Naturschutz: Drei junge Fischadler in Lindow
Vermessen und Beringen
Vorsichtig wird dann der Sack auf den Boden herabgelassen, wo er von dem Lindower Jagdpächter Gunter Genge und Peter Groß, der seit Jahren die Tiere vor seiner Haustür beobachtet, entgegengenommen wird. Doch den Jungtieren soll keineswegs Schaden zugefügt werden, sondern sie sollen vermessen, gewogen, fotografiert und beringt werden. Bei dieser ehrenamtlichen Aufgabe im Auftrag des Landesumweltamtes sind Maximilian Bona, der oben auf dem Mast auf die Rückkehr der Tiere wartet, und Henry Lange, der schon zu DDR–Zeiten für den Naturschutz im Einsatz war, ein eingespieltes Team. An diesem Tag ist es bereits ihr vierter Einsatz im Landkreis, bei dem sie Mäusebussarde, Milane, Baumfalken, Sperber oder Seeadler beringen. Während der eine die Tiere aus den Nestern holt, erhebt der andere die Daten.
Maximilian Bona ist schwindelfrei. „Ich habe bei meiner Ausbildung zum Forstwirt einen Kletterkurs absolviert“, berichtet der 31–Jährige, der hauptberuflich als Gärtner arbeitet. Zapfenpflücker hieß der Lehrgang an der Berufsschule, in der ein Lehrer den Kontakt zu Henry Lange herstellte, der sich selbst auf Greifvögel und Eulen spezialisiert hat. Seit zwölf Jahren tourt das Team nach Feierabend durch den Landkreis. In den Sommermonaten ist Hochsaison, wenn die Jungtiere in den Nestern und Horsten beringt werden müssen. Aber auch in den übrigen Monaten kümmern sich Lange und Bona um die Tiere. Sie richten beispielsweise die Horste, damit sich die Zugvögel nach ihrer Rückkehr aus südlichen Gefilden animiert fühlen, dort zu nisten. „In Brandenburg gibt es deutschlandweit die meisten Fischadler“, berichtet Henry Lange. „2019 gab es 380 besetzte Horste.“ An zweiter Stelle folgt bei der Fischadler–Population Mecklenburg–Vorpommern.
Im Landkreis Ostprignitz–Ruppin gibt es maximal 40 belegte Horste, weiß Henry Lange, der früher als Bauleiter im Heizungs– und Sanitärbereich gearbeitet hat, jetzt aber Rentner ist. „Die Zahl stagniert und ist regional sogar leicht rückläufig.“ Ursache dafür sei nicht der Mangel an Futter, sondern die Unruhe im Wald durch ganzjährigen Forstbetrieb und andere Arbeiten. Im Wald befinden sich in den hohen Kronen der Bäume eigentlich die natürlichen Nistmöglichkeiten der Fischadler. Um den Bestand zu halten, sind deshalb alternative Horste wie auf dem Lindower Strommast eine gute Alternative. Bis vor einigen Jahren wurde der Strommast noch genutzt, dann sollte er abgerissen werden, berichtet Peter Groß, der die Fischadler täglich im Blick hat. Gemeinsam mit dem Netzbetreiber sei entschieden worden, zwei Masten stehen zu lassen: einen für den Horst, den anderen, damit dort die Fischadler ihre Nahrung vorbereiten können.
Hauptsächlich ernähren sich die Vögel von Weißfisch wie Plötze, Blei und Güster, der im nahen Gudelacksee ebenso zu finden ist wie im Vielitz– oder Wutzsee. Aber auch Karpfen, Hechte oder Forellen werden nicht verschmäht. In Wulkow bei Kyritz brüte auch ein Fischadlerpaar, berichtet Henry Lange, das zur Nahrungssuche bis zu acht Kilometer zurücklegen muss. Im Schnitt seien die gefangenen Fische der Fischadler zwischen 200 und 300 Gramm schwer, so Lange. Mit den Fischen erhalten die Jungtiere auch genügend Feuchtigkeit, so dass ihnen die Trockenheit und Wärme im Nest nicht so viel ausmacht. Nach einer Brutzeit von 35 Tagen liegen die Fischadlerpaare zwischen einem und drei Eiern. Die Jungtiere sind nach vier Wochen flügge und halten sich aber noch ebenso lange im Umfeld auf, bevor es gen Süden nach Italien, Spanien oder Nordafrika geht. „Als erstes fliegt das Weibchen. Der Vater versorgt weiter die Jungen, aber auf den Zugweg finden sie alleine“, erklärt der Fachmann. 2020 wurde ein Fischadler, der 2013 im Landkreis beringt wurde, in Mali geschossen, weiß Henry Lange zu berichten. Ein anderer aus dem Jahr 2016 wurde zwei Jahre später in Marokko gesichtet.
Zwei Ringe für die Vögel
Möglich machen solche Rückverfolgungen die Ringe, die Henry Lange den Vögeln nun an ihre Füße clippst. Der metallene Ring gehört zur Beringungszentrale auf Hiddensee, der andere ist aus Plastik, und die Zahl ist als Sichtnummer gedacht, um das Tier von Weitem zuordnen zu können. Mit dem Zustand der Lindower Tiere, deren Eltern laut Peter Groß zwischen dem 15. und 18. April ankamen, ist Henry Lange zufrieden. Sie erhalten die Beringungsnummern BA039102, 03 und 04 sowie die Sichtnummer BT 21, 22 und 23, die für Vogelkundler aus mehreren hundert Metern Entfernung per Fernglas zu erkennen ist.
„Selbst der Kleine ist gut im Futter“, so Lange. Zwischen viereinhalb und fünf Wochen sind die Jungtiere alt und bringen 1410, 1510 und 1570 Gramm auf die Waage. Erwachsene Fischadler wiegen zwischen 1,5 Kilogramm und zwei Kilogramm und haben eine Flügelspannweite von rund 1,7 Metern.
Die Lindower Jungtiere lassen die Untersuchung klaglos über sich ergehen. Hechelnd liegen sie in Demutshaltung am Boden, während über dem Feld die Fischadler–Eltern ihre Kreise ziehen und immer wieder warnende Rufe ausstoßen. Doch sie greifen nicht ein. „Fischadler sind gemütliche Tiere, sie fliegen höchstens Scheinangriffe“, berichtet der ehrenamtliche Horstbetreuer, der bis zu sechsmal in der Saison die Nester besucht. Mal, um zu sehen, ob die Tiere schon zurück sind, ob sie ein Nest bauen, ob sie brüten, ob die Jungen geschlüpft sind, zur Beringung und um zu prüfen, ob sie alle losgeflogen sind. Doch nur zur Beringung wird der Horst bestiegen, um die Tiere nicht zu sehr zu stressen. Peter Groß ist stolz, dass es in diesem Jahr wieder drei Jungtiere bei den Fischadlern in Lindow gibt. Im vergangenen Jahr war es nur eines. Und so greift sich der Lindower die Tiere, die durch die Beringung quasi ihren Personalausweis erhalten haben, und legt sie in den Sack, damit Maximilian Bona sie wieder in den Horst setzen kann.


