Motorsport
: Ein Herzberger sorgt nach einem ungewöhnlichen Boxenstopp für Furore

Der Herzberger Michael Rimpau wechselt vom Rennwagen aufs Pferd und wieder zurück.
Von
Matthias Haack
Herzberg/Lindow
Jetzt in der App anhören
  • Elektro-Antrieb: Michael Rimpau wird vermutlich diesen Peugeot zum Stadtslalom lenken. Die Ruppiner Rennsportgemeinschaft plant den beliebten Cup für Sonnabend, 3. Oktober.

    Elektro-Antrieb: Michael Rimpau wird vermutlich diesen Peugeot zum Stadtslalom lenken. Die Ruppiner Rennsportgemeinschaft plant den beliebten Cup für Sonnabend, 3. Oktober.

    Matthias Haack
  • 360 PS unter der Haube: Michael Rimpau frisierte den BMW im Winter auf. Inzwischen hat dieser erheblich an Gewicht verloren und an Kraft gewonnen.

    360 PS unter der Haube: Michael Rimpau frisierte den BMW im Winter auf. Inzwischen hat dieser erheblich an Gewicht verloren und an Kraft gewonnen.

    Michael Rimpau
  • neu_200819-Motorsport96 Motorsport Michael Rimpau aus Herzberg Slalomfahrer

    neu_200819-Motorsport96 Motorsport Michael Rimpau aus Herzberg Slalomfahrer

    Matthias Haack
1 / 3

60 Jahre ist er Mitte Juli geworden, ein alter Hase im Motorsport, der mit Rallye und Autocross angefangen hat. „Mit 18 hatte ich einen Ford Escort“, blickt Rimpau auf den ersten Wagen zurück. „Knochen“ nannte man diesen Ford. In Hannover wuchs er auf, wurde Karosseriebauer, später Meister. Anfang der 1990er–Jahre kam er der Liebe wegen ins Brandenburgische nach Herzberg. Sein Herz hatte Birgid erobert.

Er zog allerdings vor drei Jahrzehnten den Zündschlüssel für seinen Sport ab, fand dann aber 2006 mehr und mehr Gefallen am Hobby seiner Frau. Birgid reitet. Das Westernreiten hat es ihr angetan. Für Michael Rimpau sind es fortan statt 160 Pferdestärken nur noch eine. In Brunne fanden beide ihre gemeinsame Aufgabe, das gemeinsame Genießen, das gemeinsame Aufblühen. Bis zur Deutschen Meisterschaft führt der Weg Michael Rimpau und seinen Hengst „Achtung Baybe“. „Vorher hatte ich noch nie auf einem Pferd gesessen“, setzt er ein Lächeln auf. „In Brunne hatte ich ein sehr gutes Pferd und auch einen sehr guten Trainer.“

Es lief glänzend, bis er eines Tages an einem Artikel in der Tageszeitung kleben blieb. Im September 2016 wies die Sport­redaktion des Ruppiner Anzeigers auf ein außergewöhnliches Event der Ruppiner Rennsportgemeinschaft (RSG) hin. Rimpaus alte Liebe flammte auf. „Ich las, dass die RSG einen Slalom auflegen will. Das ist mein Ding, ich fahre da mit.“ Gesagt, getan. Michael Rimpau beendete das Debüt im Wagen seiner in Berlin ansässigen Firma, ein Opel Adam, sogar im ersten Lauf als Bester. Für den zweiten Teil des Tages saß er hinterm Lenkrad eines Range Rovers. Wieder ließ er die Konkurrenz hinter sich und gewann damit den Premieren–Slalom der RSG. Klar, dass der sportliche Erfolg Appetit auf mehr machte.

Birgid bemerkte natürlich, dass es ihrem Mann in den Fingern juckte. Sie riet ihm zur Rückkehr in den Motorsport. Beide trennten sich vom Amerikanischen Arbeitspferd, inzwischen zwölf Jahre alt. „Schmerzhaft, aber nötig“, gesteht er. Michael Rimpau erwarb einen BMW Compact 318ti, 1,9–Liter–Motor und damit 159 PS mehr als „Achtung Baybe“. Er schraubte in der Freizeit, in Wochen und Monaten und startete in der ersten Rennsaison in der Klasse F, also Fahrzeuge mit Straßenzulassung, jedoch leicht verbessert. „Der BMW war ganz nackt“, schmunzelt Birgid Rimpau über die heiße Umbauphase, die den Winter 2017/18 prägte. Neue Karosse, neuer Motor, jetzt 2,8 Liter Hubraum und 250 PS.

