Mauerfall
: Nach der Grenzöffnung bildeten sich in Neuruppin lange Schlangen bei der Polizei und vor der Staatsbank

Am Tag nach der Öffnung der Grenzen standen hunderte Menschen in Neuruppin an, um Geld und Visumsstempel zu erhalten, um nach West-Berlin fahren zu können.
Von
Eckhard Handke
Neuruppin
Jetzt in der App anhören
  • Warten mit Animation: Die Mitglieder des Neuruppiner Carneval Clubs unterhielten am 11. November bei ihrem traditionellen Umzug durch die Stadt die Wartenden vor dem Volkspolizeikreisamt, dem heutigen Amtsgerichtsgebäude, in der Karl-Marx-Straße.

    Warten mit Animation: Die Mitglieder des Neuruppiner Carneval Clubs unterhielten am 11. November bei ihrem traditionellen Umzug durch die Stadt die Wartenden vor dem Volkspolizeikreisamt, dem heutigen Amtsgerichtsgebäude, in der Karl-Marx-Straße.

    Eckhard Handke
  • Schlüsselübergabe am Rathaus am 11.11.1989

 Am 11.11.1989 fand die Schlüsselübergabe des neuruppiner Bürgermeisters Frank an den Carnevals Club NCC statt.

    Schlüsselübergabe am Rathaus am 11.11.1989 Am 11.11.1989 fand die Schlüsselübergabe des neuruppiner Bürgermeisters Frank an den Carnevals Club NCC statt.

    privat
  • Lange Schlangen am 11. November 1989 vor der Staatsbank der DDR in Neuruppin.

    Lange Schlangen am 11. November 1989 vor der Staatsbank der DDR in Neuruppin.

    Eckhard Handke
  • Visum im Visier: Die Mitarbeiter des VPKA fertigten bis in die Nacht hinein die Reiseanträge ab. Sogar am Sonntag, 12. November 1989, öffneten das Amt seine Türen.

    Visum im Visier: Die Mitarbeiter des VPKA fertigten bis in die Nacht hinein die Reiseanträge ab. Sogar am Sonntag, 12. November 1989, öffneten das Amt seine Türen.

    Eckhard Handke
1 / 4

Auch in Neuruppin war das Ereignis in den folgenden Tagen spürbar. In der Karl-Marx-Straße vor dem Volkspolizeikreisamt (VPKA), dem heutigen Amtsgericht, und der Staatsbank der DDR, im jetzigen RA-Redaktionsgebäude, bildeten sich am Tag nach der Grenzöffnung lange Schlangen. Aber wer so viele Jahre darauf gehofft  hatte, in den Westen reisen zu können, der nahm auch dieses letztmalige Schlangestehen  in Kauf, um den ersehnten Visums-Stempel für den Personalausweis zu erhalten. „Wir waren das Schlangestehen ja gewohnt“, scherzt Konrad Wendorf.

Diejenigen, die sich nicht gleich am Abend des 9. November nach Berlin aufgemacht hatten, standen jetzt vor dem VPKA. „Wir sind alle zur Polizei, um endlich ´rüberfahren zu können“, erinnert sich der Neuruppiner. Er selbst fuhr mit Frau und seinen acht- und zehnjährigen Kindern erst am Montag, 13. November, nach Berlin. „An dem Tag ging vermutlich keiner zur Schule. Mit dem Bus ging es nach Pankow und dann mit der S-Bahn in die Stadt.“ Ziel war das Kaufhaus des Westens (KaDeWe). Vorher wurden noch das Begrüßungsgeld, 100 D-Mark pro Person, abgeholt.  „Aber wir haben so wenig wie möglich ausgegeben. Die Kinder wollten Cola trinken. Außerdem bekamen sie eine kleine Alf-Figur. Die gibt es heute noch“, verrät lachend Konrad Wendorf, der zudem Mitglied im Neuruppiner Carnevals Club (NCC) ist. Das war er auch schon 1989.

Damals stand er am 11. November mit seinen Kollegen vom NCC trotz der historischen Ereignisse am Neuruppiner Rathaus. Dort nahm der Vorsitzende Uwe Petersen pünktlich um 11.11 Uhr von Bürgermeister Reiner Frank den Schlüssel zur Stadt in Empfang. Zuvor waren die Narren des NCC wie jedes Jahr durch die Stadt gezogen. Begleitet wurde der Elferrat und das Prinzenpaar Anette I. und Ralf I. von der Funkengarde und einem Akkordeonspieler. Vorbei ging es an der Staatsbank der DDR, wo noch immer viele Bürger standen, um die erlaubten 15 Mark in Westgeld umzutauschen. Auch am VPKA war die Visums-Schlange noch lang. Sogar die Straße war in diesen Bereich für den Durchgangsverkehr gesperrt worden. Mit dem für diesen Tag wie geschaffenem Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ unterhielt der NCC die Wartenden. Wendorf: "Alle waren gut gelaunt und freuten sich über unsere Einlage.“

Für die Session 1989/90  lautete das Motto der Karnevalisten „Fünf Jahre NCC-Hurra, wir sind noch da“. Die Festveranstaltung am Abend des 11. November im Neuruppiner Puschkinhaus war ausverkauft.  "Aber der Saal blieb halbleer“, erzählt der Neuruppiner. Auch in der Kapelle fehlten wichtige Instrumente. Kurzfristig sprang ein DJ ein. „Wir haben die Veranstaltung durchgezogen, denn unser Motto ist: Wenn einer drinsitzt, spielen wir.“