Literatur: Das Abenteuer in der Normalität
Soweit nichts Herausragendes. Welcher Fontane-Fan würde das nicht machen? Aber: Pollmers Buch schaffte es ganz allein bis zu mir. Kein dicker Umschlag mit einem Flehschreiben von einem Verlag, diesem Werk doch ein paar Zeilen zu widmen. „Das wird dir sehr gefallen“, war zudem noch das Versprechen derjenigen, die Pollmers Buch bei einer Lesung für mich gekauft hat, bei der er es auch mit dem Spruch seiner Wahl „Für meine geheime Liebe Coco in Neuruppin“ signiert hat.
Meine Neugier ist geweckt. Coco ist kein Name, der oft in Neuruppin vergeben wurde. Ich kenne nur eine. Sollte es die gleiche sein? Das erste Durchblättern überrascht. Noch mehr bekannte Namen: Knesebeck, Bandilla, Rieger, Hakenberg, Schniepa, Königshorst, Lindenallee, Matthus ... Es ist, als knipst man den Fernseher an und stellt fest: Der Film, der läuft, wurde vor meiner Haustür gedreht.
„Der Jungsche? Der auf Fontanes Wegen wandern wollte? Ja, der war hier“, sagt der Fehrbelliner Schniepa, der eine lokale Berühmtheit ist und dem Pollmer gleich mehrere Seiten gewidmet hat. „Ja, der hat hier so viel erlebt. Der hat jesacht, er brauch’ dann erstma zwee Tage, um dit allet zu verdauen“, erzählt mit etwas Stolz der 58-Jährige, der das Truck-Center betreibt – den Ort, in dem schon vor 6 Uhr gefrühstückt wird, tagsüber mehr als 100 Mittagessen über den Tisch gehen, Lkw-Fahrer und Bauarbeiter duschen, essen und auch nächtigen. „Er redet und redet und redet und wenn er kurz mal nicht redet, dann grinst er, durchaus gewinnend“, schreibt Pollmer über den Mann, der nie um ein Wort verlegen und ein Meister im Fach des rasanten Themenwechsels ist. Zusammen haben sie ein paar Tage verbracht, die im Buch nachzulesen sind und im Kopf des Autors wohl noch über Jahre nachhallen werden.
„Ich war noch nie in meinem Leben Fallschirmspringen." Dank dieses unüberlegten Satzes ist Pollmer in Fehrbellin vom Himmel gefallen. Denn Schniepa hat ihn gehört. „Ob ick Spanferkel mache? Nee, dit machen die Schweine schon selba. Ick tu die bloß braten tun“, sagt Schniepa bei einem Anruf. Weil er auch einen Cateringservice hat, ist er in der Region bekannt wie ein bunter Hund. Die Fallschrimspringer kennen ihn ebenfalls. Beide erleben den Tandemsprung, den Pollmer im Buch beschreibt, mit einigen Sorgen garniert. Für Schniepa, der laut Pollmers Zeilen auf eine Art körpereigenes Ecstasy ist, war das kein Problem. „Mit mir springt nicht jeder. Da weijern sich einige, weil ick och beim Tandem Überschläge machen will“, erzählt der 58-Jährige.
„Es ist immer noch vor 5.30 Uhr und wir sprechen bei Kippen und Kaffee: über Sex. Wie genau es dazu gekommen ist, habe ich in der Sekunde des Augenblicks selbst schon wieder vergessen, und natürlich besteht auch dieses Gespräch darin, dass Schniepa spricht und ich zuhöre“, notierte Pollmer. „Wir sind hier eben sehr direkt“, sagt Schniepa, der mir auch damit droht, mich den Hunden vorzuwerfen, wenn ich ihn noch einmal sieze. Da er Kampfhunde haben könnte, reiße ich mich zusammen. Zum Glück präsentiert er mir später nur zwei niedliche Welpen.
