Neuer Stadtschreiber: Auf der Flucht vor dem Konsum

Neu in Rheinsberg: Akos Doma hat die Stadtschreiberwohnung vor zwei Wochen bezogen. Der aus Ungarn stammende Schriftsteller möchte während seiner Zeit in der Prinzenstadt unter anderem seinen neuesten Roman fertigstellen.
MOZ/Brian KehnscherperWer Akos Domas erreichen möchte, muss ihm eine E–Mail schreiben. Ein Handy hat er nicht. Er möchte auch keines haben. „Vor der Konsumgesellschaft kann man immer schwerer flüchten. Der Konsum wird immer omnipotenter“, sagt er. „Die Natur geht immer weiter zurück und es bleibt nur noch ein zombiehaftes Dahinvegetieren.“ In Rheinsberg ist er davon halbwegs befreit. Die minimalistisch eingerichtete Stadtschreiberwohnung bietet Platz für Gedanken. Doma glaubt, dass er in den Monaten seines Aufenthalts dort, seinen aktuellen Roman fertigstellen wird.
Der 55–Jährige wurde in Budapest geboren und wuchs dort die ersten Jahre seines Lebens auf. Mit seinen Eltern emigrierte er über Italien nach England. Im Alter von 14 Jahren kamen er und seine Familie nach Ambach. Nach dem Abitur studierte Doma zwei Jahre in München Anglistik, Amerikanistik und Germanistik. 1986 wechselte er an die Universität Eichstätt in Oberbayern, wo er promovierte. Noch heute lebt er in dem 14.000–Seelen–Städtchen. Das Großstadtleben liege ihm nicht.
Einige Jahre verdiente Doma seine Brötchen als Übersetzer ungarischer Literatur. Er selbst habe sich aber schon immer als Schriftsteller betrachtet. „Als Übersetzer ist alles vorgegeben. Man muss es nur getreu wiedergeben, die Stimmung einfangen. Als Schriftsteller ist man gottgleich“, sagt er. Dennoch glaubt er, dass das Übersetzen befruchtend auf seine Arbeit als Schriftsteller gewirkt hat. Bei beidem würde man nach dem treffendsten Begriff, dem richtigen Ton suchen. 2001 wurde Domas Debütroman „Der Müßiggänger“ veröffentlicht. Wäre er nicht Schriftsteller geworden, würde er von Deutschland vielleicht noch immer nur Bayern gesehen haben. Durch diverse Stadtschreiber–Stipendien sei er in den vergangenen 12, 13 Jahren herumgekommen.
Der erste Roman des dreifachen Vaters, handelt von einem jungen Philosophiestudenten, der am Sinn des Lebens, an der Vernunft der Gesellschaft zweifelt. Er lebt in den Tag hinein und entzieht sich jeder sozialen Verantwortung. Auch wenn Domas 2016 erschienener Roman „Weg der Wünsche“, der von einer Familie handelt, die aus Ungarn flüchtet, „von A bis Y“ biografisch sei, so stecke in seinem Debüt am meisten von seiner eigenen Persönlichkeit. Sein bisher letzter Roman handle mehr von seiner Familie. „Ein Debütroman ist oft Ausdruck der eigenen Befindlichkeit“, sagt Doma. In „Der Müßiggänger“ habe er seine Flucht vor der Konsumgesellschaft thematisieren wollen. „Literatur ist oft eine Auseinandersetzung mit der Welt. Es ist häufig ein Unbehagen dabei.“
Ob reale Flucht aus einem Land oder mentale Flucht vor gesellschaftlichen Verhältnissen, Akos Doma verfolgt die Frage, wie Menschen anders leben können, als es ihnen oktroyiert wird. Dabei greift er immer wieder eigene Erfahrungen auf. Das Lebensgefühl in Osteuropa sei noch ein anderes; die Kultur dort greife tiefer, diene weniger zur Unterhaltung, werde mehr gelebt. „Dabei klammere ich das Idealistische, den Kommunismus aus. Es geht mir um das Lebensgefühl“, sagt er. Der 55–Jährige wuchs mit den Klassikern der russischen Literatur auf — Tolstoi, Dostojewski. Weltliteratur. Schnell habe er gemerkt, dass es heute keinen Sinn hat, zu versuchen so etwas zu schaffen. Wer als Schriftsteller Erfolg haben möchte, müsse unterhalten. Eigene intellektuelle Eitelkeiten müssten dabei zurückgeschraubt werden.
Was den Schriftsteller sehr reizt, ist die Monarchie des 19. Jahrhunderts. Österreich und Ungarn seien durch die gemeinsame Geschichte sehr ähnlich. Und durch die Nähe zu Österreich habe auch Bayern einen Teil der Mentalität. „Mich reizt das Vergangene, das leicht dekadente Flair, die Kaffeehauskultur. In Budapest oder Prag wabert das Flair des Vergangenen noch durch die Luft.“ Im kleinen Rahmen findet Akos Doma das auch in Rheinsberg, wo einst die Preußenprinzen Friedrich und Heinrich residierten. Er ist neugierig, was ihn dort erwartet und kann es kaum abwarten dass es wärmer wird, damit er die Natur erkunden kann. „Denn ich bin absolut kein Wintertyp.“ In seinen jetzigen, fast abgeschlossen Roman werden die Rheinsberger Eindrücke keinen Eingang mehr finden. „Was ich hier erlebe, fließt wahrscheinlich in den nächsten Roman mit ein.“