In die zweite Saison ging es schon in der Klasse H, stark verbessertes Fahrzeug, jedoch ohne Straßenzulassung. Metall war fast durchweg verschwunden und in der Karosse durch Plastik ersetzt. Himmel ab, Sitze raus. Birgid Rimpau mit einem schelmischen Unterton: „Der Wagen wurde immer hässlicher.“ Aber leichter. Der Karosseriebaumeister reduzierte das Gewicht von anfangs 1 400 Kilogramm auf 900. Er wurde im Jahr 2018 mit dem gravierend umgebauten BMW 318 Vizemeister Berlin/Brandenburg. Ein Jahr später setzte sich Daniel Götsch im Mini–Cooper vor den Herzberger. Erneut Zweiter, das wurmte. Er manifestiert seine Einstellung zum Erfolg: „Zweimal Vize, das ist schön. (kurze Pause) Meister ist aber besser.“ Mit dem Jahreswechsel 2019/2020 wurde der Wagen getauscht. Sein erster BMW fand einen Liebhaber in Osterreich.

Seitdem schlägt das Herz für einen M3. Ebenfalls ein BMW. Aber ein spezieller — ein Frick E36 aus der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft. Sechs Zylinder, 360 PS, ultrahart gefedert, kein Daumenbreit Luft zwischen Radkasten und Reifen. „Ich wollte den M3 im Winter und Frühjahr in Ruhe aufbauen.“ Ziel war, ihn in dieser Saison an den Start zu bringen. Corona kam zunächst dazwischen.

Seine Neugier auf die frische Wendigkeit des M3 wuchs. Nur war ja weiterhin die Rote Flagge vom Verband gehisst, wonach alles Große auf Eis gelegt ist. Im Juni schob Michael Rimpau jedoch ein selbst initiiertes Slalom–Trainingsrennen, ein Trackday, auf der Kart–Bahn in Templin an. ADAC und RSG dockten an. Gemeinsam setzten die Protagonisten erste motorsportliche Marker nach Lockern der Corona–Beschränkungen. Kurz darauf folgte die zweite Herausforderung: Aus der zweimal zu durchfahrenden Drei–Kilometer–Runde in Oschersleben kam Michael Rimpau als Vierter. „Ich habe noch 400 Kilogramm zuviel“, analysiert er. Das Gefühl für die ganz schweren Wagen kennt er spätestens seit dem Ausflug in die Rallyeszene. Denn bei der Fontane–Rallye im März 2020 hatte er den 2er–Volvo der RSG als Vorab–Fahrzeug gelenkt. Dennis Halgasch aus Oranienburg saß neben ihm. „Oh, das hat Spaß gemacht“, strahlt Rimpau. Mit seinem Co–Piloten brachte er den markant orangefarbenen Schweden gekonnt durch die Wertungsprüfungen. Das gelang den beiden anderen Null–Fahrzeugen nicht.

Rimpau ist jedoch kein Freund des Extremtempos und schon gar nicht hoher Risikobereitschaft, weder in seinem umgebauten, blauen Schmuckkästen, noch im Straßenverkehr. Unfallfrei ist er auch deshalb, weil „ich permanent beim Beobachten der anderen bin. Ich denke voraus, was passieren könnte“, fasst er sein Rezept für entspanntes Rollen auf öffentlichem Asphalt zusammen. „Mein Hobby schult mich für den Straßenverkehr, vor allem die Reflexe. Muss ich im Slalom völlig exakt fahren, so geht es bei der Rallye auch ums Querstellen. Da benötigt man ein total anderes Gefühl fürs Auto.“ Und noch einen Unterschied erwähnt er: „Rallye geht verdammt aufs Material“.

Sein Herz schlägt nämlich für die aufblühende E–Szene, verrät er. Er plant, beim diesjährigen Stadt–Slalom der RSG mit dem elektrogetriebenen Peugeot 208 anzutreten. Der kleine Franzose wird vom Autohaus Kelch gesponsert. Der für jedermann offene Cup an der Wittstocker Allee wird vermutlich terminlich um ein paar Tage nach hinten verschoben: Angedacht ist nun Samstag, 3. Oktober.

Bereits am kommenden Wochenende ist ein Renntag in Neuhardenberg vorgesehen. Fünf Starts hat er sich vorgenommen, um Punkte für die abgespeckte, jedoch nicht ausgesetzte Landesmeisterschaft zu sammeln. Ende August wird der so glänzend eingeschlagene Trackday ein zweites Mal in Templin aufgelegt. Auch sind noch Rennen in Groß Dölln und Oschersleben im Termin Kalender vorgesehen.

Einen Blick in seine Garage gewährt Michael Rimpau zum Abschluss unseres Gespräches. Eine Fülle an Pokalen unterstreicht, dass er ein Meister seines Fachs war und ist. Ein ehrgeiziger. Daher „würde ich mich nie über einen vierten Platz freuen. Für dieses seltsame Jahr ist das aber ganz okay.“