Seinen richtigen Namen verrät der Fehrbelliner übrigens nie: „Alle nennen mich Schniepa. Ick unterschreibe auch so. Mein Anwalt hat jesacht, dit is keen Problem, so lange ick damit niemanden schaden tue“. Als seine Mutter im Truck-Center mal am Telefon nach ihm mit seinem bürgerlichen Namen gefragt habe, sei seine Kollegin zwei Minuten mit dem Telefon herumgelaufen, weil sie nicht wusste, wer gemeint war: „Ick bin eben nur Schniepa!“ Auf den Autoren hat diese Bekanntschaft Eindruck hinterlassen. Das kommt aus jeder Zeile heraus. Ein wenig Fontane gab es dann auch noch, als beide gemeinsam auf die Hakenberger Säule kletterten, die der Schriftsteller natürlich einst ebenfalls besucht hat.
Schniepa und Verleger Günter Rieger (Bild rechts) aus Karwe trennen im echten Leben wahrscheinlich Welten, im Buch aber nur ein paar Seiten. Das volle Programm Fontane holte sich Pollmer bei einer von Rieger geführten Busfahrt bis nach Ribbeck und zurück, bei der der Autor in der beigefarbenen Gemeinde vielleicht der Jüngste war. Günter Rieger ist „in der großen Freikirche der Fontanisten eine Berühmtheit und Koryphäe, er ist ohne jede Übertreibung, eine Art Papst ohne Purpur und ihn werk- und ortskundig zu nennen, wäre eine dramatische Untertreibung“, meint der Autor. Für Schauspieler und Regisseur Frank Matthus (Bild links) aus Netzeband hat Pollmer viele Seiten später ebenfalls eine nette Beschreibung parat, nachdem er ihn auf dem Schulplatz entdeckt hatte: „Matthus steht da in Schwarz, ein Nick Cave von Neuruppin, ein Alchemist des darstellenden Spiels.“
Als der Schriftsteller sich mit Krafft Freiherr von dem Knesebeck trifft, steckt dem Autor noch der Aufenthalt in Fehrbellin in den Knochen. „Auf das Treffen mit Knesebeck freue ich mich schon deswegen, weil ich in den Tagen bei Schniepa etwas verloren habe, nämlich die höfliche Form der Anrede. Käme mir heute auf dem Weg die Kanzlerin entgegen oder eine richtige Außerirdische, ich wüsste nicht, was ich sagten sollte, aber duzen würde ich sie auf jeden Fall.“
Natürlich beschreibt Pollmer nicht nur seine Begegnungen ausführlich – oft mit einem Augenzwinkern. Er erkundet wie Fontane die Region auch zu Fuß und er wirft dabei nicht nur einen Blick auf Landschaften und historische Gebäude: „In der Linden-allee scheint eine Art Neuruppiner Grunewald herangewachsen zu sein, lauter ehrbare Adressen mit so streng gepflegten Häusern und Vorgärten, wie sie in Biografien vorkommen, die man als gelungen bezeichnet“, findet der Autor. Und: „Besitzschwere und Verlustangst, auch das strahlen diese Häuser aus und ohne beides ist großer materieller Wohlstand offenbar nur selten zu haben.“
Am Ende seiner Wanderung fällt Pollmer kein Urteil: „Ich gehe randvoll mit Eindrücken und Erinnerungen und Gefühlen nach Hause und bin im Grunde nur noch mehr fasziniert davon, wie unterschiedlich je nach Leben Normalität aussehen und definiert werden kann und wie endlos viel in der unterschiedlichen Normalität pausenlos geschieht.“
Und Coco? Die Frage, die die Widmung aufgeworfen hat, löst sich auf Seite 228 – sogar wie erwartet. Denn es kann nur eine geben: Coco ist ein Hund, ein weißer Bichon Frisé, der häufiger im Neuruppiner Stadtzentrum anzutreffen ist – und Coco ist gar nicht handgestrickt, auch wenn ihre Besitzerin das gerne mit einem Augenzwinkern behauptet.




