in der Abschlussrunde nach einer Stunde intensiver Bewegung Äpfel auf. Ihre Tüte war ratzfatz leer. „Das bezahlt der Verein“, erklärt die 67-Jährige. „Sonst schaue ich schon, dass ich ein Angebot im Supermarkt wahrnehme. Derzeit sind die Äpfel ein wenig teurer.“ Dennoch unverzichtbar.

Frau Nieter ist diejenige, die im Auftrag des RSV Vorschulkinder an Sport in der Gemeinschaft heranführt, Koordination übt und Werte vorlebt. „Alles ohne Zwang. Hier sind Kinder, die wollen. Sie können sich austesten, probieren, was gefällt.“ Sechs Jahre alt sind die Ältesten, Mala – die Vieltrinkerin – mit vier Jahren die Jüngste. Zur Gruppe gehören 14. Nur die fünfjährige Mila fehlt diesmal. 13 Kinder, 13 Münder, 26 Ohren, gefühlt 52 Fragen, die Frau Nieter beantworten soll. Beinahe jede(r) erwartet Aufmerksamkeit. Und dies jetzt und gleich. Sie managt das vorzüglich. Zugute „kommt mir, dass ich mein Leben lang Kindergärtnerin war“, bis im November 2012 der Schritt in den Rentneralltag anstand. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits eine Lizenz zur Übungsleiterin. Die erste Übungsstunde gab sie am 5. Mai 2014. In Summe sind das jetzt über zweihundert. In einem Monat dürfte dreimal die Zwei auftauchen. „Ich führe Buch“, gesteht sie. Verlässlich muss es sein. Mittwochs, 16 Uhr, Mehrzwecksporthalle des Bildungskampus. Kind bringen. Kind eine Stunde später abholen. „Eltern als Zuschauer stören nur“, legt sie sich fest. „Sie wissen doch, was geboten wird und wo ihr Kind ist.“ Hubschrauber-Eltern und lehrreiches Austoben – das passt eben nicht zusammen.

Frau Nieter weiß, dass das Angebot des Sportvereins für diese Altersgruppe gefragt ist. Ein Aufnahmestopp musste verhängt werden. Zwölf Kinder seien noch angemessen, dass „wir 14 sind, geht gerade noch, mehr aber nicht.“ Jedenfalls nicht, solange die Trainerin eine Einzelkämpferin ist. Mit offenen Armen wird jeder begrüßt, der ihr an die Seite springt.

Frau Nieter bittet die neun Mädchen und vier Jungs zur nächsten Trinkpause. Sie wissen, was als Abschluss gleich kommt. Die hochgezogene Trennwand gibt jetzt die zweite Hallenhälfte frei. Es wird laut. Auf Rollbrettern sitzend oder liegend wird jeder Quadratmeter genutzt. „Anfangs klappte das nicht“, blickt sie zurück, nun aber haben die Kinder das vielfältig nutzbare Sportgerät für sich und auch Spaß an der Geschwindigkeit entdeckt. Manche genießen ihre Solofahrt. Manche schließen sich zusammen, legen eine blaue Matte drüber und bauen sich ein Piratenbrett. Manche ergänzen das Piratenboot um ein drittes oder gar viertes Brett. Obwohl Wind in der Halle fehlt, flattern die lange Haare. Die Augen sind aufgerissen, der Mund weit offen. Der blanke Spaß.

Frau Nieter fordert ihre Gruppe auf, die Rollbretter abzugeben. Viel zu früh. Widerwillig wird reagiert. Doch die Übungsstunde ist beinahe um. In der Umkleidekabine sind bereits die E-Junioren-Fußballer des FSV Blau-Weiß angekommen. Sie ziehen sich um und werden die Bewegungsgruppe gleich ablösen. Eine kurze Auswertung folgt und natürlich die Überraschung, die keine ist: ein Apfel für den Nachhauseweg. Mala kommt nochmals zu mir. Sie neigt den Kopf und schaut aufs Kinn. Sie mustert mich. Dann schießt es heraus: „Mein Papa hat auch einen grünen Bart.“ Es sei ihr verziehen, grau und grün zu verwechseln.

RheinsbergerBewegungskinder

In der Trainingsgruppe von Barbara Nieter sind derzeit Elsa, Nele, Ella, Leni, zwei Johannas, Mala, Lilly, Emba, Mila sowie Timo, Lennard, Jonas und Thore.⇥maha