Es war die letzte von zunächst drei Sonntagslesungen, die von den Fontane-Festspielen veranstaltet wurden. In "Alice Littlebird" beschreibt Poppe kindgerecht das Schicksal des gleichnamigen Indianermädchens vom Volk der Cree. Zwangsweise muss das Kind wie alle Cree eine kirchliche Schule mit angeschlossenem Internat besuchen, die Black Lake Residential School. Das Buch entstand 2018 während Poppes fünfmonatiger Zeit als Stadtschreiberin zu Rheinsberg. So sei es kein Wunder, dass auch Wildgänse an mehreren Stellen im Roman auftauchen, erklärte sie. Denn fast täglich habe sie die Graugänse im Schlosspark beobachtet.
Durch Baum geschützt
Die Veranstalter hatten mit dem Platz unter der Eiche die richtige Wahl getroffen. Das Publikum saß angesichts der starken Windböen deutlich geschützter, als wenn wieder wie vor zwei Wochen direkt am Schinkeldenkmal gelesen worden wäre. Die Zuhörer erlebten eine Premiere. Bisher hatte Poppe ihr Buch noch nirgends öffentlich vorstellen können. Alle geplant gewesenen Lesungen wurden von den Veranstaltern wegen der Coronakrise abgesagt. Und auch von ihr angesprochene Zeitungen seien wegen der derzeitigen Situation nicht bereit gewesen, eine Rezension zu veröffentlichen. Manche Tageszeitungen hätten derzeit nicht einmal eine Kulturseite.
Poppe las vom Ankommen der neunjährigen Alice in der von kirchlichen Schwestern geführten Schule, deren Internat eher einem Gefängnis glich. Die Kinder weinten. Nicht nur wegen der Trennung von den Eltern, sondern auch, weil ihnen das lange schwarze Haar abgeschnitten wurde und sie wie Sachen statt Menschen behandelt wurden. Dazu gehörte auch, dass sie ihre Namen verloren und zu Nummern wurden, aus Alice wurde die 47. Liedermacher Detlef Jablonski unterhielt die Zuhörer in den Lesepausen mit Gitarre und Trommel. Es waren ursprüngliche Klänge, die sehr gut zu dem im Buch beschriebenen Thema passen.
Mit ihrem Bruder, der schon zwei Jahre länger in der unheilvollen Schule war, floh das Mädchen auf eine Insel. Doch der Bruder wurde gefasst, weil er die Insel nochmals verließ, um Spuren zu verwischen. Die Neunjährige überlebte, nicht zuletzt weil sie auf ein ebenfalls geflüchtetes Mädchen traf. Alles wolle sie natürlich nicht verraten, sagte die Autorin und empfahl, das Buch zu lesen. Es eigne sich auch für Erwachsene.
An die Lesung schloss sich eine Fragerunde an. Dass es nur fünf Monate gedauert habe, das Buch zu schreiben, liege wohl auch an der guten Luft und der schönen Natur sowie den freundlichen Menschen in Rheinsberg, stellte Poppe fest. Gefragt, ob es in Kanada auch heute noch solche Umerziehungsanstalten gibt, antwortete Poppe, dass die letzte 1996 geschlossen worden sei. Viel zu spät zwar, doch arbeite der kanadische Staat das massenhaft erlittene Unheil zumindest ernsthaft auf. Ganz anders als die USA, in denen es ebenfalls derartige Einrichtungen gab. Nicht zu vergessen die Jugendwerkhöfe in der DDR, mit denen Poppe sich bereits in ihrem Roman "Weggesperrt" beschäftigt hatte. Leider seien Menschenrechtsverletzungen in vielen Ländern der Erde für die deutsche Politik fast nie ein Thema, beantwortete die Schriftstellerin eine Frage aus dem Publikum. Ein Umdenken sei nötig.