Konzert in Neuruppin
: Wie in der Kulturkirche 300 Jahre Johannes-Passion gefeiert wird

1724 wurde Bachs Johannes-Passion in Leipzig uraufgeführt. In Neuruppin haben sich zum Jubiläum zwei Chöre zusammengetan, um das Werk zu stemmen.
Von
Christina Tilmann
Neuruppin
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Der A-Cappella-Chor Neuruppin und der Märkische Jugendchor führen Bachs Johannes-Passion in der Kulturkirche Neuruppin auf

Der A-cappella-Chor Neuruppin und der Märkische Jugendchor führen Bachs Johannes-Passion in der Kulturkirche Neuruppin auf

Eckhard Handke

Das eigentliche Jubiläum haben sie um eine Woche verpasst: Am Karfreitag, den 7. April 1724, wurde in der Thomaskirche in Leipzig Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion erstmals aufgeführt. Der A-cappella-Chor Neuruppin, der sich für solche Festkonzerte regelmäßig mit dem Märkischen Jugendchor zusammentut, beging das Jubiläum nun am Sonntag (14. April) mit einer Aufführung in der Kulturkirche in Neuruppin. Fest steht: Auch zwei Wochen nach Ostern ist die Emotionalität, Dramatik und Modernität der Musik so unmittelbar und aktuell wie immer. Jede Johannes-Passion ist ein Erlebnis ‒ und jede Johannes-Passion ist anders als die anderen.

In Neuruppin sind die Choristen unter Leitung von Nils Jensen insbesondere in den Chorälen so nuanciert, textsicher, geschmeidig zwischen Forte und Piano wechselnd, innig, flehend, verzweifelnd oder hoffnungsvoll, wie man es sich nur wünschen kann. Und sie halten, von dem komplexen Eingangschor „Herr, unser Herrscher“ bis zum berühmten Schlusssatz „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“, den Bogen über Prozess und Passion bis zum Tod so spannungsvoll, dass der abschließende Choral „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ tatsächlich erlösend wirkt und mit dem „Ich will dich preisen ewiglich“ so stolz wie triumphal endet.

Nils Jensen leitet den A-Cappella-Chor seit 2020. Begonnen hat er als Sängerknabe im Staats- und Domchor Berlin.

Nils Jensen leitet den A-cappella-Chor seit 2020. Begonnen hat er als Sängerknabe im Staats- und Domchor Berlin.

Eckhard Handke

Wie theatral Bach das Passionsgeschehen in dieser Passion angelegt hat, wird im raschen Wechsel zwischen Rezitativen, Choreinwürfen und Arien deutlich. Stärker als in der mehr in Arien, Rezitative und Choräle gegliederten Matthäus-Passion fließen hier Chorpassagen und Erzählung ineinander, in einen quasi pausenlosen Dialog. Der selbst im Thomanerchor in Leipzig ausgebildete Christian Pohlers führt als Evangelist nuanciert und extrem textverständlich durch das Geschehen, gestaltet seine Erzählung so dynamisch wie abwechslungsreich und kostet insbesondere die lautmalerischen Elemente, mit denen Bach den weinenden Petrus nach der Verleugnung oder die Geißelung musikalisch gestaltet, stimmlich aus. Ihm zur Seite steht der Bariton Thomas Wittig als Jesus, der auf sonore Stärke und große Würde setzt, und Thomas Bluth als Bass, der zum Beispiel die berühmte Frage des Pilatus „Was ist Wahrheit“ eindrucksvoll in den Raum stellt.

Doch die Stars der Solisten sind die beiden Frauen: Die Griechin Georgia Tryfona lässt in ihren beiden Arien „Ich folge dir gleich mit freudigen Schritten“ und „Zerfließe, mein Herze“ ihren federleichten Sopran quasi engelsgleich erklingen ‒ und findet mit dem dreimaligen „tot, tot, tot“ am Ende der Trauer-Arie eine zu Herzen gehende Dramatik. Und Irene Schneider hat als Altistin mit „Es ist vollbracht“ die schönste Passage und wird vom Cello des Hausorchesters unter der Leitung der Brueder Selke eindringlich begleitet ‒ bis sie die Schlusszeile dann a cappella in den Raum singt. Überhaupt lassen alle Sänger viel Luft für Pausen, Stille, Innehalten ‒ Dynamik, Expressivität und Dramatik des barocken Meisterwerks kommen hervorragend zur Geltung.

Großer Auftritt: Zum 300. Jubiläum der Johannes-Passion gab der A-Cappella-Chor Neuruppin mit dem Märkischen Jugendchor ein Konzert in der Kulturkirche Neuruppin

Großer Auftritt: Zum 300. Jubiläum der Johannes-Passion gab der A-cappella-Chor Neuruppin mit dem Märkischen Jugendchor ein Konzert in der Kulturkirche Neuruppin

Eckhard Handke

Doch es sind die Chorpassagen, die Bachs psychologisch grundierte Musikalität am eindrucksvollsten vorführen. Die Hysterie, mit der die Hohepriester die Kreuzigung fordern oder sich in einer strengen Fuge auf ihr Gesetz berufen, die tänzerische Melodik, mit der Judas und die Schergen Jesus vor der Festnahme befragen, das Schwanken zwischen süßem Wohllaut und hektischer Disharmonie, mit der die Knechte Petrus begegnen, ist komponierte, pure Emotion ‒ und Dirigent Nils Jensen lässt seine Sängerinnen und Sänger genug Raum, die Dynamik auszukosten. Dass da im Eifer des Gefechts manchmal einiges durcheinandergeht, und auch zwischen Orchester und Solisten die Tempi manchmal etwas differieren, sei geschenkt angesichts dieses eindringlichen, dramatischen Konzertabends. Es war ein würdiges Jubiläumskonzert ‒ begeisterter Beifall dankt es allen Mitwirkenden.