Medizin
: Ein Jahr gibt es das Adipositaszentrum Neuruppin

Seit einem Jahr gibt es an den Ruppiner Kliniken in Neuruppin das Adipositaszentrum, an dem Menschen mit starkem Übergewicht interdisziplinär betreut werden.
Von
Ulrike Gawande
Neuruppin
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Ein eingespieltes Team: Zum Adipositaszentrum Neuruppin der Ruppiner Kliniken gehören der Chirurg Dr. Henry Kusian, die Ernährungsberaterin und Koordinatorin Meike Herkner und der Internist Dr. Ulf Elbelt (von links).

Ulrike Gawande

Bei Menschen mit starker Adipositas oder Begleiterkrankungen wie Diabetes kann auch eine Operation, beispielsweise eine Magenverkleinerung helfen, um in kurzer Zeit viel Gewicht zu verlieren. Solche bariatrischen Operationen seien auch schon vor der Gründung des Adipositaszentrums durchgeführt worden, berichtet der Internist Dr. Ulf Elbelt. „Aber erst vor einem Jahr haben wir uns als Team gefunden.“

Interdisziplinäre Betreuung

Diese interdisziplinäre Betreuung der Patienten sei auch notwendig, da zum einen vor einer möglichen Operation mehrere Untersuchungen und Gutachten notwendig seien und zum anderen für die Patienten eine lebenslange Nachsorge gewährleistet sein muss, erklärt Dr. Ulf Elbelt. Ursprünglich sei für dieses Jahr eine Zertifizierung des Zentrums angestrebt worden. Doch die Corona-Krise habe sie in diesem Vorhaben deutlich zurückgeworfen, da die Operationen wie viele andere auch zurückgestellt wurden, weil sie nicht als lebensnotwendig zählten.

Doch nun laufen diese wieder an. Ziel sei es, wöchentlich einen solcher Eingriffe durchzuführen, zu denen beispielsweise die Schlauchmagen-Operation oder der Magen-Bypass gehören. Einmal im Monat findet eine Informationsveranstaltung statt, bei der die Beteiligten der medizinischen Fachabteilungen die verschiedenen Möglichkeiten der Gewichtsabnahme in den Kliniken aufzeigen. Doch auch diese Treffen mussten in den letzten Monaten wegen der Pandemie ausfallen. Am gestrigen Montag fand wieder das erste Treffen statt, an dem wegen der derzeit geltenden Abstands- und Hygieneregeln nur acht Personen teilnehmen konnten.

Häufiger betroffen von Adipositas seien Männer, berichtet Dr. Ulf Elbelt. Doch öfter in die Sprechstunde kämen Frauen, so der Internist. Bei Frauen sei das soziale Stigma größer, berichtet er. Ihm ist es wichtig zu betonen, dass Adipositas nicht, wie es oft suggeriert werde, aus einem Fehlverhalten resultiere, sondern eine chronische Erkrankung sei. Er wünscht sich, dass dieser Makel fällt, unter dem viele Betroffene sehr zu leiden haben. „Da der Körper immer zum höchsten Gewicht strebt, ist die Krankheit schwer zu behandeln“, so Elbelt.

Aus diesem Grund sieht er auch die für die Krankenkasse zu erbringenden Nachweise, die nötig sind, damit eine bariatrische Operation genehmigt wird, mit gemischten Gefühlen. Bei keiner anderen Operation gebe es eine solche Vorgehensweise. „Da hat Adipositas einen Sonderstatus. Für die Betroffenen ist das eine Hürde“, so der Mediziner. Auf der anderen Seite sieht er die geforderten Gutachten auch als eine Art Qualitätskontrolle, mithilfe derer den Patienten nicht nur eine gute Operation, sondern auch eine qualitativ hochwertige Nachsorge garantiert werde. Das sei bei Operationen im Ausland nicht gewährleistet.

Langer Weg bis zur OP

Doch der Weg bis zu einem solchen Eingriff ist lang, berichtet Dr. Henry Kusian, der als Chirurg zum Team des Adipositaszentrums gehört. „Die Informationsveranstaltung dient lediglich der Information, dass man sich mit dem Thema beschäftigt.“ Zu einer Operation werde niemand gedrängt. „Es muss ein starker Patientenwunsch sein“, bestätigt Elbelt. Zumal der Patient ein eigenes Motivationsschreiben für die Krankenkasse verfassen muss. Damit auch aus medizinischer Sicht nichts gegen den Eingriff spricht, bietet das Zentrum in Neuruppin eine umfassende Begutachtung an. Denn andere Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden, so Elbelt. Zudem muss der Betroffene nachweisen, das sämtliche konservativen Methoden zur Gewichtsreduktion über Bewegungstherapien und Ernährungsberatung keinen Erfolg gebracht haben.

Denn die Ausprägung einer Adipositas resultiert nicht nur aus dem Ernährungs- und Bewegungsverhalten, sondern wird auch durch die Umwelt und genetische Faktoren bestimmt und kann durch hormonelle Störungen, Medikamente und Begleiterkrankungen maßgeblich beeinflusst werden. Die Folgen sind oft gravierend, weshalb auch ein Psychologe mit zum Team des Zentrums gehört. So leiden die Patienten oft nicht nur unter Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck sowie schweren Erkrankungen des Herzens und der Lunge, sondern vor allem unter sozialer Ausgrenzung, da die Adipositas den Alltag erschwert.

Deshalb sei das Zentrum der Ruppiner Kliniken von Vorteil, so Dr. Henry Kusian. „Wir sind hier ziemlich verwoben und arbeiten eng zusammen mit flachen Hierarchien.“ Das Wort Zentrum sei hier nicht nur eine Worthülse, betont der Chirurg. So können auch die Patienten aufgefangen werden, bei denen sich mehrere Jahre nach der Operation das Gewicht wieder leicht erhöhe. Doch selten nehmen sie wieder so zu wie vor dem Eingriff. Kusian vergleicht deshalb die bariatrischen Operationen mit einem Resetknopf, bei dem der Patient quasi eine Gewichtsstufe tiefer, durchschnittlich mit rund 30 Prozent weniger bezogen auf das Ausgangsgewicht neu starte. Langzeitstudien in Schweden hätten ergeben, berichtet Dr. Henry Kusian, dass eine Kontrollgruppe, trotz aller Anstrengungen mit konservativen Methoden, im selben Zeitraum beim Ausgangsgewicht oder darüber geblieben sei.

Voraussetzungen für Operationen

Eine bariatrische Operation ist möglich bei einem Body-Mass-Index über 40 oder 35, wenn Begleiterkrankungen vorliegen. Außerdem muss das Übergewicht seit mehr als drei Jahren bestehen.

Das biologische Lebensalter muss zwischen 18 und 65 liegen und die nicht operativen Methoden müssen ausgeschöpft sein. Des weiteren darf der Patient keine Psychosen, Depression oder Suchtsymptomatik haben.

Das Adipositaszentrum ist montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr unter 03391 393212 zu erreichen.