Lesung
: Auf den Spuren der Familie

Maxim Leo stellte zum Auftakt des Festivals „Neben der Spur“ Wege und Sehnsüchte seiner einst vor den Nazis aus Deutschland geflüchteten Vorfahren vor.
Von
Holger Rudolph
Neuruppin
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Spurensuche: Schriftsteller Maxim Leo und Moderatorin Shelly Kupferberg unterhielten das Publikum mit der bewegenden Geschichte einer Familie, die vor den Nazis flüchtete.

Holger Rudolph

Der 49-jährige Berliner ist Journalist, und hat sich 2009 bereits mit dem sehr beachteten Buch „Haltet euer Herz bereit, eine ostdeutsche Familiengeschichte“ in der Erinnerung vieler Leser fest verankert. „Wo wir zu Hause sind: Die Geschichte meiner verschwundenen Familie“ heißt sein neues, im Februar 2019 bei Kiepenheuer & Witsch erschienenes Buch. Seine Lesung daraus war der Auftakt des inzwischen sechsten Europäischen Festivals der Reiseliteratur im Rahmen der Fontane-Festspiele. Auch diesmal wurde der Begriff Reiseliteratur weit gefasst. Ging es doch nicht um das  Beschreiben von Routen, sondern vor allem um Leos jüdische und kommunistische Vorfahren, zu deren Nachkommen er durch halb Europa reiste. Mit viel Feingefühl moderiert wurde der Abend durch die Journalistin und Publizistin Shelly Kupferberg.

Echtes Interesse an der eigenen Familiengeschichte habe er erst entwickelt, als er selbst vor zehn Jahren eine Familie gründete, erzählte Leo. Irmgard, Hilde und Ilse, die weiblichen Hauptfiguren seines Buches, leben nicht mehr. Doch er sprach mit seinen Cousins und Cousinen sowie den Enkeln und Enkelinnen der drei Frauen, um zu erfahren, weshalb es sie nach Deutschland zieht, obwohl ihre Vorfahren zur Nazi-Zeit dieses Land verlassen mussten, um nicht ermordet zu werden. Leo studierte Archive und private Dokumente, um Lebensstationen dreier starker Frauen und ihrer Familien nachzuzeichnen.

Die junge Berlinerin Hilde verließ die Schule ohne Abitur, weil ihre Leistungen in Mathematik sehr schlecht waren. Eine große Schauspielerin wollte sie werden, ganz so wie Marlene Dietrich. Der Mutter zuliebe begann sie trotzdem eine Lehre. Nebenher schlich sie sich durch Hintereingänge in Theater, wurde schließlich sogar für ein paar Assistenzen und erste Sprechrollen engagiert. Der Schock dann im Winter 1929: Sie verlor die Stimme.  Wenn jemand sie heilen könne, dann nur der Nervenarzt Fritz Fränkel, wurde ihr empfohlen. Und tatsächlich, schon bald vermochte sie wieder zu sprechen und empfand wenig später eine große Zuneigung zu Fränkel, der wie sie das Theater liebte. Das erste Kind war unterwegs, die beiden heirateten.

Fränkel war auch Suchtmediziner, der die Wirkung der Drogen gemeinsam mit seinem Freund, dem Philosophen Walter Benjamin, gern selbst probierte. Er fühle bei sich kleine Flügel wachsen, protokollierte Benjamin mal im Haschischrausch. Weil Fränkel die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) mitbegründet hatte und Jude war, bekam er es mit der SA zu tun, die Wohnung und Praxis durchsuchte, ihn mitnahm und in mehrtägiger Gefangenschaft misshandelte. Wenige Tage später reiste die Familie aus. Irmgard und ihr Partner Hans, beide jüdische Jura-Studenten, verließen Deutschland 1934, um in einem Kibbuz nahe der Golan-Höhen ein neues Leben beginnen zu können. Allerdings waren die Sitten und Gebräuche dort sehr gewöhnungsbedürftig. Die Kleidung gehörte allen, an jedem Freitag gab es ein Paket mit sauberer Wäsche, die nie richtig passte. Sogar die Unterwäsche war kollektives Eigentum. Kinder wurden die meiste Zeit ohne ihre Eltern im Kinderhaus erzogen. Und doch habe alle der innige Drang verbunden, dass sie nie wieder Opfer sein wollten, schilderte Leo.

Bei seinen Recherchen habe er sehr viel über das eigene Verhältnis zur Familie erfahren, sagte der Schriftsteller. Er könne nur jedem empfehlen, die Familiengeschichte aufzuschreiben.

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Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf.

Infokästen haben ab sofort keinen blauen Punkt vorne, sondern nur einen gefetteten Anlauf. Und am Ende steht ein Kürzel.⇥kürzel